Uni-Finanzierung: Experten warnen vor Prekarisierung

31. Jänner 2014, 10:58
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Zunehmende Finanzierung durch Drittmittel schade dem Forschungsstandort - Keine strategische Planung mehr

Wien - Vor einer Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse an den Universitäten durch die Tendenz zur immer stärker werdenden Finanzierung durch Drittmittel warnte der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands deutscher Stiftungen, Wilhelm Krull, am Donnerstagabend beim "Club Research" in Wien. Auch die Strategiefähigkeit der Unis leide unter der Drittmittelabhängigkeit.

Mittlerweile liege in Deutschland die durchschnittliche Beschäftigungsdauer wissenschaftlicher Mitarbeiter unter einem Jahr. Dies sei schon sehr wenig, wenn man bedenke, dass sogar die meisten drittmittelfinanzierten Projekte über einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren laufen, so Krull. Den Verlust an Strategiefähigkeit durch Drittmittelabhängigkeit begründete der ehemalige Aufsichtsratschef des Wissenschaftsfonds FWF kulinarisch: "Eine Strategie hat gar keinen Sinn, weil ich die Truppen in die Richtung ausrichten muss, wo die nächsten Fleischtöpfe sind."

"Heroic failures"

Krull warnte vor einer rein ökonomischen Betrachtungsweise der Unis. Es gehe nicht nur darum, wie eine Uni die nächste Ausgründung, das nächste Patent und andere ökonomische Outputs hervorbringen könne, sondern auch um den mündigen Bürger von morgen. Gerade die Geisteswissenschaften würden dazu beitragen. Natürlich sei es der Wunsch jedes Rektors, mit "Super-Resultaten" zu glänzen. Aber: "Wer glaubt, dass man nur den Erfolgreichen fördern kann, kennt sich in der Wissenschaftsförderung nicht aus. Wenn ich mich nicht um den armen Kerl in der Mitte mit seinen 'heroic failures' kümmere, kann ich den Durchbruch nicht schaffen." Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass es auch längere Vertrauenshorizonte brauche, um zu entsprechenden Forschungsergebnissen zu kommen.

Mittlerweile habe sich zwar die Ansicht durchgesetzt, dass ein ausreichendes Maß der Grundfinanzierung der Universitäten durch die öffentliche Hand "unabdingbar" sei, meinte Krull - nur: "Das ist zwar ein schönes Wort, aber oft nur unzureichend gegeben." In Deutschland seien Mitte der 1990er Jahre für jeden Euro an Drittmittel zwei Euro an Grundfinanzierung zur Verfügung gestanden. Heute kämen auf jeden eingeworbenen Drittmittel-Euro nur mehr 85 Cent an Grundausstattung.

Finnland als Negativ-Beispiel

Der Innovations-Forscher Karl-Heinz Leitner (Austrian Institute of Technology, AIT) ortete in praktisch allen Ländern einen "Trend zur kompetitiven externen Finanzierung". Einerseits würde versucht, die öffentlichen Drittmittelfonds wie in Österreich etwa den FWF auszuweiten, andererseits aber auch die privaten Drittmittel zu steigern. Dabei gebe es immer ein Spannungsfeld zwischen Basis- und Drittmitteln: Zu starke Konzentration auf letzteres berge die Gefahr, dass etwa Infrastruktur nicht mehr finanziert werden könne oder der wissenschaftliche Nachwuchs keine Karrieremöglichkeiten vorfinde. Finnland habe etwa mit seiner Konzentration auf Drittmittel zuletzt überzogen und Probleme bekommen, längerfristige Forschungsprojekte durchzuführen.

Diese Entwicklungen würden letztlich zu einer Ausdifferenzierung des Systems führen, vermutete Leitner: Einerseits werde es Hochschulen geben, die sich in Richtung "Grundlagenforschungsuni" bewegen, andere würden sich auf die Lehre konzentrieren und wiederum andere auf den regionalen Wissenstransfer in die Wirtschaft. "'Die Uni' gibt es dann nicht mehr."

Der ehemalige Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, hat in zahlreichen Volkswirtschaften die gleiche Entwicklung beobachtet: die Zahl der Forscherstellen sei vor allem im Unternehmenssektor deutlich gewachsen, der aber bis in die Start-Ups hineinreiche. Dort würden sich Leute auch aus den Unis heraus spontan zusammenfinden und Mittel von der EU oder anderen Forschungstöpfen anzapfen. Der Uni-Sektor selbst sei dagegen "keineswegs so dynamisch": "Die traditionellen staatlichen Forscherstellen stagnieren." Die Grenzen zwischen den Sektoren würden zum Teil aber auch verschwimmen. "Wenn ich nach Cambridge gehe, ist ein Vielfaches der Forscher, die an der University of Cambridge beschäftigt sind, in den Start-Ups rundherum beschäftigt - das macht den Forschungsstandort Cambridge aus." (APA, 31.1.2014)

  • Wissenschaftliche Mitarbeiter werden oft nur für ein Jahr eingestellt.
    foto: apa/fohringer

    Wissenschaftliche Mitarbeiter werden oft nur für ein Jahr eingestellt.

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