Teuerstes Stundenbuch ever

31. Jänner 2014, 17:07
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In New York wechselte die wertvollste flämische Handschrift den Besitzer: das legendäre "Rothschild-Gebetbuch", das 1999 restituiert worden war

Rothschild, dieser Name begleitete die hierzulande geführten Diskussionen über Raubkunst und Restitution von Anbeginn. Kurz nachdem im Jänner 1998 in New York zwei Schiele-Gemälde aus der Sammlung Rudolf Leopolds beschlagnahmt worden waren, erschien im Standard (14. 1. 1998) ein Kommentar, der zwar Lücken "in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit", jedoch der Republik Österreich ein "weitgehend korrektes" Verhalten attestierte.

Der Autor, Historiker Oliver Rathkolb, verwies darin auf "große Teile beschlagnahmter Sammlungen der Familie Rothschild sowie rund 500 Gemälde anderer jüdischer Familien (z. B. Rudolf Gutmann, Oskar Pick, David Goldmann, Felix Haas, Sarah Lederer etc.)", die man ja "im Zuge von Restitutionsverfahren bei entsprechenden Rechtsansprüchen zurückgegeben" hatte.

Korrekte Handhabung?

Mit Letzterem waren die für die Nachkriegsjahre typischen Rückstellungsvergleiche gemeint. "So stimmte Clarice de Rotschild zu, dass von 16 Kunstwerken, die während des Zweiten Weltkrieges in das Ferdinandeum nach Innsbruck gelangten, 14 dann exportiert werden durften, wenn sie ein Werk der Albertina und eines dem Ferdinandeum schenkte", erläuterte Rathkolb. Korrektes Verhalten? Nun, tatsächlich handelte es sich bei dieser Causa um eines der beschämendsten Beispiele für Skrupellosigkeit, wie Standard-Redakteur Thomas Trenkler exakt einen Monat später (Als das Wünschen der Nazis auch im Frieden geholfen hat, 14. 2. 1998) öffentlich machte. Dem Kunstrückgabegesetz (November 1998) folgte eine Publikation (Der Fall Rothschild - Chronik einer Enteignung, Molden-Verlag, März 1999), und der Rückgabe der Sammlung an die Rothschild-Erben schließlich eine überaus erfolgreiche Auktion.

Umgerechnet rund 1,2 Milliarden Schilling durfte Christie's im Juli 1999 in seine Bücher notieren. Den höchsten Zuschlag hatte man dem bis zur Restitution in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) über Jahrzehnte verwahrten und um 1505/10 datierten Gebetsbuch erteilt: bei umgerechnet 180,4 Millionen Schilling bzw. etwa 13 Millionen Dollar.

Bis heute gilt dieses 252 Seiten umfassende Stundenbuch als wertvollste illuminierte Handschrift weltweit. Jetzt gelangte es via Christie's New York neuerlich zur Versteigerung.

Im Vorfeld hatte vergangene Woche eine Preview stattgefunden, im Zuge derer sich aus der Perspektive der Fachwelt Erstaunliches begab: Den Anwesenden sollte wohl ein detaillierter Blick auf die Kostbarkeit gewährt werden, und also entnahm man sie der Panzerglasvitrine. Ohne Handschuhe. Mit bloßen Händen. In der Branche gilt derlei als Sakrileg, eine Koloration aus dem frühen 16. Jahrhundert in dieser Art und Weise zu befingern als absolutes No-Go. Nicht ohne Grund: Denn so sauber kann keine Hand sein, dass nicht kleinste Schmutz- oder Fettpartikel übertragen würden oder sich mikroskopische lose Farbschichten lösen könnten, wie Christa Hofmann, Leiterin der ÖNB-Abteilung für Konservierung und Restaurierung, bestätigt.

Dass es sich bei den "Tätern" ausgerechnet um die verantwortlichen Christie's-Experten Eugenio Maria Donadoni und Kay Sutton handelt, überrascht doch irgendwie. Einerlei, dem erfolgreichen Verkauf tat diese Aktion keinerlei Abbruch. Für 13,6 Millionen Dollar bzw. umgerechnet knapp zehn Millionen Euro sicherte sich ein europäischer Privatsammler das flämische Meisterwerk. Gemessen an allen in den letzten Tagen bei Christie's und Sotheby's verzeichneten Besitzerwechseln markiert dieses Resultat den Spitzenwert der Woche.

Insgesamt summierten sich die fünf Sitzungen im Rockefeller Plaza auf ein Total von 68,2 Millionen Dollar. Kontrahent Sotheby's erwirtschaftete in der York Avenue derweilen 71,76 Millionen Dollar. Den höchsten Zuschlag erteilte man dort für eine Darstellung fröhlicher Musikanten von Gerard van Honthorst bei 7,55 Millionen Dollar - was einen neuen Künstlerweltrekord bedeutet. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

  • Befingern von kolorierten Handschriften gilt in der Fachwelt als veritabler Fauxpas: im Bild die Experten von Christie's mit dem 13,6 Mio. Dollar teuren Stundenbuch aus der Sammlung Rothschild.
    foto: epa/justin lane

    Befingern von kolorierten Handschriften gilt in der Fachwelt als veritabler Fauxpas: im Bild die Experten von Christie's mit dem 13,6 Mio. Dollar teuren Stundenbuch aus der Sammlung Rothschild.

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