Der Physiker des New Age ist 75

1. Februar 2014, 11:41
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Der aus Wien stammende Fritjof Capra hat eine (vermeintliche) Wendezeit entscheidend mitgeprägt

Wien/Berkeley - Teilchenphysik und New Age - diese beiden scheinbar gegensätzlichen Welten versucht der aus Österreich stammende Wissenschafter und Autor Fritjof Capra zu verbinden. Mit Werken wie "Das Tao der Physik" (1975) oder "Wendezeit" (1983) spannte der Physiker den Bogen zwischen abendländischer Ratio und fernöstlicher Philosophie. Am 1. Februar ist Capra 75 Jahre alt geworden.

Werdegang

Capra wurde am 1. Februar 1939 in Wien geboren. Nach Kindheit in Kärnten und Physik-Studium an der Universität Innsbruck promovierte er in seiner Geburtsstadt. Sein Weg führte durch die Laboratorien der Universität Paris in Orsay und des Imperial College in London zum Teilchenbeschleuniger der Stanford Universität (Stanford Linear Accelerator Center) in Palo Alto (US-Bundesstaat Kalifornien). Dort und im benachbarten Berkeley beobachtete er aus allernächster Nähe, wie sich die politische Protestbewegung der 1960er Jahre in gegenkulturelle Aktivitäten verwandelte.

Seine Popularität verdankte der Forscher mit den Schwerpunkten Quantenfeldtheorie, theoretische Elementarteilchenphysik und Systemtheorie zunächst der Gabe, komplizierte Vorgänge verständlich darstellen zu können. Als Professor für Hochenergiephysik füllte Capra mit Vorlesungsreihen wie "Physik für Nichtphysiker" oder "Einführung in die Theorie lebender Systeme" ab 1974 die Hörsäle der Universität von Kalifornien in Berkeley. 1984 übernahm er dort außerdem einen Lehrauftrag für Systemtheorie am von ihm gegründeten Elmwood Institut zur Synthese und Vermittlung neuer ökologischer Visionen.

Bestseller

Mitte der 1970er Jahre avancierte der erfolgreiche Wissenschafter mit "Das Tao der Physik" zum Vordenker des "New Age". Geprägt von einem gewissen Unbehagen an der Wissenschaft, von Mystik und einer Vorliebe für die Philosophie Asiens, entwickelte Capra ein Weltbild, das auch nicht-menschlichen Lebensformen innere Werte zuordnet. In den Mittelpunkt stellte er die Besinnung auf die Natur, Umweltschutz, nachhaltige Entwicklung, ganzheitliche Medizin und Psychotherapie.

Capras zweiter Bestseller "Wendezeit" wurde dann über Nacht zum Schlagwort der New-Age-Bewegung. Die darin erhobene Forderung nach einer "Umwertung aller Werte" brachte der Bewegung aber auch den Vorwurf ein, sich eine Art Selbsterlösungsreligion geschaffen zu haben. Seine Thesen vertritt der Wissenschafter nach wie vor - die New-Age-Strömung, deren Namen er immer ablehnte, sieht er mittlerweile aber zu sehr in die Esoterik-Ecke abgedriftet.

Weitere Veröffentlichungen

Als Autor blieb Capra weiter aktiv: In "Green Politics" (1984) analysierte er den Aufstieg der Grünen in Deutschland. Sein Buch "Verborgene Zusammenhänge" (2002) verordnet eine "ökologisch nachhaltige Gemeinschaft" zur Bewältigung von Globalisierung, Rohstoffverknappung, Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Zuletzt widmete sich Capra in mehreren Büchern den wissenschaftlichen Schriften Leonardo da Vincis. "The Science of Leonardo" (2007) beschreibt etwa dessen Leben und Leistungen sowie seine wissenschaftlichen Methoden und würdigt ihn als "ersten modernen Wissenschaftler, lange vor Galileo, Bacon und Newton". 2012 erschien "Learning from Leonardo".

Seine Theorien wandte Capra unter anderem auch auf das Wirtschaftsleben an, etwa auf das Change Management in großen Organisationen. Dementsprechend gibt er neben seiner Lehrtätigkeit in Berkeley und am britischen Schumacher College für Ökologie auch Management-Seminare für Führungskräfte. Am von ihm gegründeten Center for Ecoliteracy in Berkeley propagiert er darüber hinaus "ökologische Bildung" an den Schulen - diesem Thema widmete der nach wie vor in Berkeley lebende Wissenschafter auch 2009 das Buch "Smart by Nature: Schooling for Sustainability". (APA/red, derStandard.at, 1. 2. 2014)

  • Physik, Philosophie, Ökonomie, Ökologie und vieles mehr: Selbst ein Universalist, beschäftigte Fritjof Capra sich unter anderem ausführlich mit dem Schaffen Leonardo da Vincis.
    foto: apa/dpa

    Physik, Philosophie, Ökonomie, Ökologie und vieles mehr: Selbst ein Universalist, beschäftigte Fritjof Capra sich unter anderem ausführlich mit dem Schaffen Leonardo da Vincis.

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