Gestürzter Christbaum

31. Jänner 2014, 17:43
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Antonio Fian schildert in seinem zweiten Roman "Das Polykrates-Syndrom" einen blutigen Verfall fixer Verhältnisse

Die Hauptfigur in Das Polykrates-Syndrom schreibt das Roman-Leben in skurrilen Sketches weiter, die wenig taugen und unveröffentlicht bleiben. Ganz anders als der Protagonist ist sein Autor - den Lesern dieser Zeitung wohlbekannt - ein Meister des Dramoletts. Antonio Fians kurze Szenen kommen als Direktübertragung aus Alltag und Medienöffentlichkeit. Sie verstärken kleine Einheiten der groß veranschlagten Kleinlichkeiten und vermitteln blitzartige Einblicke in den normalen Wahnsinn der Phrasenherrschaft.

Nun legt Fian seinen zweiten Roman (nach Schratt, 1992) vor. Den Icherzähler Artur lässt er in eine Geschichte schlittern, die eine ruhige Existenz ins Katastrophale führt, vorangetrieben von einer verrückten Liebe sowie von gar nicht geruhsamen Szenen. Und mit jedem Schritt weiter von Alltäglichkeiten weg, wie sie die Dramolette montieren: kein Livemitschnitt, sondern die Aufzeichnung eines Abgleitens in menschliche Abgründe.

Dabei beginnt alles recht banal, vom Kommentar im Rückblick allerdings spannungsfördernd erläutert. Artur zerreißt die "misslungenen Schreibarbeiten dieses Nachmittags": "Das war die letzte Handlung in meinem alten Leben, von dem ich heute weiß, dass es kein Leben war, und in das ich doch, wenn das möglich wäre, ohne zu murren zurückkehren würde." Trotz abgeschlossenen Studiums hat er sich mit einem Halbtagsjob im Copyshop begnügt, seine Frau Rita hingegen ist auf dem Karriereweg zur Gymnasialdirektorin. Da geht im Advent kurz vor Ladenschluss die Tür auf, und mit Alice betritt das betörende Verhängnis den Raum. Es folgt beileibe keines der gewöhnlichen Liebesabenteuer, sondern eine zunehmende amouröse Verstrickung bis zum Totschlag und zu einer präzise beschriebenen Zerstückelung einer Leiche.

Wir sind in Wien, offenbar in den letzten Jahren des letzten Jahrhunderts, wie aus Mediensignalen zu entnehmen ist. Jessye Norman dient als anatomische Vergleichsgröße; im TV laufen Al Bundy und, zur Thematik passend, die Serie Eine schrecklich nette Familie; die Währung ist noch der Schilling. Es wird viel gelogen, viel gestorben. Sicherheiten schwinden. Es wechseln Szenen einer Ehe, Liebeshändel, Altersheimblues, Täuschungen und Enttäuschungen.

Das Geschehen läuft den Vorbereitungen auf die angeblich stille Weihnachtszeit zuwider; deren Symbol, der Christbaum, fällt schließlich um, mit tödlichem Ausgang. Geradezu genüsslich führt Fian vor, wie ein falscher Schritt alsbald schlimmere Tritte zur Folge hat, wie sich Artur abstrudelt, während das Verhängnis penetrant an die Tür klopft. Als er im Badezimmer mit dem Messer blutig zugange ist, läutet unerwartet Besuch an, und dann will ein kleines Mädchen auf die Toilette ...

Die Ehefrau reüssiert im Lehrberuf, und die im Altersheim wöchentlich zu besuchende strenge Mutter war Lehrerin ("Meine Mutter war eine Pest"). Fians Protagonist dürfte ein Fall jenes ALKS sein, des "Arme-Lehrerkind-Syndroms", das Paulus Hochgatterer diagnostiziert hat. Den Romantitel gibt allerdings das Polykrates-Syndrom, das Artur an sich selbst festzustellen meint. Polykrates sei einfach alles gelungen, aber er sei sich seiner Sache zu sicher gewesen und wurde so grausam ermordet, "dass selbst Herodot das nicht näher beschreiben wollte". Der Polykrates-Kranke fürchte, zu viel Glück zu haben und dann einmal dafür bestraft zu werden; darum bemühe er sich ständig, Opfer zu bringen.

Antonio Fian erzählt ebenso flott wie gekonnt. Doch greift er im Laufe des etwas schrill romanhaften Verfalls fixer Verhältnisse recht heftig in die Effektkiste. Die Geschichte von Sex and Crime unterlegt er wohl mit Ironie und kurzen irrealen Erscheinungen, einige plakative Passagen bleiben jedoch im Genrehaften. So lässt er im Badezimmer eine furchtbare Szene ablaufen - dass jedoch gerade in diesem Moment dieser Besuch eingelassen wird, um dann an die Tür zu klopfen, wirkt bemüht.

Esprit und Witz des Dramolett-Meisters findet man besonders in den Dialogen im Altersheim, in Reflexionen wie jenen über die Widersprüche von Wiener Straßennamen (das KP-Fest ausgerechnet auf der Jesuitenwiese, der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt, die Station zum Radio in der Taubstummengasse) oder in der Englischnachhilfe für den verwöhnten Sohn reicher Eltern: "Wenn es geschieht, werde ich glücklich sein." "If it happen ..." "Dritte Person." "If it happens, I am ... Was heißt 'glücklich'?" "Happy." "Ich habe gedacht, das heißt 'geschieht'." Für diese Sprachohnmacht gibt Fian im Motivgeflecht seines Romans zuvor ein Beispiel aus einer Direktübertragung der TV-Öffentlichkeit. Der Sportreporter Dr. Kurt Jeschko hatte seinerzeit die Angriffe der Engländer im Ländermatch mit den Worten kommentiert: "Es brennt der Hut, meine Herren, oder wie der Engländer sagt: It burns the hat!"

Wie aus einem Dramolett von Fian. Im Roman tendiert das ganze Geschehen ins Schräge, zum Abgleiten auf der schiefen Bahn. (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

Antonio Fian, "Das Polykrates-Syndrom". Roman. € 19,00 / 238 Seiten. Droschl, Graz 2014

Hinweis: Antonio Fian liest am 11. Februar um 19 Uhr in der Buchhandlung Frick (Schulerstraße 1-3) in Wien und am 13. Februar um 20 Uhr im Literaturhaus Graz (Moderation: Sebastian Fasthuber, www.literaturhaus-graz.at) aus dem besprochenen Band.

  • Kein Livemitschnitt wie in den Dramoletten, sondern Aufzeichnung eines Abgleitens in menschliche Abgründe: Antonio Fian legt mit "Das Polykrates-Syndrom" seinen zweiten Roman vor.
    foto: heribert corn

    Kein Livemitschnitt wie in den Dramoletten, sondern Aufzeichnung eines Abgleitens in menschliche Abgründe: Antonio Fian legt mit "Das Polykrates-Syndrom" seinen zweiten Roman vor.

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