"Auch Kinder müssen Frust aushalten können"

Interview1. Februar 2014, 17:42
175 Postings

Was muss ein Kind wann können? Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert über die extreme Unreife von Babys, das intuitive Elternprogramm und warum sich afrikanische und europäische Kinder unterschiedlich entwickeln

Standard: Im Mutter-Kind-Pass, der heuer 40-jähriges Jubiläum feiert, steht genau, ab welchem Alter ein Kind was können muss: zwischen dem 3. und 4. Monat "lacht" oder kurz nach dem 1. Geburtstag "bemerkt Löffel". Müssen Kinder so genormt aufwachsen?

Ahnert: Während bei anderen Säugetierarten die Kinder nach der Geburt sofort lebensfähig sind, zeichnet sich das menschliche Baby durch eine extreme Unreife aus. Für ein Nachreifen, und damit funktionsfähige Verhaltens- und Verarbeitungsleistungen entstehen, braucht es jedoch gezielte Betreuungsbedingungen. Bis zum zweiten Lebensjahr beobachtet man dabei eine Verdreifachung des Hirngewichts. Das heißt aber auch, dass ein Großteil neuer Hirnareale unter diesen frühen Umwelteinflüssen entstehen und die frühe Entwicklung damit eben nicht nur an biologische Nachreifung schlechthin gebunden ist, sondern sehr variationsreich sein kann.

Standard: Aber es kann auch Eltern unter Druck setzen, wenn sie ständig lesen, was denn ihr Kind gerade unbedingt können muss.

Ahnert: Sicherlich gibt es Meilensteine der Entwicklung, die zu bestimmten Zeiten beim Kind überall auf der Welt vorkommen. Treten sie verzögert auf, ist dies auch immer ein Alarmzeichen. Eltern sind beispielsweise höchst verunsichert, wenn ihr Kind nicht zum richtigen Zeitpunkt zu sprechen beginnt oder im Allgemeinen zu wenig Worte verwendet; im zweiten Lebensjahr sollte das Kind rund 50 Wörter sprechen können. Es gibt jedoch nicht selten Entwicklungsverläufe, die in dieses Normschema nicht hinein passen. Das kann dann entweder auf einen ganz besonderen Entwicklungsverlauf hindeuten, bei dem das Kind seine Muttersprache einfach anders lernt, oder es deutet auf eine beginnende Sprachstörung hin. Hier finde ich diese Screenings eigentlich sehr gut, um Eltern und Kinderärzte aufmerksam zu machen, den Sprachprozess im Auge zu behalten und Maßnahmen einzuleiten, wenn er zu deutlich abweicht.

Standard: Sollten die Mutter-Kind-Untersuchungen weiter als bis zum 5. Lebensjahr möglich sein?

Ahnert: In den ersten Lebensjahren werden die Weichen für die Entwicklung gestellt und die Entwicklungsverzögerung, die dort entdeckt werden kann, ist am hoffnungsvollsten therapierbar: durch Logopädie, Physiotherapie oder andere Therapieformen. Insofern sind die Mutter-Kind-Untersuchungen der Frühzeit im richtigen Zeitfenster angesiedelt. Kinder, die sich außerhalb der Norm entwickeln, müssen jedoch auch später im Auge behalten werden. Ich glaube nur, dass neben dem Kinderarzt andere Spezialisten aufzusuchen sind, die helfend eingreifen.

Standard: Verändern sich diese Normen?

Ahnert: Ja. Die Entwicklungsnormen müssen alle zehn bis 20 Jahre überholt werden. Kinder scheinen sich immer schneller zu entwickeln und erwerben bestimmte Fähigkeiten zu einem früheren Zeitpunkt als wir das vor 50 oder 100 Jahren getan haben. Das wird damit erklärt, dass der Wissenserwerb und die Bildung an unserer eigenen Kompetenz etwas verändern und dies in die nächste Generation übertragen wird. Man spricht auch von kultureller Evolution, wenn die nächste Generation schon auf einem höheren Wissensbesitz ansetzt als die vohergegangene. Denken Sie daran, welche Technologien wir heute haben, was wir heute wissen.

Standard: Aber das würde doch bedeuten, dass Kinder in den hochtechnisierten Industriestaaten, was diese "kulturelle Evolution" betrifft, bevorteilt sind...

Ahnert: ...gegenüber denen, wo es das nicht gibt? Bei diesen höheren Technologien trifft das wohl besonders für die Denkentwicklung zu. Schauen wir in afrikanische Länder wie Malawi, in denen die Kinder in Lehmhütten ohne Wasser und Strom groß werden und keine Spielzeuge bekommen, da lernen sie anderes als unsere europäischen Kinder: wie man Essen zubereitet, auf die Geschwister aufpasst und das Feld hinter der Hütte bestellt. Das sind zwar ebenfalls kluge, intelligente Leistungen, aber die Herausforderung ist natürlich nicht so anspruchsvoll wie der Umgang mit dem Computer oder mit Problemen, die sich unseren Kindern bereits im Vorschulalter stellen.

Standard: Das würde bedeuten, dass die Ungerechtigkeit sich fortsetzt.

Ahnert: Wenn Sie dort keine Bildung hinbringen, wenn Sie das Denken der zivilisierten Welt nicht hinbringen, dann geht die kulturelle Evolution an solchen Orten vergleichsweise zögerlicher voran. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch eine emotionale, soziale Intelligenz. Da stellt sich dann die Frage, ob die Kinder an Orten wie Malawi durch die Gruppe, durch das Miteinander, die Techniken des Kooperierens, viel ausgiebiger als die unsere europäischen Kinder gefordert sind.

Standard: Das ist der Nachteil der Individualisierung.

Ahnert: Ja, durchaus.

Standard: Ziehen wir Egos heran?

Ahnert: Sagen wie so: Unsere heutige Welt gibt uns schon die Sorge auf, dass die Kinder zu isoliert aufwachsen könnten. Sie werden in ihren heutigen Familien vielfach alleine groß - Geschwisterkinder fehlen. Die Individualisierung wird zusätzlich ganz stark als Wert gefördert. Man möchte, dass das Kind seine eigene Persönlichkeit ausbildet und als Person erstarkt. Erst dann soll es sich um den anderen kümmern. Bei den Sozialgemeinschaften in Malawi ist es genau umgekehrt. Da steht zuerst das Gemeinsame im Fokus. Der Mensch lernt zuerst in der Gruppe zu leben, sich zurückzunehmen und den anderen zu akzeptieren.

Standard: Wir stecken unsere Kinder aber doch viel früher in den Kindergarten als vor 30, 40 Jahren. Damals galt so ein Kind als "arm".

Ahnert:  Damals war es jedoch noch selbstverständlich, Geschwister und den erweiterten Familienkreis mit Großeltern, Onkeln und Tanten zu haben. Weil uns das alles weggebrochen ist, kann eine außerfamiliäre Betreuung, sofern sie qualitativ hervorragend angeboten wird, etwas Wichtiges für unsere Kinder sein.

Standard: Der Kindergarten als Ersatzfamilie?

Ahnert: Es ist eine neue Form, um soziale Techniken zu üben. Wichtig für die Entwicklung sind auch die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen und in Gruppen. Eltern können das nicht bieten, denn der Erwachsene ist ja dem Kind gegenüber immer überlegen.

Standard: Es gibt ständig die Diskussionen, ob und wann man in einem Kinderdisput einschreiten soll. Ihr Tipp?

Ahnert: Das ist ein Balanceakt. Einerseits braucht ein Kind einen Impuls, um aus dem eigenen Streitmuster herauszufinden. Daher ist es nicht schlecht, ab und zu lenkend einzugreifen. Andererseits ist es gut, dass die Kinder untereinander ihre eigene Konfliktlösung finden, auch wenn diese unvollkommen bleibt.

Standard: Auch wenn sie frustriert werden?

Ahnert: Warum nicht? Auch Kinder müssen Frust erleben und aushalten können. Als liebender Elternteil wird man wohl versuchen, das von vornherein zu unterbinden. Dabei braucht das Kind nach einer Enttäuschung auch ein Reflektieren und Setzen lassen. Allerdings braucht es auch für diese aktive Auseinandersetzung einen Menschen, der sich die Zeit nimmt, ihn dabei zu begleiten.

Standard: Es gibt derzeit einen Run auf "Babygebärdensprachkurse", Eltern hoffen, durch diese Kurse schon ihre Säuglinge richtig verstehen zu können. Wissen Eltern nicht auch so, was ihr Kind will?

Ahnert: Na klar. Wir bringen von unser Evolution und Biologie her ein intuitives Elternprogramm mit. Das kann die Forschung auch nachweisen. Ein Beispiel: Eltern nehmen automatisch exakt den richtigen Abstand zum Baby ein, wenn sie glauben, dass das Kind noch gar nicht so richtig sehen kann. Oder sie gehen mit Angeboten an das Kind, die genau in die Kapazität des Kindes passen. Dieses intuitive Elternverhalten ist angelegt und drängt auch aus uns heraus, es wird aber sehr gerne überlagert und verformt, wenn Eltern zu ängstlich sind, sich zu viele Gedanken machen.

Standard: Aber gerade heute machen sich die meisten ständig Gedanken über ihre Erziehung.

Ahnert: Es ist alles so verkopft. Werdende Eltern glauben, sie müssen die Ratgeberliteratur schon vor der Geburt lesen. Dann sind sie ganz irritert, weil diese Bücher ja auch keine einheitliche Meinung anbieten.

Standard: Sie sind Mitbegründerin eines 2013 gegründeten wissenschaftlichen Netzwerkes zur Erforschung der Vaterschaft. Wieso waren Väter so lange außerhalb des Spektrums wissenschaftlicher Forschung?

Ahnert: Ehrlich? Das wissen wir auch nicht. Aber wir denken, dass es jetzt an der Zeit ist, dezidiert an die Väter heranzugehen und vor allem auch Stiefväter in den Blick zu nehmen.

Standard: Was bedeutet es für ein Kleinkind, wenn während der ersten beiden Lebensjahre nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater in Karenz geht?

Ahnert: Diese Programme sind nicht sehr alt. Wir haben noch keine systematischen Einblicke, was das für ein Kind bedeutet. Aber auch die emotionale Balance von einem Kind wird von außen beeinflusst. Rein von seiner Unreife her hat ein kleines Kind es gar nicht im Griff, was Emotionen mit ihm machen: die Ängste, Unsicherheiten oder ihre Unbeholfenheit. Da ist es schon wichtig, dass eine erwachsene Person sich in diese Situationen hineinversetzt, und regulierend eingreift. (Peter Mayr, derStandard.at, 1.2.2014)

Zur Person: Lieselotte Ahnert, geboren 1951 in Gräfenroda (Thüringen), ist Professorin am Institut für Angewandte Psychologie an der Universität Wien Arbeitsbereich Entwicklung.

Für ihre neue Forschungsstudie sucht sie Stiefväter von Vorschulkindern. Es fehle hier vor allem an Information. Meldungen an: b.supper@univie.ac.at

  • Den Umgang mit Frust zu lernen, ist wichtig für Kinder.
    foto: ap photo/lee jin-man

    Den Umgang mit Frust zu lernen, ist wichtig für Kinder.

  • Lieselotte Ahnert leitet an der Universität Wien den Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie und knüpft damit an eine 90jährige Forschungstradition an.
    foto: © universität wien

    Lieselotte Ahnert leitet an der Universität Wien den Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie und knüpft damit an eine 90jährige Forschungstradition an.

Share if you care.