Höbelt: "Akademikerball wurde identitätsstiftendes Moment"

Interview30. Jänner 2014, 18:03
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Historiker Lothar Höbelt über den Akademikerball und die überschätzte Rolle der Burschenschafter in der FPÖ

STANDARD: Waren Sie auf dem "Akademikerball" in der Hofburg? Sie sind ja quasi die Zielgruppe.

Höbelt: (lacht) Nein. Das ist, wie Lord Melbourne über die anglikanische Kirche zu Königin Victoria sagte: "While I cannot be regarded as a pillar, I must be regarded as a buttress of the church, because I support it from the outside." Ich bin auch kein großartiger Tänzer. Aber ich war früher öfter dort.

STANDARD: Wie wichtig ist der Ball für die FPÖ? Oder wurde er erst durch die Proteste wichtig?

Höbelt: Ich glaube, er wurde zu einem gewissen Grad ein identitätsstiftendes Moment, seit es die Proteste gibt. Nachdem sich keiner mehr für den Opernball interessierte und auch die Donnerstagsdemos gegen Schwarz-Blau als Ablenkung vorbei waren, blieb irgendwann halt nur noch der WKR-Ball. Früher war das eine Veranstaltung, die mit der Partei auch nichts zu tun hatte, vor allem deshalb, weil das politische Einzugsfeld aller nationalen Verbindungen - Sänger-, Burschen- und Landsmannschaften - sich bis in die 1980er weit über alle Parteien erstreckte. Jetzt ist die Zahl der Burschenschafter oder Verbindungsstudenten, die in der ÖVP oder SPÖ organisiert sind, karrieremäßig zumindest unter den Jungen gering geworden.

STANDARD: Heute ist also die FPÖ quasi das natürliche Habitat für Korporierte?

Höbelt: Ich würde sagen: Ja. Bei den Burschenschaftern hat sich das etwas verengt, weil sie woanders halt nicht mehr nachgefragt waren. In der Nachkriegszeit wurden sie ja von SPÖ und ÖVP auch stark umworben, weil die Intellektuelle und Akademiker brauchten, um Posten zu füllen. Da war es völlig egal, wo einer herkam, Hauptsache, er schwört der neuen Partei Loyalität, das hat ja meist auch geklappt. Die Verbindung Burschenschaften und FPÖ hat sehr starke Konjunkturen gehabt. Die Gründungsgeneration der FPÖ hatte mit den Burschenschaften nichts zu tun, weil es die im Krieg nicht gab. Die Kriegsgeneration war in der Wehrmacht. Erst in den 1950ern wurden die Burschenschaften wieder aufgemacht, und die erste Generation von Verbindungsstudenten waren Jörg Haider und Norbert Gugerbauer, vielleicht davor noch Gerulf Stix als Zwischengeneration. Jörg Haider hat FPÖ und Burschenschaften dann wieder etwas entflochten, denn er war zwar bei einer Verbindung, aber die wesentliche Trägerschiene, wie die Verbindungen in die Partei gewirkt haben, war der Ring Freiheitlicher Studenten, und Haider war nie RFS-Funktionär, er war RFJ (Ring Freiheitlicher Jugend, Anm.). Er hat auf die quasi allgemeine Jugend gesetzt und nicht auf die akademischen Verbindungen. Da kamen so viele neue Leute, da war auch der eine oder andere Verbindungsstudent dabei, aber im Wesentlichen war das ein anderes Milieu. Nach dem Bruch und Krach von 2002 blieb diese "Laufkundschaft" aus der Mittelschicht eine Zeitlang aus, und die Burschenschafter hatten nach außen wieder eine gewisse größere Prominenz, die aber sachlich weit überschätzt wird.

STANDARD: Was muss FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache den Korporierten heute bieten?

Höbelt: Gar nicht viel, aber das Mindestmaß an Solidarität, dass man sagt: Es geht einfach nicht an, dass ein paar linke Berufsdemonstranten mit einer gewissen augenzwinkernden Konnivenz, also Nachsichtigkeit mancher politischer Stellen quasi eine Veranstaltung nach der anderen abdrehen. Das kann man sich nicht bieten lassen.

STANDARD: Sie würden der FPÖ also nicht raten, den historisch symbolträchtigen Ort, die Hofburg vor dem Heldenplatz, an dem sich die Kritiker vor allem stoßen, zu wechseln. Motto: Der Klügere gibt nach?

Höbelt: Wenn der Klügere immer nachgibt, gibt es zum Schluss keine Klügeren mehr. Aber man darf es nicht übertreiben, denn die Leute finden es zwar eine Frechheit, was die Demonstranten und ihre Hintermänner da aufführen, aber es ist ihnen kein wahnsinniges Anliegen. Das ist vielleicht eine Gefahr, wenn man sozusagen den ganzen Jahreskreislauf rund um den Akademikerball strukturiert, dann geht man an den Anliegen der Wähler vorbei. Als Historiker kann ich diese spontane moralische Entrüstung nicht nachvollziehen, weil die Leute, die heute da demonstrieren, vor 20 Jahren noch gegen den Opernball demonstriert und den WKR-Ball völlig ignoriert haben.

STANDARD: Was sagen Sie als Angehöriger der Uni Wien zur Aufregung darüber, dass es den Ballorganisatoren wieder gelungen ist, jemanden für das "Akademische Ehrenkomitee", offenbar dank vorschnell unterzeichneter Einverständniserklärung, zu überrumpeln, nämlich Vizerektor Heinz Faßmann?

Höbelt: Ich glaube, ich habe auch unterschrieben, weiß nur nicht, ob ich es rechtzeitig abgeschickt habe, ich bin ein unverlässlicher Verwalter. Ich finde, wer sich da aufregt, der hat wirklich nichts Besseres zu tun. Ich kenne das auf der Uni von den Kollegen ganz gut. Alle, die selber in irgendeiner politischen Funktion waren oder sind, sagen völlig einig: Wenn wir Politik machen wollen, dann gehen wir woanders hin. Auf der Uni wollen wir unsere Ruh' und uns endlich einmal mit etwas Nettem beschäftigen, nämlich mit der Geschichte. Das gehört nicht auf die Uni, und außerdem: Es ist so sinnlos, Studenten anzuagitieren, denn wenn man populär ist, dann braucht man das nicht, und wenn man nicht populär ist, dann nützt es nichts. Also wozu dann? (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 31.1.2014)

 

LOTHAR HÖBELT (57) ist ao. Univ.-Prof. für neuere Geschichte an der Uni Wien. In den 1990ern war er Berater der FPÖ und Mitautor des Parteiprogramms von 1997, er ist kein Parteimitglied.

  • "Wenn der Klügere immer nachgibt, gibt es am Schluss keine Klügeren mehr", sagt Lothar Höbelt zum Akademikerball.
    foto: standard/urban

    "Wenn der Klügere immer nachgibt, gibt es am Schluss keine Klügeren mehr", sagt Lothar Höbelt zum Akademikerball.

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