Im Zweifel für den Griechen

30. Jänner 2014, 18:20
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Arno Schmidts Lob für Christoph Martin Wieland

Man wird den Verdacht nicht los, Arno Schmidt (1914-1979) sei umso begeisterter für Literatur eingetreten, je entlegener sie war. In zahlreichen "Funk-Essays" brachte Schmidt den staunenden Literaturfreunden die exotischsten Namen zu Gehör. Wer von Barthold Hinrich Brockes, Friedrich de la Motte Fouqué, Samuel Christian Pape, Johann Gottfried Schnabel oder Wilhelm Friedrich von Meyern nichts - oder noch nichts - gehört hatte, schien für die Sache der Literatur von vornherein verloren.

Doch Einschüchterung war eine fruchtbringende Methode. Schmidt (Zettel's Traum) ist ein Erneuerer der Prosaform im Nachkriegsdeutschland. Seine Gegnerschaft zur Alltagswelt der Adenauer-Zeit versteht, wer die schiere Menge an bedruckten Seiten bedenkt, die der Mann verschlang. Schmidts Vorlieben und Abneigungen erwecken jeweils den Anschein, wohlbegründet zu sein. Im Falle der Zustimmung kennt der Überschwang des Essayisten kein Halten.

Als "wichtige" Autoren betrachtet Schmidt die Kollegen nicht allein deshalb, weil sie irgendwann zu gefallen wussten. Aus der Betrachtung der Werke soll die Schlüssigkeit der von ihnen verwendeten Techniken hervorgehen. Raunen und Staunen gelten nicht. Durch Christoph Martin Wieland, einen mehr gerühmten als gelesenen Klassiker aus Weimar, sei "das handwerklich Mitteilbare der Dichtung mit einem Schlage verdoppelt" worden.

Schmidts Wieland-Essay, 1956 ausgestrahlt, besitzt denn auch den Untertitel "... oder die Prosaformen". In ihm werden Leben und Werk Wielands mit kundiger und ein bisschen lässiger Gebärde skizziert. Schmidt bedient sich - ein Hinweis auf die Altgriechenland-Vorlieben Wielands - der Dialogform. Er will das Wesen des ungeliebten Zweit-Klassikers wie einen Schmetterling aufspießen. Aus zahlreichen Häutungen setzt sich Wielands Dichterleben zusammen. Er wohnt in Rufnähe des großen Goethe. Wieland erträgt dessen Spott und nimmt das Schicksal hin, noch zu Lebzeiten als unmodisch zu gelten.

Christoph Martin Wieland (1733-1813) ist das faszinierende Produkt deutscher Hochaufklärung. An ihm lobt Schmidt die Überwindung des Barock. Der kleine, blasse Mann sorgt im Alleingang dafür, dass die deutsche Prosakunst wieder Anschluss an die Weltliteratur findet.

Kennzeichen dieses ungemein fruchtbaren Hellenisten sei, so Schmidt, sein "Intellektualismus". Seit Wieland ist die deutsche Literatur wieder Sache des kalkulierenden Verstandes. Was für den Verfasser des Agathon, der Abderiden gilt, stellt ihn in krassen Gegensatz zur Genie-Kultur. Der deutsche Klassiker-Kult rund um das Städtchen Weimar ist das polemische Ziel von Arno Schmidts ansteckender Wieland-Begeisterung.

Die Einschüchterung durch Klassiker (Goethe! Schiller!) hat die Literatur allzu weit dem schöpferischen Nachvollzug entrückt. Es muss endlich Schluss sein mit der Verschwiegenheit rund ums Erhabene. Edle Einfalt und stille Größe sind nichts. Da lobt sich Schmidt lieber seinen Wieland.

Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 31.1.2014)

Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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