"Bernanke "geht als Star in die Geschichte ein"

Interview30. Jänner 2014, 17:46
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Warum sich Fed-Chef Ben Bernanke um seinen Wikipedia-Eintrag gesorgt hat und eine Finanzmarktblase eine Gefahr bleibt, erklärt Ökonom Anil Kashyap

STANDARD: Die geldpolitische Ära von Ben Bernanke ist zu Ende. Wie sieht seine Bilanz bei der Fed aus?

Kashyap: Er ist 2006 an die Spitze der Fed gekommen, und es hat ein bisschen Zeit gebraucht, bis er die Notenbank in eine neue Richtung steuern konnte. Die Fed war in Bezug auf die Regulierung der Finanzmärkte vor der Krise sträflich zu spät, das passierte aber hauptsächlich in der Zeit von Alan Greenspan. Aber in der Phase der akuten Krise geht Bernanke als Star in die Geschichte ein. Es gibt einen breiten Konsens von Ökonomen, dass die Maßnahmen der Fed eine Wiederholung der Großen Depression und weitere Pleiten von großen Banken verhindert haben. Die Fed hat weiter experimentiert und nicht aufgegeben.

STANDARD: Hätte ein anderer Notenbankchef die Krise nicht verhindert?

Kashyap: Bernanke war besonders engagiert. Ich erzähle gerne den Witz, dass er sich offenbar um seinen Wikipedia-Eintrag gesorgt hat. Er wollte nicht, dass der erste Satz lautet 'Ben Bernanke hat als Ökonom die Große Depression der 1930er-Jahre erforscht und als Zentralbank-Chef die nächste Depression verursacht'.

STANDARD: Doch Bernanke war bereits vor 2006 für die Geldpolitik mitverantwortlich. Hat er die Probleme nicht auch selbst ausgelöst?

Kashyap: Für die Zeit vor 2008 verdient er auch Kritik. Die Finanzregulierung in den USA war ein absolutes Chaos, und die Fed war daran mit schuld. Doch auch der Kongress hatte Verantwortung. Alle Zentralbanker werden heute bestätigen, dass die Finanzstabilität wichtiger ist als noch vor wenigen Jahren.

STANDARD: Und nach 2008? Die Fed hat unter Bernanke tausende Milliarden in Wertpapiere gesteckt, um die Konjunktur zu stützen.

Kashyap: Da lässt sich noch nicht seriös Bilanz ziehen. Die Fed hat die Maßnahmen noch nicht verlassen können. Die Geldpolitik unterstützt sicher die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, aber sie geht auch Risiken ein. Und es ist noch nicht klar, ob diese Risiken auch eintreten.

STANDARD: Welche Risiken?

Kashyap: Die Gefahr einer Blase an den Finanzmärkten besteht. Die Fed muss das genau beobachten.

STANDARD: Trotz gestiegener Vermögenspreise winken viele Geldpolitiker bei solchen Warnungen ab. Im Gegensatz zu der Phase vor der Krise gebe es nämlich kaum Kreditwachstum.

Kashyap: Dieser Einwand ist falsch. Viel Fremdkapital im Banken- und Schattenbankensystem ist sicherlich gefährlich, keine Frage. Aber selbst wenn man auf den ersten Blick keinen Leverage sieht, bedeutet das nicht, dass die Volkswirtschaft nicht in einer gefährlichen Schieflage sein könnte. Die Frage ist, ob die Zentralbank ohne Rücksicht auf die Realwirtschaft die Zinsen anheben würde, um eine mögliche Finanzmarktblase zu verhindern. Diese Frage wird sich in den nächsten Jahren für die Fed stellen. Es ist noch nicht klar, wie sie agieren wird. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 31.1.2014)

Anil Kashyap (53) ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzen an der University of Chicago und Berater der Chicagoer Notenbank. Er gilt als Experte für Geldpolitik.

  • Anil Kashyap: "Die Gefahr einer Blase an den Finanzmärkten besteht. Die Fed muss das genau beobachten."
    foto: university of chicago

    Anil Kashyap: "Die Gefahr einer Blase an den Finanzmärkten besteht. Die Fed muss das genau beobachten."

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