Coaching boomt: "Jeder hat die Chance auf Glück"

Interview30. Jänner 2014, 13:57
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Warum Coaching boomt, was daran auch Gutes ist und warum er als Kunstmensch zum Coaching kam, erklärt Theaterintendant und Coach Robert Castellitz

STANDARD: Warum erleben wir einen solchen Coaching-Boom aller möglichen Arten, mit allen möglichen Methoden?

Castellitz: Immer mehr Menschen haben das Gefühl, sich nicht mehr zu spüren, fühlen sich angezo- gen und abgestoßen gleichermaßen von Rollenbildern, fühlen sich unter Druck gesetzt, kommen nicht mehr zurecht mit der Taktik, sich ständig selbst überholen zu "müssen".

STANDARD: Sie machen aber mit in diesem System ...

Castellitz: Ja. fühlen sich aber zunehmend leer und ausgelaugt, streben nach etwas, das sie gar nicht wollen, decken sich mit Karriereplanung und Arbeit zu. Das Ergebnis ist aber nicht Glück, sondern die Spirale von Kraftlosigkeit, Frust, Erschöpfung kommt in Gang. Aggression und Weitermachen-Müssen ersetzen Freude, eine gute Ausstrahlung, Spaß, Ausgeglichenheit. Das Defizit, oder der Spagat, die werden größer bis kaum noch erträglich. Es ist immer eine persönliche Unzufriedenheit verbunden mit seelisch-körperlichen Schmerzen, die Menschen zu Coaches treibt. Nie ein intellektuelles Problem allein. Das gibt es für mich auch nicht, Körper und Geist sind ja verbunden.

STANDARD: Also worum geht es? Erlöserrolle des Coaches?

Castellitz: Oh nein. Für die Lösung ist der oder die Coachee zuständig. Ein guter Coach ist ein gutes Werkzeug, kein Löser. Coaches bringen nichts bei und verordnen keine richtigen Wege, sondern helfen, die Identität zu finden. Es geht darum, sich selbst (wieder) zu finden. Sich (wieder) zu spüren.

STANDARD: Also dann: Glückssuche als Motiv?

Castellitz: Ja. Und jeder hat die Chance auf sein Glück. Aber das kommt nicht von außen, sondern wird gefunden durch das Fühlen und Wissen um die Identität.

STANDARD: Das große Bedürfnis hat auch einer Menge Scharlatanen zu einem Markt verholfen ...

Castellitz: Stimmt. Und es wird sehr viel intellektualisiert.

STANDARD: Vulgo: gequatscht?

Castellitz: Intellektualisiert... Allzu oft werden lediglich Symptome besprochen, es geht nicht an die Ursachen. Ich arbeite deswegen mit einer Mischung aus Gespräch, Körperübung, Gestaltung, zeichnerischem Ausdruck. Ganz wichtig nochmal: Coaches lösen nichts, Probleme sind nicht zu delegieren. Tatsächliche massive Krankheitsbilder, Störungen sind ja auch nicht Sache von Coaches. Dafür gibt es Fachleute. Es ist essenziell, seine Grenzen als Coach sehr genau und sehr feinfühlig zu kennen. Gute Coaches tun nicht so, als könnten sie therapieren, abgesehen davon, dass sie das auch nicht dürfen.

STANDARD: Wie sind Sie als Kunstmensch zum Coaching gekommen?

Castellitz: Ich bin selbst an dem Punkt gewesen, an dem ich nicht mehr gewusst habe wozu, aber in Kompensation immer mehr gemacht habe. Noch mehr Sprechunterricht zum Beispiel. Ich war erschöpft. Mehr hat nichts gebessert, wenn Sie so wollen, habe ich mich verloren. Dann habe ich mir Coachingausbildungen angeschaut. Die meisten waren nichts für mich, weil sehr symptomorientiert.

STANDARD: Noch einmal zurück zum Auslöser des Coaching-Booms: Das ist ja eigentlich eine recht deprimierende Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft ...

Castellitz: Wer sich nur in vorgegaukelten Rollenbildern aufhält und daraus Vorstellungen zimmert, denen er folgt, kommt irgendwann zu dem Punkt, sich zu fragen: Wer bin ich denn überhaupt, und was will ich? Das ist doch gut, in dieser Form zu reflektieren. (Karin Bauer, DER STANDARD, 25./26.1.2014)

Robert Catellitz ist Coach, Sprechtrainer, Künstlerischer Betriebsdirektor am Theater Freiburg.

Link:

www.castellitz.com

  • Robert Catellitz.
    foto: privat

    Robert Catellitz.

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