Kaum Service fürs Service

31. Jänner 2014, 17:09
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An einem einzelnen Glas arbeitete ein Graveur an die zwölf Stunden. Das ist mehr Zeit, als Experten bei der Begutachtung zu investieren bereit sind

Mit Zahnstochern gespickte und an Schnüren abgehängte Kartoffeln dienten Hans Harald Rath als erstes Modell. Zuvor hatte Architekt Wallace K. Harrison ihm ein Buch mit vergrößerten Weltallaufnahmen in die Hand gedrückt, hier würde der Lobmeyr-Eigentümer in vierter Generation Anregungen für jene Luster finden, die das Foyer und den Aufführungssaal der neuen Metropolitan Opera in New York erstrahlen lassen sollten.

Das Ergebnis waren Leuchtkörper in Form explodierender Sterne. Die "Chandeliers from Vienna" sind seither legendär. Das Lobmeyr'sche Repertoire auf Leuchtkörper zu reduzieren, wäre jedoch mehr als verfehlt.

Die Geschichte begann mit dem 1823 eröffneten kleinen Glaserladen in der Weihburggasse, im Herzen der Wiener Innenstadt. Unterstützt von seinen Söhnen Josef junior und Ludwig, hatte sich Josef Lobmeyr innerhalb weniger Jahrzehnte die unumstrittene Führerschaft in der österreichischen Glaskunst erobert. Vorerst ließ man als Verleger die gewünschten Objekte in böhmischen Glashütten fertigen, später besaß man selbst zwei Glasfabriken. Ob geschliffen, geschnitten, geätzt, über- und unterfangen oder vortrefflich bemalt, mit all den technischen und künstlerischen Errungenschaften, in all ihrem Farben- und Formenreichtum: Glaskunst der Marke Lobmeyr stand und steht synonym für Tafelkultur in höchster Vollendung.

Zu einer der wichtigsten Produktgruppen zählte bis Ende des 19. Jahrhunderts etwa Trink-Service, deren Dekor sich anfänglich an fremden Mustern orientierte und später um solche nach "eigenen Zeichnungen" oder Künstlerentwürfen erweitert wurde. Bei Sotheby's in London gelangte jüngst (23. 1.) ein solches aus deutschem Adelsbesitz zur Auktion. Und so umfangreich das Service mit insgesamt 447 Teilen - darunter 43 Karaffen in drei Größen, 50 Champagnerflöten und ein Vielfaches an verschiedenen Weingläsern etc. - auch war, die fachspezifischen Informationen blieben dürftig. Die Angaben (Datierung, Liste der Positionen, Abriss der Firmengeschichte) entsprachen eher einer Katalogisierung als einer Expertisierung. Flapsig ausgedrückt: kaum Service fürs Service.

Für Fürsten und Königinnen

Details über die abgebildeten Repräsentanten dieser Garnitur finden sich in der 2006 im Prestel-Verlag erschienenen (zweisprachigen) Fachliteratur (J. & L. Lobmeyr - Zwischen Tradition und Innovation) zum Bestand an Lobmeyr-Gläsern aus dem 19. Jahrhundert des Museums für angewandte Kunst (Wien). Demnach handelt es sich um das "Trink-Service No. 54, Krystallglas mit Renaissance-Gravirung", das etwa 1862 bei der Weltausstellung in London präsentiert wurde. Das Mak bekam seine zugehörigen Exponate übrigens 1880 geschenkweise vom damaligen Fürsten Liechtenstein überlassen.

Die bei Sotheby's ebenfalls aufgelisteten (nicht abgebildeten) Teller und Aufsätze dürften wiederum einem korrespondierenden Dessert-Service zugeordnet werden. Weitere Informationen hält das von Seniorinhaber Peter Rath gehütete Firmenarchiv bereit. Dieses Modell wurde von 1854 bis 1921 hergestellt, und teils sind Auftraggeber namentlich bekannt: etwa Königin Maria Pia von Portugal, die ihre Ausführung mit Monogramm und Königskrone bestellte; oder auch 1906 und 1910 für eine gewisse "Frau Baronin Philipp Schey, Frankfurt". Ein Hochzeitsgeschenk? Vermutlich, Lili Jeannette von Goldschmidt-Rothschild hat ihren Baron Schey von Koromla im Jänner 1906 geehelicht.

Das waren typische Anlässe, bestätigt Rath, und ergänzende Nachbestellungen waren üblich. Dass sich ein Service in diesem Umfang erhalten hat, sei schon erstaunlich. Bisweilen finden sich im heimischen Auktionsangebot vergleichbare Garnituren: Im Dorotheum erzielte 2006 das 249 Teile umfassende Tafelservice (No. 231) mit "Laub- und Bandelwerkschliffen mit Blütenfestons" 19.250 Euro. Das entsprach quasi 77 Euro je Stück im Vergleich zu 61 Euro (Basis Zuschlag: 27.381 Euro) jetzt in London.

Ein Schnäppchen da wie dort, handelt es sich doch um ausschließlich in Handarbeit gefertigte Unikate. Von der in Tusche aufgetragenen Vorzeichnung bis zur fertigen Gravur, gewährt Peter Rath Einblick, arbeitete man an einem einzigen Exemplar an die zwölf Stunden. Und das ist deutlich mehr Zeit, als Experten jenseits der österreichischen Grenze bei ihrer Begutachtung für ein ganzes Konvolut zu investieren bereit scheinen. (kron, Album, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

  • Die im Firmenarchiv erhaltenen Entwürfe zu diesem Trink-Service mit "Renaissance-Gravirung" datieren zwischen 1852 und 1854, produziert wurde "No. 54" bis 1921.
    foto: sotheby's

    Die im Firmenarchiv erhaltenen Entwürfe zu diesem Trink-Service mit "Renaissance-Gravirung" datieren zwischen 1852 und 1854, produziert wurde "No. 54" bis 1921.

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