Ich schreibe, was ich will

Blog30. Jänner 2014, 10:57
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Was der "Tractatus", der Instanzenzug und die Prozentrechnung gemeinsam haben

Ich studiere nicht nur, was ich will, ich schreibe auch, was ich will. Aber ich lade Sie herzlich ein, mir zu folgen. Denn was wäre mein Schreiben ohne Sie? Jetzt noch einmal zu den Umwegen, die mir gefallen: zum Beispiel wenn ein Jurist und Lehrbeauftragter an der Universität eine Ausstellung zum "logischen Bild" aus urheberrechtlicher Sicht macht und sich dazu mit Ludwig Wittgenstein beschäftigt.

In der Ausstellung "Das logische Bild", derzeit in der Galerie Ulysses in Wien, gibt es einen Gegenstand, elf Bilder, einen Text und ein Video zu sehen. Der Künstler ließ sich dafür vom "Tractatus logico-philosophicus" inspirieren, mit dem man sich gemeinhin eher am Institut für Philosophie zu beschäftigen pflegt. Wunderbar, aber was hat das jetzt schon wieder mit dem Studium der Informatik zu tun, könnten Sie fragen. Gemach, gemach. Welch wunderschönes Wort, das viel zu selten zu lesen ist.

Ein logisches Bild

Besagter Jurist stellt nun den österreichischen Instanzenzug für ein Handelsgerichtsverfahren als "logisches Bild" im Sinne von Wittgenstein dar. Ich führe die Details nicht aus, gehen Sie in die Ausstellung. Das Spannende daran ist, wie er es schafft, das mit den relevantesten Fragen des Urheberrechts in Verbindung zu bringen. Ich sage: Das sollte auch Informatiker interessieren, wenn sie mit ihren Computerprogrammen, als Sprachwerke betrachtet, einmal richtig Kohle verdienen wollen. Irgendwann geht es ja dann doch wieder um den schnöden Mammon – oder auch nicht.

Erst einmal soll es endlich um die Prüfungen gehen, die manche von Ihnen so brennend interessieren. Im Vergleich zu vor 20 Jahren ist eine starke Tendenz zum Multiple-Choice-Verfahren festzustellen. In meinem Fall spreche ich, und das ohne große Mathematikkenntnisse, von einer Steigerung von 100 Prozent. In meinem ersten Studium hatte ich keine einzige Multiple-Choice-Prüfung.

Zeitsparende Multiple-Choice-Tests

Ob das fairer und exakter ist, sei dahingestellt, jedenfalls ist es sicher leichter und zeitsparender zu korrigieren. Beide Lehrveranstaltungen zum Thema Informatik und Recht, die hier immer wieder gern verglichen wurden wie Äpfel mit Birnen, schließen mit einem Multiple-Choice-Test ab. An der Informatik müssen fünf Fragen beantwortet werden, die sich jeweils in vier bis fünf Unterfragen gliedern. Dafür gibt es eine halbe Stunde Zeit. Nur wenn jeweils alle Kreuzerl korrekt gesetzt sind, gibt es Punkte. Das ist ganz schön hart.

Dafür muss nicht der genaue Wortlaut, sondern nur der Sinn erfasst und wiedererkannt werden – schließlich sind wir hier nicht am Juridicum. Der Test fällt bei der Gesamtnote mit 40 Prozent ins Gewicht, 60 Prozent ergeben sich aus den drei Gruppenarbeiten, die übers Semester verteilt zu bewältigen waren. Lustig, dass nicht alle Anwesenden ausrechnen können, wie viele Fragen sie richtig haben müssen, um eine positive Note zu bekommen – und das im fünften Semester! Da kichert die Geisteswissenschaftlerin in mir. (Tanja Paar, derStandard.at, 30.1.2014)

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