Genauigkeit als oberste Maxime

31. Jänner 2014, 17:55
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Botschaften von Grenzgängen: Anna Mitgutschs Essays über das Leben, das Schreiben sowie das Reden und das Schweigen

Essays über Schriftsteller und Literatur: Wie spannend das sein kann, führt uns Anna Mitgutsch exemplarisch vor. Sie setzt sich sowohl mit Personen als auch Texten auseinander und bedient sich dabei verschiedener literarischer Formen. Gleich im ersten Kapitel wird man von einem intimen Text über Leben und Werk von Silvia Plath gefangen genommen. Mitgutsch stellt der oft gebrauchten - und missbrauchten - Ikone des Feminismus Fragen. Sie bedient sich des Du und schreibt einen fiktiven Brief an Plath. Das wird keine Heldinnenverklärung, sondern ein durchaus auch kritisches Hinterfragen in einer Sprache, die so klar ist, so schonungslos und so genau, dass es fast schmerzhaft wirkt.

Eine zweite Figur, mit der sich Mitgutsch intensiv in gleich zwei Essays beschäftigt, ist Herman Melville. Einerseits beschreibt sie in diszipliniert-distanzierten Monologen eine Biografie des fortwährenden Unglücklichseins und Scheiterns, um dann noch einmal zu Melville zurückzukehren und seine berühmte Bartleby-Erzählung einer mitfühlenden, gleichwohl präzisen und politisch aktuellen Analyse zu unterziehen.

Das macht wieder neugierig auf Melville, den man vor langer Zeit einmal gelesen hat, und man nimmt sich vor, ihn noch einmal mit neuem Blickwinkel zu lesen. Die Essays handeln auch von grundsätzlichen Fragen, an denen schon viele gearbeitet haben, die jedoch von Mitgutsch beispielhaft, unumwunden und nachvollziehbar beantwortet werden. Nämlich ob es "apolitische" Kunst und Künstler gibt und was "innere Emigration" bedeutet.

Anhand der Schriftsteller in der NS-Zeit zeigt Mitgutsch, wie verräterisch Sprache sein kann, wie Pathos einsickert und die vorgeblich apolitische Gesinnung unzureichend verschleiert wird. "Innere Emigration" heißt nicht, sich anbiedern und wegducken. Als Gegenbeispiel dazu nennt sie Imre Kertész, der zwei Weltkriege überlebt hat und in ein geistiges Exil, in radikale Heimatlosigkeit, eintauchen musste, um zu überleben.

Sehr ausführlich ist die Auseinandersetzung mit dem oft herablassend genannten "Autobiografischen" in der Dichtung. Erinnerung wird als ein fortwährendes Scheitern an der Realität definiert; die Verformung durch die Erinnerung muss in literarischer Sprache gestaltet sein, nur die psychische Genauigkeit erzeugt beim Leser einen autobiografischen Wiedererkennungseffekt. Wie das funktioniert, kann man an den Romanen von Anna Mitgutsch nachvollziehen. Auch ihre Arbeiten gründen im Autobiografischen, aber sie sind transformiert worden wie Lavagestein in Diamanten.

Mitgutsch befasst sich mit so unterschiedlichen Schriftstellern wie Canetti, Celan, Dickinson, Marlen Haushofer, Franz Rieger, Amos Oz und anderen mehr; sie kommt aber immer wieder zu Sylvia Plath zurück, der sie auch das letzte Kapitel "In zwei Sprachen leben" widmet. Es geht um Übersetzen und grundsätzliche Überlegungen. Mitgutsch hat unter anderem Plaths letztes Gedicht selbst übersetzt und unterzieht ihren Übersetzungsversuch einem Vergleich mit der Übersetzung durch Erich Fried. Übersetzung ist immer auch ein Deutungsversuch, und es ist faszinierend, wie eine Nuance einen Weg für eine noch präzisere Interpretation eröffnet. Auch hier wieder: Genauigkeit als oberste Maxime. Man muss die einzelnen Kapitel sickern lassen, wobei nicht alle gleich zugänglich sind, denn für metaphysische Betrachtungen braucht es ein ausgebildetes Sensorium.

Eine vergessene historische Figur erscheint im Zusammenhang der Essays wie eine Außenseiterin: eine Exzentrikerin namens Isabella Steward Gardner. Sie lebte in Boston und war die erste Kunstsammlerin, die 1924 ihre Sammlung zum öffentlichen Museum bestimmte.

Dass uns Mitgutsch mit dieser Frau bekanntmacht, hat auch autobiografische Gründe, denn die Autorin ist mit dieser Stadt seit vielen Jahren verbunden. Man wünschte sich, bei den Vorlesungen der Autorin an Universitäten in den USA und Österreich dabei gewesen zu sein: Man würde vieles, das wir als bekannt abgehakt haben, wieder neu und anders lesen. Dafür ist der umfangreiche Zitatnachweis im Anhang nützlich und anregend. (Ingeborg Sperl, Album, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

Anna Mitgutsch, "Die Welt, die Rätsel bleibt". € 20,60 / 414 Seiten. Luchterhand, München 2013

  • Schonungs-, aber nicht herzlose Präzision: Anna Mitgutsch.
    foto: peter von felbert

    Schonungs-, aber nicht herzlose Präzision: Anna Mitgutsch.

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