Hannah Dübgen: Wie würde die Welt aussehen, wenn ...?

2. Februar 2014, 10:00
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... sich SMS durch reine Gedankenleistung versenden ließen oder sämtliche Landesgrenzen offen stünden oder sich Lachstunden zum Stressabbau etabliert hätten

Ich frage mich, wie die Welt aussähe,

wenn wir Menschen jeden geformten Gedanken auch aussprächen ...,

wenn sich unsere Gesichtsfarbe beim Lügen zwangsläufig änder- te ...

und es Gesichtsmasken zum Verstecken dieser Rötung gäbe ...,

wenn Menschen eine Laufgeschwindigkeit von einhundert Stundenkilometern erreichen könnten ...,

wenn es in unsere Körper implantierte Chips mit gespeichertem Personalausweis, Führerschein und Kreditkarte gäbe ...,

wenn jeder Mensch einen solchen Chip tragen müsste ...,

wenn es üblich wäre, sein Leben in einem gewissen Alter durch den Sprung von einer Klippe ins Meer zu beenden ... und zu diesem Anlass ein Fest stattfände ... mit Freunden und Familie ... und Wein und köstlichem Essen ... und Tänzen und fröhlichen Abschiedsliedern ... und einem rituellen Spaziergang zur Klippe ... und guten Wünschen und Umarmungen ... und erhobenen Armen vor dem Sprung ... und Sirenen und letzten Gedanken und einem freien Fall in die Tiefe ...,

wenn es durch ein in unser Gehirn implementiertes Programm möglich wäre, tausend Sprachen zu verstehen ...

und zu sprechen ...,

wenn Brillen aufgrund operativen Laserns ein historisches Relikt wären ...,

wenn Hörgeräte unsichtbar im Ohr säßen und die wahrgenommene Lautstärke spontan steuerbar wäre ...,

wenn sich Textnachrichten durch reine Gedankenleistung versenden ließen ...

und die Fehlerquote äußerst gering wäre ...,

wenn Menschen ihr episodisches Gedächtnis unwiderruflich löschen könnten ... und alles Vertraute plötzlich fremd würde ...,

wenn alle Menschen von Natur aus großartigen Humor besäßen ...

und sich Lachstunden zum Stressabbau etabliert hätten ...,

wenn es normal wäre, tagsüber in der Öffentlichkeit, in Parks oder am Strand miteinander zu schlafen ... und Spaziergänger an den Paaren vorbeiliefen ... und lächelnd zuschauten ... und sich Paare dicht neben andere leg- ten ... und ein paar ausgeführte Hunde die eng umschlungenen Menschen neugierig beschnupperten ...,

wenn Polyamorie unter Menschen die Regel wäre ...

und Kinder ihre Eltern nur noch beim Vornamen anredeten ...,

wenn die Ehe zwischen einem Menschen und einem Androiden möglich wäre ... ,

wenn Androiden erbberechtigt wären ...

und abstellbar ...,

auf Zeit ...,

wenn es Menschenzoos für Tiere gäbe ...

und Hunde telefonieren könnten ...,

wenn Menschen keine Haare mehr wüchsen ...,

wenn Heizungen überflüssig wären ...

und die Pigmentierung unserer Haut auf die steigende Hitze reagierte ... und alle Menschen irgendwann die gleiche Hautfarbe hätten ... und Daunenjacken, Pelzmützen und Schlitten nutzlos wären ... dafür breite Sonnenhüte mit Solarzellen das Straßenbild bestimmten ...

und die Vögel im Herbst nicht mehr in die Ferne zögen ...,

wenn der Reis, der Mais und das Olivenöl überall auf der Welt gleich schmeckten ...

und Zimt-Wasabi-Mayonnaise-Cracker sowie Bauchspeckschokolade weltweit beliebte Snacks wären ...,

wenn es jedes Gericht auch in Form einer Tablette gäbe, die sich im Mund geschmacklich in ihre ursprünglichen Einzelbestände zerlegte ...,

wenn Salz durch Pfeffer ersetzt werden würde ...,

wenn sämtliche Landesgrenzen offen stünden ...

und Menschen mithilfe eines Propellerrucksacks fliegen könnten ... und Laserzeichen den Luftverkehr regeln wollten und wenig Erfolg hätten ..., dafür Küsse im Himmel beliebt wären ... und Wurfpicknicks im Kreis ...,

wenn es möglich wäre, das Wetter für Wochen im Voraus sicher zu bestimmen ...,

wenn es keine Nationalstaaten, nur noch Staatengemeinschaften gäbe ...

mit ausgelosten Königsfamilien auf Zeit ...

und Feiertagen zu wechselnden Themen ...,

einer grünen, einer weißen sowie einer violetten Themenwoche ...

und einem Aktionstag "Geometrie im Alltag" ...,

wenn es möglich wäre, Menschen im Schlaf zu verkabeln und ihre Träume auf Bildschirmen zu visualisieren ...

und zu manipulieren ...,

wenn man Krebs so leicht heilen könnte wie eine Grippe ...,

wenn nahezu alle chronischen Krankheiten heilbar wären ...

und die natürliche Geburt nur noch dann stattfände, wenn kein Krankenhaus erreicht werden könnte ...,

wenn sich der Unterschied zwischen Mann und Frau nach den Wechseljahren rasant auflöste ...

und Homosexualität sowie Bisexualität so verbreitet wären wie Heterosexualität ...,

wenn sich die Menschheit entschlösse, die Uhren einmal im Jahr eine Stunde lang anzuhal- ten ...

und vorgesehen wäre, dass alle in der Stunde nichts täten ... was auch gelänge, bis auf die Kinder, die nicht nichts tun könnten ... und die sich bereits in der Luft befindenden Flugzeuge ... und die zu überwachenden, ununterbrochen laufenden Maschinen ...,

wenn sich neben der konventionellen Schriftsprache zunehmend eine Kurzversion mit Abkürzungen, Symbolen und vereinfachter Syntax im Stil der Kurznachrichten etablierte ...

und es im Fernsehen einminütige Nachrichtensendungen in dieser Sprache gäbe ...,

wenn es Mode wäre, sein Aussehen in regelmäßigen Abständen so radikal wie möglich zu ändern ...

und Hochglanzpupillen in Neonfarben bei Männern wie Frauen gleichermaßen beliebt wären ...,

wenn die Einteilung "Röcke für Frauen" und "Hosen für Männer" als anachronistisch abgelehnt werden würde ...

und Kaftane in allen Kontinenten gleichermaßen üblich wären ..., wenn es möglich wäre, seine technischen Fähigkeiten beim Spielen eines Instrumentes durch Tablettenkonsum oder operative Eingriffe erheblich zu steigern ...

und die Komponisten darauf reagierten ...,

wenn es mithilfe von Computersimulationen, Kappen und Sensoren möglich wäre, sich dreidimensional in Spielfilmen und Computerspielen zu bewegen ...,

wenn das Gehirn und mit ihm das Bewusstsein eines Menschen nach dessen Tod in einem anderen Körper weiterleben könnte ...,

wenn zwischen "was wäre" und "was ist" nicht mehr zu unterscheiden wäre ... (Hannah Dübgen, Album,  DER STANDARD, 1./2.2.2014)

Hannah Dübgen wurde 1977 geboren und ist deutsche Schriftstellerin. Sie studierte Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaft in Oxford, Paris und Berlin. Sie arbeitete für Theater und Oper, schrieb das Schauspiel "Gegenlicht" und die Libretti für mehrere Opern, u. a. "Matsukaze" in Zusammenarbeit mit dem Komponisten ­Toshio Hosokawa. "Strom" (erschienen 2013 bei dtv) ist ihr erster Roman.

  • ... wenn es Mode wäre, sein Aussehen in regelmäßigen Abständen so radikal wie möglich zu ändern - wie etwa Lady Gaga, hier bei einer Pressekonferenz 2013 in Tokio.
    foto: reuters/toru hanai

    ... wenn es Mode wäre, sein Aussehen in regelmäßigen Abständen so radikal wie möglich zu ändern - wie etwa Lady Gaga, hier bei einer Pressekonferenz 2013 in Tokio.

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