"Vielleicht ist die Unruhe auch produktiv"

Interview31. Jänner 2014, 18:40
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Das Duett Brucknerhaus und Musiktheater sei eingespielt, Disharmonie erklinge bei Stadt und Land, so die "Dirigenten" Rainer Mennicken und Hans-Joachim Frey

Linz - Wegen Zahlungen für das neue Linzer Musiktheater liegen Stadt und Land derzeit im Clinch. Die Stadt will den bestehenden Theater-Vertrag prüfen lassen, das Land hat dafür die Zahlungen ans Brucknerhaus eingefroren. Zudem wird den künstlerischen Leitern der beiden Häuser mangelnde Kooperationsbereitschaft unterstellt. Was diese bestreiten.

STANDARD: Wie wirkt sich die kulturpolitische Disharmonie zwischen Stadt und Land auf Ihre beiden Spielstätten aus?

Rainer Mennicken: Eines vorweg: Es herrscht Klärungsbedarf zwischen dem Land und der Landeshauptstadt hinsichtlich der Mittelzuweisungen. Nicht zwischen dem Brucknerhaus und dem Musiktheater. Aber natürlich sind durch die Eröffnung des Musiktheaters in Linz und Oberösterreich andere Druckverhältnisse aufgetreten. Die aber nicht durch die künstlerischen Leiter in Gang gesetzt wurden.

Hans-Joachim Frey: Eigentlich ist ja etwas Einmaliges entstanden. Linz ist heute eine der wichtigsten Kulturstädte überhaupt. Sowohl das Brucknerhaus als auch das Musiktheater haben ein wahnsinnig erfolgreiches Jahr hinter sich. Allein beim Brucknerfest hatten wir im Vorjahr um 20.000 Besucher mehr.

STANDARD: Vonseiten der Politik hört sich die Bilanz aber nicht ganz so rosig an: zwei Player, aber viel zu wenig Partner. Vor allem Ihnen beiden wird ein mangelnder Kooperationswille nachgesagt.

Mennicken: Was so nicht stimmt. Man hat den Eindruck, dass jetzt ein paar Menschen, die neu in Amt und Würden sind, auch neu über gewisse Dinge nach denken. Und dabei auf Widersprüche zwischen Stadt und Land stoßen, die uns nicht ganz unbekannt sind.

Frey: Da wird etwas aufgebauscht, was es so nicht gibt. Wir arbeiten nicht gegeneinander. Wir haben auch bereits konkrete Kooperationsmodelle angefangen.

STANDARD: Setzen Sie sich in der Phase der Spielplanerstellung für beide Häuser an einen Tisch?

Mennicken: Wir setzen uns bei den Punkten zusammen, wo es eben relevant ist.

STANDARD: Klingt jetzt nicht nach einer gegenseitig befruchtenden Zusammenarbeit.

Mennicken: Wir haben beispielsweise beschlossen, das Abschlusskonzert des Gesangswettbewerbs gemeinsam durchzuführen. Es gab ein gemeinsames Konzert zur Eröffnung der jetzt laufenden Spielzeit. Und wir planen Gemeinsames für die kommenden Spielsaisonen ...

Frey: ... und das Bruckner Orchester spielt jedes Jahr 20 Konzerte bei uns im Brucknerhaus. Es ist also nicht unser Ziel, dass jeder schaut, wie er dem anderen aus dem Weg gehen kann.

Mennicken: Wir wollen nicht Ausgrenzung betreiben.

STANDARD: Aber nur darauf zu schauen, dass man den anderen nicht ausgrenzt, ist in Zeiten, in denen die finanziellen Mittel und Zuschauerzahlen gleichermaßen schrumpfen, sehr wenig, oder?

Mennicken: Einspruch, Euer Ehren! Die Besucherzahlen wachsen - und zwar an beiden Spielstätten. Wir haben in Oberösterreich und speziell in Linz einen fruchtbaren Kulturboden. Da wird nach vorn geschaut. Und das sollten wir jetzt bitte nicht durch ewige Strukturdebatten zerreden.

Frey: Das ist ja die Gefahr: Politiker verwechseln oft stärkere Kooperation mit weniger Geld.

STANDARD: Wie stehen Sie zu dem Vorschlag von Landeshauptmann Josef Pühringer, eine Kulturholding zu gründen?

Frey: Ich glaube aufgrund der deutlichen Divergenzen zwischen Stadt und Land nicht, dass es große Strukturveränderungen geben wird. Eine Kulturholding wäre eine Möglichkeit, die aber nicht in die Realität umsetzbar ist, weil zu viele Schritte nötig sind. Meine Angst ist, dass es in erster Linie zu Einsparungen kommen soll.

Mennicken: Ich würde mal prophezeien, dass - wenn man eine Holding in Gang setzen will - es mehr Personal braucht. Außerdem ist es praktisch nur schwer denkbar. Das zeigt sich schon an der notorischen Ignoranz von städtischen und vom Land herausgegebenen Publikationen gegenüber den künstlerischen Institutionen der anderen. Es gibt nicht genügend gemeinsames Denken.

STANDARD: Also ein klares Nein zur Kulturholding?

Frey: Realität ist, dass bis zu den Landtags- und Gemeinderatswahlen 2015 nichts weitergehen wird. Mein Wunsch wäre, dass man eine Arbeitsgruppe einrichtet, die festlegt, welche Schritte sind wann in Richtung neuer Struktur machbar. Bei diesem Prozess wäre ich dabei.

Mennicken: Wenn dabei was herauskommt, bin ich gerne dabei. Ich hätte es sowieso gut gefunden, solche Dinge einmal von innen aufzurollen und nicht anhand von Finanzdiskussionen. Vielleicht ist die Unruhe auch produktiv.

STANDARD: Sind Brucknerhaus und Landestheater nun Partner oder Konkurrenten?

Frey: Ich würde sagen, wir sind Player und Partner. Konkurrenten, das Wort mag ich nicht.

Mennicken: Konku-Partner. (Kerstin Scheller und Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

Hans-Joachim Frey (48) war zehn Jahre Operndirektor der Semperoper Dresden. Seit 2013 ist er künstlerischer Leiter der Linzer Veranstaltungsgesellschaft Liva.

Rainer Mennicken (63) wechselte im Jahr 2006 als Generalintendant vom Oldenburger Staatstheater an das Linzer Landestheater.

  • Bühnengipfel im Kaffeehaus: Der künstlerische Leiter des Brucknerhauses, Hans-Joachim Frey (links), und Landestheater-Intendant Rainer Mennicken debattieren über politische Unkultur im Land.
    foto: wjd

    Bühnengipfel im Kaffeehaus: Der künstlerische Leiter des Brucknerhauses, Hans-Joachim Frey (links), und Landestheater-Intendant Rainer Mennicken debattieren über politische Unkultur im Land.

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