Fasching auf La Palma: Das Lei-Lei der Arbeitsmigranten

2. Februar 2014, 17:32
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Der Fasching auf der Kanareninsel La Palma feiert heimgekehrte Auswanderer und eine Romanze mit Kuba

Die Menge wartet in einem weißen Wirbel aus Puder. Einige werfen aus gespannter Langeweile ihre hellen Hüte in die Luft. Der Talk legt sich wie ein Schleier auf Haut und Poren. Fotografen und Fernsehteams haben deshalb ihre Kameras und Objektive mit Plastikfolien abgedeckt.

Auf der Plaza de España, dem Rathausplatz von La Palmas Inselhauptstadt Santa Cruz, beginnt eine Kapelle den Bolero aus Bizets Oper Carmen zu spielen. Nun wartet die wogende Masse weiß gekleideter Palmeros nur mehr auf die Tomasa Negra.

Der Star des Faschings

Zwanzig nach zwölf hat das Warten ein Ende. Eine schwarze Kubanerin kommt mit ihrem Gefolge um die Ecke gebogen und schwebt die Rathaustreppe hinab. Groß, pompös und mit knallrotem Dutt sticht die Tomasa aus dem Menschenmeer heraus. Wie der Papst beim Angelusgebet, segnet sie die Massen.

Auf der Kanareninsel La Palma ist diese Kubanerin der Star des Faschings und die Hauptperson des Rosenmontags - und dieser Tag der Día de los Indianos. Verkörpert werden allerdings nicht südamerikanische Indios oder gar Indianer, sondern reich gewordene Rückkehrer aus Lateinamerika. Sie feiern die Palmeros an diesem Tag.

Die wirtschaftliche Not auf der grünen Vulkaninsel im Atlantik hat immer wieder junge Menschen vorwiegend nach Venezuela und Kuba getrieben. Nachdem manche von ihnen mit Tabak- und Bananenplantagen viel Geld verdient hatten, sind sie wieder auf ihre Heimatinsel zurückgekehrt - mit Koffern voller Geld, in weißen Leinenanzügen, Guayaberahemden und mit teuren Panamahüten, einer Uniformierung, die auf den ersten Blick erkennen lassen sollte, dass diese Palmeros sich nie mehr die Finger schmutzig machen mussten.

Bekanntschaft mit der Bardame

Wie die Figur der schwarzen Kubanerin in das kanarische Ensemble fand, weiß keiner besser als Victor Lorenza Diaz Molina. Der 74-jährige Pensionist war früher Beamter der Hafenpolizei und für Einwandererbelange zuständig. Dabei lernte er auch eine Bardame aus Santiago de Cuba kennen, die im Jahr 1980 auf die Insel kam, eine Frau, über die der Pensionist mit verschmitztem Grinsen nur recht wenig erzählt und die er Jahre später auf Kuba besuchte. Sie ist die Inspiration für die Figur der Tomasa Negra.

Dieser Charakter ist im palmerischen Karneval also noch recht neu - aber dafür umso sympathischer: Nicht einer der Oberrückkehrerbarone spielt die Hauptrolle, sondern eine opulente Bardame aus der Wahlheimat vieler kanarischer Wirtschaftsflüchtlinge. Und verkörpert wird sie bis heute von Molina höchstpersönlich.

Ganze fünf Kilo wiegt sein feminines Kostüm, bestehend aus einem weißen Kleid, schwarzen Stoffbrüsten, ärmellangen Wollhandschuhen und dem auffälligen roten Kopfschmuck. "Im vergangenen Jahr habe ich 13 Stunden lang in diesem Aufzug getanzt. Überall auf der Insel warteten die Menschen auf die Tomasa Negra. Also musste ich ihr Warten an mehreren Orten beenden", erzählt der 74-Jährige.

Theorien um Tonnen Talk

Tausende feiern bis spät in die Nacht und machen aus Santa Cruz eine "ciudad blanca", eine weiße Stadt. Ganze 13 Tonnen Talkpulver werden allein auf den Straßen der Hauptstadt verstreut, und erst ein Regen danach reinigt sie wieder. Verschiedene Theorien kreisen um die Hintergründe des Pulvers.

Es symbolisiert bloß eine verdorbene Ladung Mehl, die einmal im Hafen gelöscht worden ist, sagen die einen; es erinnert an einen Brauch schwarzer Kubaner, die im rassistischen Klima der Kolonialzeit lieber weiß sein wollten, sagen andere. Viel logischer ist folgende Erklärung: Heimkehrer aus Lateinamerika wurden allesamt mit einer weißen Substanz eingerieben, um die Ausbreitung tropischer Krankheitserreger auf La Palma zu vermeiden.

Vielleicht aber muss schon in einigen Jahren die noch junge Tradition aufs Neue umgeschrieben werden. Am Rosenmontag feiern viele Jugendliche noch selbstvergessen, aber am Aschermittwoch holt sie die Realität wieder ein. Derzeit ist die Hälfte der unter 25-Jährigen auf La Palma zwar oft bestens ausgebildet, findet aber keine Arbeit.

Nach Lateinamerika gehen freilich nur mehr wenige von ihnen, dafür aber umso mehr nach Deutschland. Womöglich wird man sie dann als Rückkeh-rer mit Sauerkrautschlacht und Mercedesstern auf der Stirn feiern. (Nicolas van Ryk, Album, DER STANDARD, 1.2.2014)

  • Die Figur der schwarzen Bardame aus Kuba ist ein noch recht junger Import für den Fasching auf der Kanareninsel La Palma.
    foto: nicolas van ryk

    Die Figur der schwarzen Bardame aus Kuba ist ein noch recht junger Import für den Fasching auf der Kanareninsel La Palma.

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