Lehrpläne: Viel Freiheit für die Lehrer

6. Februar 2014, 13:54
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Die österreichischen Lehrpläne lassen den Pädagogen viel Spielraum - Das sei gleichzeitig Fluch und Segen, meint einer von ihnen

Gesamtschule, Studiengebühren und vielleicht ein bisschen Lehrberuf. Die Bildungsdebatte in Österreich kreist um nur sehr wenige Themen. Die tatsächlichen Inhalte des Unterrichts bleiben auf der Strecke, dazu gehört auch eine Diskussion über die Lehrpläne. Lehrpläne werden oft mit dem Eigenschaftswort "überfrachtet" in Verbindung gebracht. Den Kindern werde zu viel zugemutet, heißt es. Schuld daran dürften aber nicht die Curricula an sich sein. "Lehrer tun oft so, als ob sie den ganzen Stoff durchmachen müssen, aber diese Verpflichtung gibt es nicht", sagt der Erziehungswissenschaftler Ferdinand Eder von der Universität Salzburg im Gespräch mit derStandard.at.

In Österreich hat jeder Schultyp seinen eigenen Lehrplan: Die Volksschule, die Hauptschule, die Neue Mittelschule, die Unterstufe der AHS, die Oberstufe der AHS, die berufsbildenden Schulen, die Sonderschulen und die polytechnischen Schulen. Der Lehrplan für die Sekundarstufe 1 – also für alle 10- bis 14-Jährigen – ist allerdings überall sehr ähnlich und unterscheidet sich nur in Details. Grundsätzlich sind die österreichischen Lehrpläne sehr einfach gehalten.

Leitvorstellungen

Sie beginnen mit dem gesetzlichen Auftrag der Schulen und den Leitvorstellungen, die im Unterricht vermittelt werden sollen. Im Lehrplan zur Neuen Mittelschule heißt es etwa einleitend: "Der Bildungs- und Erziehungsprozess erfolgt vor dem Hintergrund rascher gesellschaftlicher Veränderungen insbesondere in den Bereichen Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Technik, Umwelt und Recht." Als wichtige Werte und Erziehungsstile werden die Würde des Menschen, Freiheit, Integrität, Gleichheit und Einzigartigkeit aller Menschen, Solidarität mit Schwachen und am Rande Stehenden genannt.

Nach didaktischen Grundsätzen, Stundentafeln und Vorschreibungen zur Schul- und Unterrichtsplanung folgt erst im sechsten Teil des Lehrplans die Auflistung der Inhalte in den einzelnen Schulfächern. Diese sind überraschend kurz. Der Lehrstoff wird nur in Stichworten aufgelistet. Der Stoff der ersten Klasse in Mathematik zum Beispiel umfasst etwa eine DIN-A4-Seite. Insgesamt hat der gesamte Lehrplan für die gesamte Neue Mittelschule 108 Seiten.

"Lehrpläne sind bereits entrümpelt"

"Die Lehrpläne sind bereits entrümpelt", erklärt Kurt Nekula, Sektionschef im Unterrichtsministerium, im Gespräch mit derStandard.at. Bei der Lehrplanreform im Jahr 2000 für die erste Sekundarstufe wurde etwa zwischen Kernbereichen und Erweiterungsbereichen unterschieden. Zu zwei Dritteln ihres Unterrichts müssen Lehrer die Inhalte der Kernbereiche unterrichten, ein Drittel wird am Schulstandort festgelegt. Grundsätzlich ist der Lehrplan sehr allgemein formuliert. "Der Lehrer kann die Beispiele selbst auswählen", sagt Nekula. Wenn etwa kriegerische Auseinandersetzungen am Lehrplan stehen, wäre es zum Jahrestag 2014 sinnvoll, sich auf den Ersten Weltkrieg zu konzentrieren.

Erziehungswissenschaftler Eder erklärt im Gespräch mit derStandard.at, dass das den Lehrern große Freiheiten lasse. "Lehrer können Schwerpunkte setzen, der Lehrplan gibt nur den Rahmen vor." Trotzdem würden manche Lehrer glauben, sie müssten den gesamten Stoff durchmachen. Wenn Eltern und Schüler unter dem vielen Stoff ächzen, sei das oft der Grund dafür.

"Freiheit ist Fluch und Segen"

Auch Paul Kimberger, Chef der Lehrergewerkschaft für die Pflichtschulen, sieht in den österreichischen Lehrplänen nur einen Rahmen. "Den Lehrern wird Eigenverantwortung gegeben, sie müssen Mut zur Lücke haben." Eckehardt Quin, Chef der AHS-Lehrergewerkschaft, beschreibt die Lehrpläne als "großes Buffet", an dem die Auswahl sehr groß sei. "Diese Freiheit ist Fluch und Segen gleichzeitig." Die Überschriften im Lehrplan würden ein großes Feld eröffnen, und man müsse sich entscheiden, welches Thema im Unterricht im Fokus stehe.

Schüler mit Auswahl der Lehrer unzufrieden

In der Tat sind die Schülervertreter mit dem Lehrplan nicht unbedingt zufrieden. "Die Lehrpläne sind grundsätzlich okay, aber hier und da gibt es ein paar Dinge, die man heutzutage nicht unbedingt wissen muss und die man durch aktuellere Inhalte ersetzten könnte", sagt Bundesschulsprecherin Angie Groß, die selbst eine Handelsakademie besucht. Die Bundesschulsprecherin sieht die Freiheit der Lehrer bei der Auswahl des Stoffs kritisch: "Die Lehrer legen ihre eigenen Prioritäten." So komme zum Beispiel das Fach "Politische Bildung" im Geschichteunterricht oft viel zu kurz. Um das Problem zu lösen, schlägt sie mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten der Schüler am Lehrplan vor. In der Oberstufe könne man etwa ein Kurssystem anbieten.

Eine Schwierigkeit ist laut Groß außerdem, dass sich manche Inhalte innerhalb eines Schuljahres oft gar nicht ausgingen. "Den Schülern fehlt dann dieses Wissen." Das könne vor allem bei der neuen Zentralmatura problematisch werden.

Problem Zentralmatura

Ein Problem im Zusammenhang mit der Zentralmatura und dem aktuellen Lehrplan sieht auch Quin von der AHS-Lehrergewerkschaft. Er macht Schwierigkeiten dabei aus, dass bei der Zentralmatura zwar Kompetenzen vorgeschrieben sind, aber nicht klar ist, welche genauen Inhalte überprüft werden. "Wenn in einer Klasse zufällig ein Thema durchgenommen wird, das bei der Zentralmatura abgeprüft wird, ist das nicht fair." Die Schüler hätten dadurch unterschiedliche Voraussetzungen. Als Vorbild nennt er Frankreich, wo etwa im Fach Französisch für jedes Jahr eine eigene Bücherliste vorgegeben werde, die gelesen werden muss.

Grundsätzlich steht die Breite des Lehrplans im Widerspruch zur derzeitigen Standardisierung an Österreichs Schulen. Zentralmatura und Bildungsstandards geben genau vor, was gelernt werden muss. Experten sehen diese Entwicklung kritisch, da sie dazu führt, dass auf individuelle Bedürfnisse nicht mehr eingegangen werden kann. (Lisa Aigner, derStandard.at, 6.2.2014)

  • "Die Lehrpläne sind bereits entrümpelt", sagt Kurt Nekula, Sektionsleiter im Unterrichtsministerium.
    foto: standard/cremer

    "Die Lehrpläne sind bereits entrümpelt", sagt Kurt Nekula, Sektionsleiter im Unterrichtsministerium.

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