Der Blick auf die Weltkarte hat sich gelohnt

30. Jänner 2014, 17:24
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David Stern hat Basketball in den USA revolutioniert. Nach 30 Jahren als Boss der NBA hört er auf

New York / Wien - David Stern atmete noch einmal kräftig aus, dann griff er in die Glastrommel. Der dünne, kleine Mann mit den pechschwarzen Haaren und der großen Brille wühlte ein wenig, schob einige Umschläge beiseite und nahm schließlich den, dessen Ecke einen Knick hatte. Zufall oder Schummelei? Niemand weiß das, außer Stern. Bis heute begleiten den NBA-Boss diese Verschwörungstheorien um die Draft-Lotterie von 1985. Es ist nur eine von vielen Episoden aus der erfolgreichen Amtszeit des Commissioners. Am Samstag tritt er nach 30 Jahren ab.

Stern ist in New York geboren, dort lebt der 71-Jährige auch heute. Als Kind arbeitete er im Feinkostgeschäft seines Vaters in Manhattan, abends besuchte er die Spiele der Knicks im Madison Square Garden. In jenem Umschlag Mitte der 1980er steckte übrigens eine Karte mit dem Logo "seines" Klubs. Sollte Stern geschummelt haben, dann nicht aus Eigensinn. Die Knicks lagen am Boden, der neue Boss sah den verkümmerten Markt Big Apple und hätte durchaus Grund gehabt, nachzuhelfen. Es ging um Wachstum. Der Rechtsanwalt wurde schnell zum Vermarkter, immer auf der Suche nach Innovatio- nen.

Drogen und Desinteresse

Die NBA hatte miese TV-Quoten. Die Finalspiele wurden teilweise zeitversetzt ausgestrahlt, ein Großteil der Profis kämpfte mit Drogenproblemen. Stern musste aufräumen. Zu Hilfe kam eine besondere Spielergeneration um Patrick Ewing, das begehrte Talent, das die Knicks damals mit dem Lotteriegewinn holten, Michael Jordan, Hakeem Olajuwon oder Charles Barkley. Larry Bird und Magic Johnson waren schon da, als Stern am 1. Februar 1984 Larry O'Brien beerbte.

Der Jurist Stern, clever und humorvoll, aber auch stur und energisch, hat die Liga auf den Kopf gestellt. Er expandierte, wo es nur ging. "David hat immer das große Ganze gesehen. Er hat auf die Weltkarte geschaut", sagt Jerry Colangelo, Geschäftsführer des US-Basketballverbandes. Das Ergebnis ist beeindruckend. Heute macht die Liga jährlich einen Umsatz von umgerechnet vier Milliarden Euro, die TV-Rechte bringen pro Saison 730 Millionen. Mehr als 26 Millionen Fans weltweit sahen im letzten Sommer das entscheidende Finale zwischen Miami und San Antonio, es lief in 215 Ländern.

Lob und Strenge

Sterns Stellvertreter und Nachfolger Adam Silver (51) wird es schwer haben, seinen charismatischen Chef zu ersetzen. Er weiß das. "David gehört zu den führenden Geschäftsleuten seiner Generation", sagt Silver: "Er hat immer Wachstum im Sinn gehabt, aber auch stets betont, dass nichts wichtiger ist als das Spiel."

Der Boss ließ sich nicht auf der Nase herumtanzen. Mark Cuban, Besitzer der Dallas Mavericks und damit Chef von Superstar Dirk Nowitzki, bekam von ihm fast zwei Millionen Dollar an Geldbußen aufgebrummt. Stern, der längst nicht mehr schlank ist und dessen Haare mittlerweile silbrig glänzen, greift durch.

Expansion und Wanderung

Sechs Teams zogen unter seiner Regentschaft um, sieben neue wurden gegründet, damit verbunden war die Kanada-Expansion. Es gab unter anderem vier Lock-outs und das Skandalspiel zwischen Detroit und Indiana, als Profis nach einer Schlägerei für insgesamt 146 Spiele aus dem Verkehr gezogen wurden. Es gab auch die Affäre um Schiedsrichter Tim Donaghy, der auf Spiele gewettet und sie dann manipuliert hatte.

Stern war immer um die Außendarstellung der NBA bemüht, deshalb führte er 2005 einen Dresscode ein, der den Spielern vor und nach einer Begegnung Jacketts und Krawatten in der Halle vorschreibt. Stern wollte nicht länger dulden, dass die Profis im Gangsta-Look auftraten. Die NBA hat ihr Gesicht verändert. Nachfolger Silver sagt: "Sie stand ja auch unter einem guten Stern." (sid; red, DER STANDARD, 31.1.2014)

  • David Stern hat natürlich nicht nur Trophäen überreicht und zu langen Spielern aufgeschaut. Selbst LeBron James von den Miami Heat schätzt die Größe des Commissioners.
    foto: reuters

    David Stern hat natürlich nicht nur Trophäen überreicht und zu langen Spielern aufgeschaut. Selbst LeBron James von den Miami Heat schätzt die Größe des Commissioners.

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