Berückendes Opernspektakel zum Jahr des Pferdes

30. Jänner 2014, 17:23
posten

Das Chinesische Neujahrskonzert widmet sich diesen Sonntag im Wiener Musikverein der Pekingoper

Wien - Die Abläufe in Kosmos und Natur sind ehern, die Festlegungen der menschlichen Spezies neigen zur Willkür. Verschiedene Kalender existieren nebeneinander genauso wie unterschiedliche ästhetische Vorlieben. Das Jahr beginnt zuerst in der westlichen Hemisphäre und ein paar Wochen danach noch einmal in China. Hier wird mit dazu auch gleich noch der bevorstehende Frühling gefeiert. Das chinesische Neujahrsfest wird auch in Wien zelebriert, und zwar schon zum 14. Mal an jener Stelle, an der beim bekanntesten abendländischen Neujahrsevent alljährlich das sanft hinkende Hummtata des Donauwalzers erklingt: im Großen Musikvereinssaal.

Doch China liebt nicht nur Neujahrsevents - die Frühlingsfestgala im Staatssender CCTV soll von einer halben Milliarde Chinesen verfolgt werden -, sondern auch die Oper. Zwar noch nicht seit 2000 Jahren, wie man es bei der langen Geschichte des Landes vermuten könnte, aber immerhin schon seit zwei Jahrhunderten.

Ende des 18. Jahrhunderts holten kaiserliche Inspektoren verschiedene Musiktheatergruppen in die Hauptstadt. In den Teehäusern der Provinz wurden die teils hochdramatischen, teils romantischen, teils komödiantischen XL-Darbietungen als begleitendes Divertissement zur Konsumation eines landauf, landab beliebten Heißgetränks serviert.

Man darf sich die beinahe unendlichen Musikgeschichten als fernöstliche Variante brasilianischer Telenovelas vorstellen - statt auf Knutschen und nackte Haut wird hier auf exaltierte Kostümierung und bizarre Gestik gesetzt. Heute werden die mitunter tagelangen Werke in China in großen, modernen Opernhäusern und in verkürzter Form aufgeführt - ein neunzigminütiges Hitpotpourri soll reichen.

Das chinesische Neujahrskonzert am Sonntag im Musikverein bestreiten renommierte Künstler des Peking Opera Theatre Beijing. Darf man da vorher ein paar Eindrücke sammeln? Man darf. Im Parlament findet eine erläuternde Pressekonferenz samt Kurzdemonstration statt. Mit dem Sohn eines der größten Stars der Pekingoper, Mei Lanfang, darf sogar kurz gesprochen werden.

Einhellige Freude

Der elegante, formvollendete Neoklassizismus Theophil von Hansens bietet den schmucken Rahmen für die Präsentation. Susanne Kurz, Vizepräsidentin des Bundesrates, spricht freundliche Worte, drei chinesische Männer aus dem Kulturbereich tun es ihr gleich. Der stete Wechsel zwischen dem militärisch straffen, rhythmisierten, theatralischen Duktus der chinesischen Redner und dem sanften Deutsch des Dolmetschers erfreut.

Und schon kommen die Künstler. In der Pekingoper gibt es, wie in der westlichen Oper auch, vielfältige und klar definierte Rollenfächer - so etwa das "große bemalte Gesicht".

Mit gut gekämmtem Rauschebart, einer Kopfbedeckung mit roten Bommeln und maskenhaft bemaltem Antlitz singt ein Mann auf erregte Weise mit Kopfstimme und weitet die Augen. Im fünfköpfigen Miniorchester klackern Holzstäbe, begleiten Saiteninstrumente die Gesangsstimme. Zwei Minuten stilisiertes Furioso, und Schluss. Begeisterung beim dauerfotografierenden chinesischen Gästeteil.

Es folgt eine junge Frau, eine kurze Liebesgeschichte vortragend. Das Rosa ihrer kostbaren Robe findet sich in einem intensiveren Farbgrad um ihre schmerzgeweiteten Augen wieder. Sie singt, so wird erklärt, von unerfüllt Liebenden, die sich in Schmetterlinge verwandeln. Rührung im Publikum. Das nächste Rollenfach steht in denkbar größtem Kontrast zum eben Erlebten: die in der Kriegskunst erfahrene ältere Frau. Was macht sie gern? Sie keift. Und so erlebt man eine (in der Geschichte) 100-Jährige, die besonders lang besonders eindringliche Töne singt. Auch sie hinterlässt nach den 90 Sekunden ihres Auftritts einhellige Freude.

Zum Schluss das Highlight: ein junger Künstler, der eine betrunkene Frau spielt - eine auf einzigartig anmutige Art und Weise betrunkene Frau. Das Kostüm dekliniert freudvoll die komplette Farbpalette durch, die Kopfbedeckung würde jeden Pfau neidig machen. Generell ist den Kostümen der Pekingoper ein Hang zu ornamentalem Überfluss und skulpturalem Gepräge zuzuschreiben. Der Gesang des Falsettierenden und sein raffiniertes Spiel mit den langen weißen Ärmeln machen das Publikum schier rasend.

Dann noch schnell ein paar Worte mit Mei Baojiu, dem 80-jährigen Sohn der Pekingoper-Legende. Der Fackelträger der Mei-Schule hat die großen, warmen Augen seines Vaters geerbt und trägt ein nie verblühendes Lächeln in seinem Antlitz. Vater Mei Lanfang hat Charlie Chaplin und Bertolt Brecht beeindruckt; Sohn Mei Baojiu, der seit seinem zehnten Geburtstag von seinem Vater unterrichtet wurde, freut sich, in Wien zu sein. Zehn Jahre benötige man für die Ausbildung in Gesang, Schauspiel, Tanz und Kampfkunst, erzählt der freundliche Künstler.

Große Oper

Mag er auch die westliche Oper? Er habe Plácido Domingo und Luciano Pavarotti getroffen, erzählt Herr Mei - und er liebe natürlich auch Verdi, Puccini, Tschaikowsky, Mozart & Co. Egal ob westliches oder fernöstliches Musiktheater: Bei allen Unterschieden sei letztlich doch beides große Kunst, also Oper.

In China beginnt heute das Jahr des Pferdes, es steht für Dynamik und Kraft. In welchem Sternzeichen ist Mei Baojiu geboren, und für welche Charaktereigenschaften steht es? Sein Vater sei ein Pferd gewesen, meint Herr Mei, er selbst sei ein Hund. Ein Hund sei treu, loyal und klug. Deshalb sehe er selbst seine Aufgabe darin, die Geheimnisse und Künste der Pekingoper, die ihn sein Vater gelehrt habe, in großer Treue zu pflegen, weiterzugeben und der Welt bekanntzumachen. Gutes neues Jahr! (Stefan Ender, DER STANDARD, 31.1.2014)

Musikverein, Großer Saal, 2.2., 15.00

  • Junger Mann in der Maske einer jungen Frau. An seiner/ihrer Seite Mei Baojiu. Für den Sohn der Pekingoper-Legende Mei Lanfang ist die Pflege des spektakulären Musiktheaters Lebensaufgabe.
    foto: regine hendrich

    Junger Mann in der Maske einer jungen Frau. An seiner/ihrer Seite Mei Baojiu. Für den Sohn der Pekingoper-Legende Mei Lanfang ist die Pflege des spektakulären Musiktheaters Lebensaufgabe.

  • Kopfstimme und gut gekämmter Rauschebart: "Das große bemalte Gesicht" ist in der Pekingoper ein klar definiertes Rollenfach. Zehn Jahre benötigt ein Darsteller für die Ausbildung in Gesang, Schauspiel, Tanz und Kampfeskunst.
    foto: regine hendrich

    Kopfstimme und gut gekämmter Rauschebart: "Das große bemalte Gesicht" ist in der Pekingoper ein klar definiertes Rollenfach. Zehn Jahre benötigt ein Darsteller für die Ausbildung in Gesang, Schauspiel, Tanz und Kampfeskunst.

Share if you care.