Buchhandel will Amazon mit eigenen Waffen schlagen

31. Jänner 2014, 06:39
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Buchhändler wollen nicht mehr nur auf Beratung setzen, sondern auf Apps und schnelleren Versand

Auch wenn Amazon mittlerweile weit mehr als Bücher anbietet, leidet keine andere Branche so stark unter dem Online-Handelsriesen wie der Buchhandel. Amazon zerstöre kleine Buchhandlungen, prophezeien Kulturpessimisten schon länger. Widerstand gegen das für Kunden so bequeme und spontane Bestellen im Internet sei zwecklos. Dabei wissen viele Konsumenten gar nicht, dass viele lokale Buchhändler grundsätzlich dieselben Leistungen wie Amazon erbringen können - wenn nicht sogar besser.

Schneller als Amazon

Die Wiener Buchhändlerin Petra Hartlieb betreibt seit drei Jahren einen Onlineshop. Sie betont, oft schneller als die mächtige Konkurrenz zu liefern: "Wenn wir das gewünschte Buch lagernd haben, können wir es noch am selben Tag verschicken." Hartlieb beschäftigt inzwischen eine Mitarbeiterin, die sich ausschließlich um Webshop und E-Mail-Anfragen kümmert.

Der Vorteil gegenüber Amazon, so Hartlieb: "Unsere Mitarbeiterin denkt mit." Sie weist Kunden auf billigere Taschenbuchversionen hin oder gibt Empfehlungen. Dass der Betrieb eines Webshops neben zwei herkömmlichen Buchhandlungen aufwändig ist, steht außer Frage: "Aber man hat keine Wahl, und es ist immerhin kein Verlustgeschäft." Als großen Wettbewerbsnachteil sieht sie Amazons Angebot, Produkte portofrei zu verschicken. Das sorge dafür, dass Bücherbestellen bei dem US-Onlinekaufhaus oft einen Tick günstiger als beim Buchhändler sei. Denn prinzipiell müssten Bücher aufgrund der Buchpreisbindung überall gleich viel kosten - wogegen Amazon seit längerem massiv lobbyiert.

"LChoice"

Den Bestellvorgang beim lokalen Buchhändler vereinfachen möchten die Erfinder der Smartphone-App "LChoice". Für die Münchner Entwickler hakt es im Buchhandel vor allem am Kaufprozess. Hier kommt die App ins Spiel: Nutzer suchen in ihr nach einem Buch, indem sie die ISBN-Nummer oder den Titel eingeben. Zusätzlich kann der Barcode des Buches gescannt werden. Anschließend wird das Buch mittels App beim gewünschten Buchhändler bestellt. Dieser wird benachrichtigt, kurz darauf liegt das Buch abholbereit bei ihm auf oder wird von ihm versandt. Mittlerweile wird die App von rund hundert deutschen Buchhändlern genutzt. Sie müssen pro Kauf eine Provision an die Betreiber überweisen. Noch heuer wollen die LChoice-Macher nach Österreich expandieren, erfuhr Der Standard auf Anfrage.

Amazon als Vorbild nehmen

Der Kampf um das Buch scheint also noch nicht verloren. "Amazon prahlt mit vielen Dingen, die der Buchhandel schon lange beherrscht", meint etwa Julia Kunz, gelernte Buchhändlerin und im Bereich der Nachwuchsausbildung für Buchhändler tätig. Als Beispiel nennt Kunz Amazons "Anticipatory Shipping"-Patent: Amazon hat eine Technologie entwickelt, die vorhersagt, welche Produkte Kunden in bestimmten Regionen bald bestellen würden. Anhand der Prognosen lagert Amazon Produkte in Kundennähe und kann diese dann schneller ausliefern.

"Im Grunde macht das doch jeder Buchhändler: sich überlegen, welche Bücher die Kunden möchten und diese im Voraus bestellen", sagt Kunz, die ehrenamtlich die Initiative "Eine Zukunft für die kleinen Buchhandlungen" betreut. Für sie müsse der Buchhandel mehr Selbstbewusstsein entwickeln und sich Amazons Werbestrategie als Vorbild nehmen.

Kindle

Problematischer gestaltet sich die steigende Beliebtheit von E-Books. In Deutschland wird beinahe die Hälfte aller digitalen Bücher von Amazon verkauft. Diese können nur auf einem "Kindle" gelesen werden, wofür Amazon ein Kartellverfahren blühen könnte. Buchhändlerin Hartlieb bietet in ihrem Webshop mittlerweile selbst elektronische Werke an: "Viele Kunden wollen auch ihre digitalen Bücher lieber bei einem kleineren Laden als bei Amazon erwerben." Zusätzlich gebe es Bedenken gegen Datenschutzverstöße bei E-Readern, die das Leseverhalten protokollieren und per Internet weitergeben können. Hartlieb zeigt sich daher optimistisch, dass weiter gedruckte Bücher verkauft werden - zumindest als Geschenk. (Fabian Schmid, DER STANDARD, 31.1.2014)

  • Zum Bucheinkauf bei Amazon gibt es Alternativen. Auch kleine, lokale Buchhändler können vom Verkauf über eigene Online-Portale profitieren
    montage: friesenpichler

    Zum Bucheinkauf bei Amazon gibt es Alternativen. Auch kleine, lokale Buchhändler können vom Verkauf über eigene Online-Portale profitieren

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