Sotschis Spiele und die Apfelbäume am Mars

5. Februar 2014, 11:13
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Vor der Eröffnung der Winterspiele diskutierte das Medienquartett die Instrumentalisierung von Sport und russische Medien als Sprachrohr für die Politik

"Einmal werden auch auf dem Mars Apfelbäume blühen", zitiert Andrej Iwanowski (Ria Novosti, "profil") aus einem sovjetischen Lied. Typisch russisch ist für den Journalisten, dass sich das Land hohe Aufgaben setzt, ohne auf die Unkosten zu schauen. Die sind im Fall der Olympischen Spiele von Sotschi Aspekte wie Umwelt, Umsiedlungen, die Situation der Menschenrechte. "Es gibt natürlich Stimmen, dass dieses Geld sinnvoller ausgegeben werden könnte", sagt Iwanowski, zunehmend würden kritische Medien auch Korruption thematisieren. Die dominierende Meinung in der russischen Bevölkerung sei allerdings: "Es hat sich gelohnt." 

Dienstagabend wurde auf Okto das Medienquartett ausgestrahlt, Thema waren Pressefreiheit, die Instrumentalisierung von Medien und  Menschenrechte. Zu Gast: Andrej Iwanowski ("profil" und Ria Novosti), der Sportjournalist und Autor Johann Skocek und die Ethikprofessorin Herlinde Pauer-Studer. Moderation: Rubina Möhring von "Reporter ohne Grenzen Österreich".

Spannend wird für Iwanowski sein, ob es die Medien zustande bringen werden, über politische Ereignisse aus der sogenannten "Demoecke" im Nachbarort Hosta zu berichten. Dieser "Speakers Corner" wäre zwar keine Innovation, man kenne sie von G20- beziehungsweise G8-Gipfeln, aber im Fall von Sotschi sei eine solche Einrichtung ein Politikum. Und damit eine Herausforderung für die Redakteure. Hier gelte es abzuwägen, worauf man mehr Wert lege - auf ein politisches Ereignis oder ein sportliches Ereignis.

Instrumentalisierung von Sport

Für den Sportjournalisten Johann Skocek war der Sport immer schon "ein dienstbarer Geist für alle denkbaren Systeme. Er dient dem Faschismus, der kommunistischen Diktatur, der Demokratie, dem Kapitalismus - jeder kann sich des Sports bedienen, um sein Land, sein System, sein Menschenbild, seine Vorstellungen von Freiheit etc. damit zu propagieren". Auch in Österreich werde Sport instrumentalisiert. Skocek erinnert an die Sommerspiele in London und die anschließende Debatte über die erfolglose Teilnahme der österreichischen Sportler. "In der Mechanik, im Ablauf machen wir genau dasselbe was wir Putin vorwerfen. Wir verwenden die Sportler und den Sport, damit Österreich besser da steht. Das macht Putin auch. Und das macht er seiner Auffassung nach, und meiner Auffassung nach, völlig zurecht."

Medien als Sprachrohr

Dem "Russland- oder Putin-Bashing" im Westen will man "in der Machtzitadelle Russlands", wie Iwanowski Moskau nennt, mit gelenkter Medienpolitik entgegentreten. So soll der russische Standpunkt zu Themen wie Syrien, Snowden, Iran oder Ukraine verbreitet werden - auch in den USA über den Fernsehsender Russia Today. Iwanowski erwartet, dass die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti erst nach den Spielen umbenannt werde. Die Agentur wurde im Dezember 2013 über Nacht mit dem Radiosender "Stimme Russlands" in eine neue namens "Russland heute" eingegliedert. Erklärtes Ziel der neuen Institution laut Iwanowski: neben Berichten aus Russland auch den Standpunkt der russischen Führung und Politik zu schildern. (Sabine Bürger, derStandard.at, 5.2.2014)

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