Die Herausforderung von Fiat liegt in Asien

Interview30. Jänner 2014, 18:28
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Die Verlagerung des Fiat-Konzernsitzes nach Holland kommt für Giuseppe Berta, Professor an der Bocconi-Universität, nicht überraschend

STANDARD: Haben Sie damit gerechnet, dass Fiat seinen Sitz auslagert: den Rechtssitz in die Niederlande, den Steuersitz nach England und das Hauptquartier womoglich nach Detroit?

Berta: Fiat hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einem nationalen zu einem globalen Autokonzern entwickelt. Insofern ist es logisch, dass auch die Organisation internationalisiert werden muss.

STANDARD: Wird sich die neue Strategie von Fiat, dem Trend zur Fertigung von Luxuswagen zu folgen, auf den Produktionsstandort Italien auswirken?

Berta: Fiat wird weiterhin fünf Produktionswerke in Italien halten. Die Zulieferfirmen haben bereits in den letzten Jahren ihr Angebot auch internationalen Autokonzernen verkauft und sich auf die neue Realitat eingestellt. Turin kann auch ohne Fiat leben.

STANDARD: Wie viele Autos erzeugt Fiat noch in Italien?

Berta: In den vergangenen Jahren wurde die Produktion von einer Million Pkws auf inzwischen 400.000 gedrosselt. Fiat wird in Zukunft den Produktionsstandort Italien vorrangig für die Herstellung von Premiumwagen benutzen: So wird der Maserati-Luxuswagen bereits in Grugnasco bei Turin hergestellt. Der neue Alfa Giulietta soll im letzten Quartal 2015 in Cassino vom Band rollen, und Ferrari wird seine Produktion weiterhin in Maranello bei Modena behalten.

STANDARD: Wird Fiat-Chrysler die von Konzernchef Sergio Marchionne angepeilte Produktionszahl von insgesamt sechs Millionen Pkws erreichen?

Berta: Derzeit produziert der Konzern 4,2 Millionen Pkws. Heuer kann die Produktion mittels neuer Modelle auf 4,4 Millionen wachsen. Die magische Zahl von sechs Millionen kann aber nur erreicht werden, wenn Fiat-Chrysler eine neue Allianz eingeht.

STANDARD: Wo liegen die Stärken von Fiat-Chrysler?

Berta: Der Konzern ist in Lateinamerika gut positioniert und war jahrelang Marktführer in Brasilien. Im letzten Quartal des Vorjahres ist der Absatz in Lateinamerika gesunken, ich erwarte aber mittelfristig dort noch ein Wachstumspotenzial. Zweifellos hat Fiat die Autokrise in Europa, insbesondere in Italien, stark gespürt. Auf dem Inlandsmarkt haben die Turiner noch einen Marktanteil von 30 Prozent.

STANDARD: Und wo sehen Sie die größten Schwächen?

Berta: Schwachstelle ist zweifellos der asiatische Markt. Dort hat die Konkurrenz, dort haben alle großen Autokonzerne in den vergangenen Jahren stark gepunktet. Fiat hat den Markt dort vernachlässigt. Es ist jetzt zu spät, in Asien mit einer eigenen Produktion zu starten. Fiat muss dort mit einem Partner zusammengehen.

STANDARD: Wen sehen Sie denn als geeigneten Partner für den Turiner Konzern?

Berta: Angeblich sind die Kontakte zu Suzuki weit forgeschritten. Die Japaner sind vor allem auf dem Wachstumsmarkt Indien stark präsent. Das passt zur Strategie von Fiat-Chrysler.

STANDARD: Wen sehen Sie als größte Konkurrenz für Fiat-Chrysler?

Berta: Im Grunde alle Autokonzerne. Ich glaube aber, dass insbesondere bei Hyundai noch ein großes Wachstumspotenzial vorhanden ist. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, 31.1.2014)

Giuseppe Berta unterrichtet an der Mailänder Eliteuniversität Bocconi Wirtschaftsgeschichte. Der 55-jährige Mailänder, der Literaturgeschichte studiert hat, hat jahrelang das Archiv von Fiat geführt. Darüber hinaus hat er zahlreiche Bücher über den Turiner Konzern veröffentlicht.

  • Giuseppe Berta
    foto: universität bocconi

    Giuseppe Berta

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