"Eine Umkehr hat nicht stattgefunden"

Interview31. Jänner 2014, 17:03
9 Postings

MIT-Forscher Claus Otto Scharmer beschäftigt sich damit, wie Manager auf Änderungen reagieren. Im Gespräch skizziert er die Herausforderungen

STANDARD: In Davos war viel von Veränderungen die Rede, die sich immer rascher ereignen. Wird angesichts dessen die Umsetzung Ihrer Forderung, man müsse alle Entscheidungen von der Zukunft her denken, nicht schwieriger?

Scharmer: Einerseits wird es schwieriger, andererseits wird es notwendiger und zum Teil auch einfacher. In dem Maße, in dem wir es mit disruptiven Veränderungen zu tun haben, entstehen Situationen, in denen Routinen nicht mehr die Ergebnisse produzieren, die für uns akzeptabel sind. Seit 2008 stehen wir vor der Situation, dass ein Innehalten gefordert ist: eine Vergegenwärtigung der Situation, wo Herausforderungen neue Möglichkeiten darstellen.

STANDARD: Hat dieses Umdenken seit 2008 tatsächlich stattgefunden?

Scharmer: Ein Umdenken hat eigentlich nicht stattgefunden. Es war der Versuch, zurück zur Normalität zu gelangen. Die strukturellen Probleme sind nicht gelöst. Die Bilanzsumme der vier größten Wallstreet-Banken ist heute sogar größer. Die Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Kosten hat stattgefunden.

STANDARD: Was sind dann die Konsequenzen? Der von Ihnen geforderte U-Turn, die Umkehr, ist nicht passiert.

Schwarmer: Das wird nicht der letzte disruptive Veränderungsprozess sein. Davos ist aber ein Beispiel dafür, dass es positive Veränderungen in bestimmten Bereichen gegeben hat. In anderen Bereichen gibt es eine Entkoppelung mit der Realität, die alten Denkmodelle bestehen weiter.

STANDARD: Wo sehen Sie Positives?

Scharmer: Wenn man mit den jungen Führungskräften hier spricht, dann gibt es dieses neue Denken. Dass man etwa mit NGOs zusammenarbeitet, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, damit man für die ökologischen und sozialen Fragen Lösungen entwickeln kann. Auch die Demokratisierung des Lernens durch technologische Entwicklungen ist ein Ansatz. Inwieweit diese Möglichkeiten genutzt werden, ist die große Frage.

STANDARD: Gibt es eine Kluft zwischen Reden und Handeln? Wie kommt man von einem Ego- zu einem Ökosystem, was Sie in Ihrem neuen Buch fordern?

Scharmer: Man muss sich auf den Weg machen. Es gibt äußere und innere Aspekte. Man muss aus der eigenen Blase herauskommen und das eigene System aus der Sicht von anderen Beteiligten sehen. Etwa in einem Gesundheitssystem: Wie erleben es Patienten? Die Reise hat mit Widerstand zu tun: die Stimme des Urteils, des Zynismus, der Angst. Urteil ist das Alte, Zynismus ist Abwesenheit von Empathie, und Angst ist in allen Organisationen ein großer Verhinderer.

STANDARD: Welche dieser drei Stimmen ist derzeit dominierend?

Scharmer: Die sind alle drei zu hören. Wir haben die größte Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren, und fast nichts hat sich geändert. Auch in Davos ist der Imperativ des Wachstums noch ungebrochen. Solange wir die ökonomischen Denkmodelle nicht weiterentwickeln, werden wir nicht wirklich an die wichtigen Gestaltungsfragen rangehen können. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 1./2. 2.2014)

Claus Otto Scharmer ist Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Gründer des Presencing Institute. Sein Buch über die Theorie U ist ein Bestseller. Das neueste Buch des Ökonomen "Leading from the Emerging Future. From Ego-System to Eco-System Economies" ist gerade erschienen.

  • Es gibt ein Innehalten, auch beim Weltwirtschaftsforum wurde mehr zugehört, konstatiert MIT-Forscher Scharmer.
    foto: epa/gillieron

    Es gibt ein Innehalten, auch beim Weltwirtschaftsforum wurde mehr zugehört, konstatiert MIT-Forscher Scharmer.

Share if you care.