Tyrolia: Alte Bindungen

3. Februar 2014, 18:15
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Können Sie sich erinnern? An sie - Ihre allererste Skibindung? Thomas Rottenberg kann es - wieder - seit kurzem - und ist nach Schwechat gefahren, ins Tyrolia-Werk

Erinnern Sie sich noch an Ihre Erste? Also die, die als Allererste da war? Und damit meine ich nicht die vom Schulskikurs. Oder die aus den Semesterferien. Nicht die, mit der Sie am Holzbügel-Schlepplift meterhoch über die Liftspur hochstiegen. Und auch nicht die, mit der Sie damals an dieser steilen Stelle aus dem Lift flogen - und beim Runterrutschen gleich die halbe Gruppe mitrissen.

Die meine ich nicht. Sondern die Erste. Die Allererste. Die, mit der alles anfing. Das, was noch andauert. Mit Hochs und Tiefs. Mit Verletzungen, Irrwegen, grotesken Kosten und Strapazen - und dem immer einmal öfter gebrochenem als gefassten Entschluss, es jetzt aber doch bleiben zu lassen.

Denn: Wozu eigentlich? Das bisserl Spaß für die kurze Zeit steht doch in keiner Relation zu Aufwand, Mühsal und Risiko. Und am Schluss holt einen der Alltag dann ja trotzdem wieder ein. Die Routine. Die Ebene - mit ihren Mühen.

Und genau deshalb frage ich Sie: Können Sie sich erinnern? An sie - Ihre allererste Skibindung?

Ich kann es. Wieder. Seit kurzem. Weil mich eine Bekannte mitgenommen hat - und ich plötzlich meiner Geschichte gegenüberstand. Nicht in den Alpen - sondern in Schwechat. Gerade einmal in Spuckweite von der Wiener Stadtgrenze entfernt.


Dort, in Schwechat, ist die Firma Tyrolia daheim. War es - das nur nebenbei - immer. Seit sie Mitte des 19. Jahrhunderts als "Wiener Metallwaren-, Schnallen und Maschinenfabrik GmbH" gegründet wurde. Seit hier 1928 Skibindungen gebaut werden. Seit der Firmenname - 1949 - portfoliokonform "alpinisiert" wurde. Die Legende besagt übrigens, dass es irgendwann in den 60er- oder 70er-Jahren - zur Befriedung der Tiroler und zur Nichtnochmehrverwirrung der Kundschaft - kurz einen Tyrolia-Briefkasten im "Heiligen Land" gab. Das spielt aber hier und heute keine Rolle.

In Schwechat, im Tyrolia-Werk, werden Bindungen gebaut. Aber längst nicht auf allen steht dann "Tyrolia" drauf. Drum ist ein bisserl in Vergessenheit geraten, dass Tyrolia auch heute noch Weltmarktführer in Sachen Skibindungen ist. Egal - denn auch darum geht es hier heute nicht.

Denn im Verwaltungstrakt des Werkes gibt es einen Gang. In dem hängt Skigeschichte. Globale. Meine. Und vermutlich auch Ihre. Denn hier hängen Skibindungen. Auf kleine Brettchen geschraubt. In Viererreihen. Vom Boden bis an die Decke. Über 25 Meter. Schön geordnet. Nach Alter. Nach Herkunft. Nach Machart. Nach Hersteller. Nach ... wasweißdennich.

Technisch-fachlich-historisch beginnt die Sammlung mit Lederriemen. Also gerade nicht dem Modell "Ötzi". Diese Lederriemen-Bondage-Bindungen wurden dann - langsam und sukkzessive - durch Spannhebel, Metallschienen, Kabelzüge, Federn und Walzen ergänzt, aufgemotzt, weiterentwickelt über Jahre und Jahrzehnte von Forschung und Entwicklung, zu jenen High-Tech-Geräten, mit denen wir heute Hänge hinunterrutschen. Oder carven. Oder powdern. Oder verzweifeln. Und genau das kann man hier sehen: Einen Überblick. Komplett. Nüchtern. Sachlich. Historisch. Technisch.

Nur: Ich bin kein Techniker - sondern war einmal ein Kind. Das stand irgendwann das erste Mal auf Skiern. In viel zu großen, dreimal in der Familie übertragenen Leder-Schnürschuhen mit drei Paar Socken. Mit einer Uralt-Bindung die tatsächlich noch einen Kabelzug nach vorne hatte. So, wie es das heute nur noch bei Skispringern oder Telemarkern gibt. Aber natürlich war mein Equipment weit weniger cool.

Meine Freunde hatten Backenbindungen. Alle. Und mich quälte auch später noch der Neid, dass alle, alle, alle, am Schulskikurs mit dieser einen Rennbindung unterwegs waren. Mit Stopper. Während ich mich mit dieser Tourenbindung abquälen musste. Die sogar noch Fangriemen hatte. Und mit der ich die Lachnummer der Klasse war - bis wir von der Piste ins Gelände kamen. (Nur: Leider war es den Klassenlehrern streng verboten, die Pisten zu verlassen. Also lachten sie die ganze Woche durch.)

Egal. Schwechat. Hier und jetzt: Der Blitz schlug ein. Da war dieses Gefühl. Dieses Herzausreißergefühl. Die Wehmut, die mich befällt, wenn ich an Dinge erinnert werde, die wunderschön, wichtig und richtig waren - aber so lange vorbei sind, dass ich nicht mehr ganz sicher bin, ob sie überhaupt tatsächlich je passiert sind. So passiert sind.

Aber jetzt stehe ich da. In diesem schmucklosen Gang. Und habe Herzklopfen. Und feuchte Augen. Weil sie da ist. Sie. Die Erste. Die, mit der alles angefangen hat. Etwas Wunderschönes, das hoffentlich noch lange nicht zu Ende gehen wird. Und auch wenn da heute eine andere ist: Sie war die Erste. Die mit der alles begann - und das kann uns keiner wegnehmen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 4.2.2014)

 >> Weitere Impressionen aus dem Skibindungs-Museum

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