Haben Vegetarier Leichen im Keller?

Gastkommentar31. Jänner 2014, 16:47
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Meike Büttner isst kein Fleisch. Ist sie deswegen ein schlechter Mensch?

Ich esse kein Fleisch. Hat der vorangegangene Satz nun irgendetwas in Ihnen bewegt? Hassen Sie mich? Finden Sie, dass das noch lange nicht reicht, oder sind Sie nach diesem Geständnis meinerseits vielleicht der Meinung, dass wir das jetzt unbedingt mal diskutieren müssten? Ich esse kein Fleisch und das ist gut so. Für mich.

Sie essen vielleicht Fleisch und für Sie ist das gut so oder Sie essen gar keine tierischen Produkte und das ist dann ebenso gut. Ist ja eigentlich unsere Privatsache. Und dennoch gibt es nur wenige Themen, die so viel Zündstoff bieten wie das Thema Fleischkonsum.

Der Handel mit Lebensmitteln ist lukrativ

Und darum erlebte auch gerade erst der Blogger Felix Olschewski einen Shitstorm, nachdem er in seinem Blog geäußert hatte, dass Vegetarier ebenso Leichen im Keller hätten. Gleich neben den Kartoffeln, bei den Sojasprossen. Denn Soja wird in Monokulturen angebaut. Das bedeutet die Verödung ganzer Nährböden und somit auch den Tod vieler Lebewesen. Inzwischen wird im Amazonas immer mehr Land für den Sojaanbau gerodet. Auch das führt selbstverständlich zum Tod zahlreicher Lebewesen. Zudem ist das Geschäft mit der Sojabohne fest in der Hand großer Unternehmen, welche die Preise auf dem Weltmarkt bestimmen und somit dafür sorgen, dass Bauern in Entwicklungsländern sich kein Saatgut mehr leisten können. Es leiden also nicht bloß Tiere, sondern es sind Menschen, die hungern müssen.

Nun wird es etwas kniffelig. Denn 80 Prozent des gesamten Sojabestandes auf der Welt wird an Masttiere verfüttert. Die Schäden, die durch intensiven Sojaanbau entstehen, liegen demnach eher in der Verantwortung derer, die Fleisch konsumieren. Hinzu kommt: Auf fleischliche Produkte zu verzichten, bedeutet nicht gleichzeitig einen Anstieg des Sojabohnenkonsums. Linsen zum Beispiel haben mehr Eiweiß als ein Steak und eine Tofuwurst zusammen.

Es gibt also keinerlei zwangsläufige Korrelation zwischen fleischloser Ernährung und dem Konsum von Sojabohnen. Im Grunde ist das alles unerheblich, denn in Zeiten von Nahrungsmittelspekulationen kann ohnehin kein Mensch etwas essen, ohne damit indirekt für den Hunger eines anderen verantwortlich zu sein. Es sei denn, Mensch baut sein Essen selbst an und ist nicht auf das Gemüse aus dem Supermarkt angewiesen. Der Handel mit Agrarrohstoffen ist zu einem lukrativen Geschäft geworden, seit er für die Börse geöffnet wurde. In Deutschland ist der Börsenhandel seit 2004 erlaubt. Unendliche Mengen an Getreide, Bohnen und Baumwolle werden mit Futures und Optionen gehandelt, ohne dass einer der Käufer tatsächlich an der Auslieferung der Ware interessiert wäre.

Nahrungsmittelspekulant*innen kaufen die Handelsgüter auf dem Papier, um sie später an den wahren Endverbraucher weiterzuverkaufen. Damit treiben sie die Preise in die Höhe und verstärken die Armut in den Entwicklungsländern.

Auch Wasser wird gehandelt

Am 15. Januar hat sich das Europäische Parlament darauf geeinigt, den Handel mit Lebensmitteln in Zukunft zu regulieren. Allerdings sollen diese Geschäfte nicht unterbunden, sondern mit Obergrenzen reguliert werden. Der Haken an der Einigung ist jedoch, dass sie keinen europäischen Standard einführen, sondern das Festsetzen dieser Obergrenze den jeweiligen Nationen überlassen wollen. Doch selbst wenn diese Geschäfte komplett verboten wären, würde dies den Welthunger zwar mindern, beenden könnte es ihn nicht.

Lebensmittel sind ein Evergreen. Sie werden immer abgesetzt, weil jeder sie braucht. Der Handel mit ihnen ist also ein hart umkämpfter Markt. Das wichtigste aller Lebensmittel, nämlich Wasser, wird inzwischen weltweit hauptsächlich von vier Unternehmen vertrieben. Nestlé, Danone, Pepsi und Coca Cola. Marktführer Nestlé machte im Jahr 2012 allein mit Trinkwasser umgerechnet etwa 5,9 Milliarden Euro. In Algerien zum Beispiel hat Nestlé kurzerhand die Wassernutzungsrechte vom Staat gekauft, riegelt nun rigoros Wasserquellen ab und versperrt somit der Bevölkerung den Zugang zum Wasser.

Wer nun über die algerische Regierung schimpfen möchte, sei gewarnt: denn 2013 hat das Europaparlament entschieden, dass Kommunen das Wassernetz für den europäischen Wettbewerb öffnen müssen. Die Folgen davon ähneln sich. Zuständig für die Wasserqualität ist nun die Finanzpolitik der großen Konzerne. Und wenn diese Unternehmen Verluste machen, dadurch dass sie lokale Wasserversorgungsbetriebe unterbieten, müssen sie diese Verluste später wieder hereinholen. Kosten sparen können sie dann zum Beispiel – wie in Großbritannien bereits geschehen – durch weniger Kontroll- und Sanierungsarbeiten.

Wasser ist ein Menschenrecht. Es gehört also zum Gemeinwohl und darf nicht als Handelsgut gelten.

Seit dem Weltwassergipfel 2000 in Den Haag ist Wasser eine Handelsware wie jede andere. Europa zeigt sich in diesem Punkt ebenso wenig gnädig wie Algerien oder Pakistan, wo Nestlé buchstäblich das Grundwasser abzapft und in Flaschen füllt, während das Umland allmählich verödet. Die großen Unternehmen tun nichts Verbotenes, sondern handeln innerhalb geltender Gesetze. Wir brauchen nicht an die Vernunft eines Peter Brabeck (Nestlé-Verwaltungsratspräsident) zu appellieren, wenn wir um die Grundversorgung unserer Mitwesen bangen. In einigen Ländern wird man ein Rind vielleicht bald eher als Getränkequelle sehen und für sein Blut töten, während wir uns über Masttierhaltung streiten.

Mischt euch bitte gar nicht ein!

Ändern können wir diese Missstände nur gesetzlich. Mit verbindlichen internationalen Gesetzen. Aber so etwas gibt es nicht. Indes sorgt Dr. Werner Wolf (Präsident des BLL, eines Interessenverbands der deutschen Lebensmittelhersteller) sich um die Diskriminierung von Lebensmitteln (sic!) und stellt Forderungen an die neue Bundesregierung, die – wie könnte es anders sein – grob mit "Mischt euch bitte gar nicht ein!" übersetzt werden können.

Es ist mir egal, was ihr alle esst. Ich koche mir jetzt Gemüse und werde im Anschluss eine Dattel diskriminieren. Guten Appetit! (Meike Büttner, derStandard.at und The European, 31.1.2014)

Meike Büttner wurde 1982 im Ruhrgebiet geboren und lebt inzwischen in Berlin. Sie ist Autorin des Buches "Mutterseelenalleinerziehend", erschienen 2013 bei Knaur, betreibt den gleichnamigen Blog und arbeitet als freie Journalistin für diverse Medien. Am liebsten schreibt sie über sozialpolitische Themen. Dieser Text erscheint in Kooperation mit The European.

  • Besser als Sojasprossen?
    foto: derstandard.at

    Besser als Sojasprossen?

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