Die Urkatastrophe von 1914 wirkt in unsere Gegenwart

Kommentar der anderen31. Jänner 2014, 18:37
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Die Folgen des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo wirken nach – nicht nur auf dem Balkan, auch im Nahen und Mittleren Osten

In diesem Jahr jährt sich zum einhundertsten Mal der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und dies sollte Anlass genug sein, darüber nachzudenken, was uns diese Urkatastrophe Europas für die Gegenwart zu lehren hat. Und es war ja nicht nur die europäische Urkatastrophe, die Folgen von Sarajevo 1914 beschäftigen die internationale Politik und das globale Staatensystem bis heute. 

Haben wir aus dem Politikversagen der beteiligten Regierungen, Institutionen und Strukturen der internationalen Diplomatie im Sommer 1914 etwas gelernt? Oder ist es nicht völlig vergebens, aus der Geschichte etwas lernen zu wollen? Denn muss nicht jede Generation jeweils erneut ihre eigenen Erfahrungen machen, um zu lernen? Eine kurze Antwort auf diese Fragen sei hier versucht.

Noch heute plagt sich ein großer Teil der nördlichen Hemisphäre mit den Hinterlassenschaften der großen europäischen Imperien, von denen die meisten im Gefolge des Ersten Weltkriegs zusammengebrochen sind, wie das Habsburgerreich, das Russische Kaiserreich und das Osmanische Reich – oder deren Untergang mit diesem Krieg und seinem nur um kurze Zeit verzögerten zweiten Akt, dem Zweiten Weltkrieg, eingeleitet und dann besiegelt wurde, wie dem Britischen Empire. Dieser Kollaps hat Bruchzonen zurückgelassen, die bis in die Gegenwart hinein hohe Risiken für den regionalen oder gar Weltfrieden beinhalten. Am unmittelbarsten gilt das für den Balkan und den Nahen und Mittleren Osten. 

Krieg kehrte zurück

Nach dem Ende des Kalten Krieges, der das Ende des unter kommunistischen Vorzeichen erneuerten russischen Imperiums in Gestalt der Sowjetunion mit sich brachte, war auf dem Balkan der Krieg zurückgekehrt unter sehr ähnlichen Vorzeichen wie in der Zeit vor 1914. 

Erneut gingen sich im ausein­anderbrechenden Jugoslawien aggressive Nationalismen gegenseitig an die Gurgel, angeführt vom großserbischen Nationalismus eines Slobodan Milošević. Freilich war dieser nicht allein. Europa drohte damals für einen längeren Augenblick in die Konfrontation von 1914 zurückzufallen: Paris und London unterstützten Serbien, Bonn und Wien Kroatien. 

Es kam jedoch nicht zu diesem Rückfall, denn schlussendlich, nach langem qualvollem Zuwarten, hatte der Westen aus seinen Fehlern in der Geschichte gelernt. Ob dies ohne das Eingreifen der USA allerdings geschehen und umsetzbar gewesen wäre, darf bezweifelt werden. Drei Dinge haben dazu beigetragen: die Präsenz der USA und ihrer Militärmacht, der Fortschritt der europäischen Integration und der Abschied Europas von der Großmachtpolitik. Aber man sollte sich nichts vormachen. Nur solange die Nationen des Balkan an die EU und an eine Perspektive der Mitgliedschaft glauben, wird der immer noch prekäre Frieden von Dauer sein.  

Der Nahe und Mittlere Osten, wie wir ihn kennen, wurde im Wesentlichen von den beiden europäischen Mächten Großbritannien und Frankreich geschaffen. Verhandelt haben die damalige Aufteilung des osmanischen Erbes die beiden Spitzendiplomaten Sykes und Picot. Und auch die spätere Gründung Israels geht auf die "Balfour-Erklärung"  des britischen Außenministers aus dem Herbst 1917 zurück, mit der die spätere britische Mandatsmacht die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina unterstützte. 

Der damals geschaffene Nahe Osten hat mehr oder weniger bis heute überdauert. Gegenwärtig allerdings sind wir Zeugen seines Zerfalls, denn der Nahe Osten von Sykes und Picot setzte immer eine starke externe Hegemonialmacht (oder auch zwei) voraus, die in der Lage und willens war, die zahlreichen Konflikte in dieser Region zu kanalisieren oder zugunsten der Stabilität gar zu unterdrücken. Erst waren dies England und Frankreich, dann die USA und teilweise die Sowjetunion, schließlich die USA allein. 

Das amerikanische Abenteuer im Irak und die Erschöpfung der amerikanischen Weltmacht haben nun das Ende von Sykes-Picot eingeleitet, weil die USA das Niveau ihres Engagements nicht aufrechterhalten wollen und können und keine andere externe Ordnungsmacht zur Verfügung steht. Das eingetretene Vakuum versuchen chaotische Entwicklungen, wie Terrorismus, verschiedene Strömungen des Islam, soziale und politische Bewegungen bis hin zum Aufstand und Sezessionsversuche nationaler oder religiöser Minderheiten und regionale Akteure mit Vorherrschaftsambitionen, wie Iran und Saudi-Arabien, auszufüllen. 

Die erzwungene Stabilität des alten Nahen Osten wird in unseren Tagen durch eine chaotische Instabilität abgelöst werden, die vor den Grenzen, wie sie Sykes und Picot gezogen haben, kaum haltmachen wird. Zumindest legen dies die Entwicklungen in Syrien und im Irak nahe, und auch die Frage nach der Zukunft des ­Libanons und Jordaniens könnte dadurch aufgeworfen werden. 

Keine Weltmachtrivalitäten

Eine der wenigen positiven Nachrichten aus dieser an Gefahren so reichen Region ist, dass es dort gegenwärtig keine Weltmachtrivalitäten gibt. Umso gefährlicher könnte sich allerdings der Hegemonialkonflikt zwischen Iran, Saudi-Arabien mit Israel in der dritten Position erweisen, zumal alle Akteure tief im Denken traditioneller Machtpolitik verhaftet bleiben. Regionale kooperative Konfliktlösungsstrukturen und -traditionen existieren dort kaum. 

Die größte Besorgnis allerdings muss die Erinnerung an den Sommer 1914 in Ostasien auslösen, denn dort ballen sich – fast wie aus dem Geschichtsbuch! – alle Ingredienzien der damaligen Katastrophe: eine nuklearisierte Region, die aufsteigende Weltmacht China, Großmächterivalitäten, offene Territorial- und Grenzfragen, der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel, offene historische Rechnungen, Prestigedenken und kaum kooperative oder gar inte­grative Konfliktlösungsmechanismen, sondern Machtdenken pur und überall Misstrauen.

Weshalb es dennoch Anlass zu Optimismus gibt? Erstens die fortdauernde Präsenz der Weltmacht USA als stabile Balance; zweitens die Tatsache der Nuklearwaffe; und drittens eine durch die Globalisierung verursachte und sich verstärkende gegenseitige Abhängigkeit. Ohne diese drei Faktoren bestünde in Ostasien die akute Gefahr eine großen Krieges.

Stabilisierende Faktoren

Die Welt seit jenem Sommer 1914 hat sich dramatisch verändert: Lebten damals zwei Milliarden Menschen, so sind es heute über sieben, was, gemeinsam mit der Kommunikationsrevolution, ganz andere Abhängigkeiten schafft und zur Kooperation zwingt. Der zweite Faktor ist die Nuklearwaffe, welche die gegenseitige Zerstörung zur Gewissheit macht und somit den Krieg unter Großmächten als Element der Machtpolitik ausgeschaltet hat. Freilich existiert die Gefahr fort. Und drittens erweist sich die Präsenz der Weltmacht USA als Ordnungsfaktor als unverzichtbar.

Die Welt, das Denken und die Strukturen der internationalen Diplomatie und vieles mehr haben sich seit 1914 verändert. Und, ja, es wurde sogar einiges aus der Geschichte gelernt, welches die Welt sicherer gemacht hat. Aber vergessen wir nicht: Im Sommer 1914 hielten die meisten Akteure die dann kommende Katastrophe und ihre Folgen für nicht möglich. Und es geschah trotzdem! (DER STANDARD, 1.2.2014)

Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister und ­Vizekanzler. In den beinahe 20 Jahren seiner Führungstätigkeit bei den Grünen trug er dazu bei, aus der ehemaligen ­Protestpartei eine Regierungspartei zu machen. Copyright: Project Syndicate / Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 2014.

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