Wo bleibt eigentlich die Menschlichkeit?

Leserkommentar30. Jänner 2014, 19:20
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Über das Schicksal eines pakistanischen Flüchtlings in Vorarlberg

Zada ist 27 Jahre alt, ein Jahr jünger als ich, und lebte bis vor kurzem in Bregenz. Er ist einer von Millionen Menschen, denen nicht so viel Glück zuteilwurde wie mir. Ich wurde vor 28 Jahren in Österreich geboren, Zada in Pakistan, in einem kleinen Dorf im Distrikt Peshawar, einer "Federal Administrated Tribal Area" (FATA). FATAs sind pakistanische Sonderterritorien im Grenzgebiet zu Afghanistan. Großteile der FATAs sind unter der Kontrolle von Al-Kaida und den pakistanischen Taliban. Die menschenrechtliche Situation in diesen Grenzgebieten ist laut einem Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 2012 prekär.

Die FATAs unterliegen nicht gänzlich der pakistanischen Jurisdiktion, hier werden zusätzliche Reglementierungen angewandt. Solche Sonderregelungen erlauben den staatlichen Sicherheitskräften, gegen die Taliban und andere "Verdächtige" vorzugehen, sie legitimieren jegliche Gewaltsvollstreckung im Namen der "Wiederherstellung und Stärkung des Rechtsstaates".

Menschenrechtsverletzungen

Fakt ist, dass durch sie Verletzungen der Menschenrechte, Folter, Entführung und Mord an Zivilisten durch staatliche Sicherheitskräfte nicht nur zum Alltag gehören, sondern auch strafrechtlich nicht verfolgt werden. Zivilisten werden ohne jegliche Beweise der Kollaboration mit den Taliban oder anderen terroristischen Netzwerken verdächtigt, eingesperrt, gefoltert. Die Tortur endet oft erst nach Jahren mit der Rückgabe des toten Körpers an die Angehörigen. An dieser Stelle verzichte ich auf die Wiedergabe einzelner Fälle des Berichts von Amnesty International.

Der pakistanische Staat oder vielmehr das Fehlen dessen ist eine erhebliche Gefahrenquelle für Zivilisten, vor allem für junge Männer in den Grenzregionen. Die andere, nicht mindere Gefahr stellen Terroristengruppen dar, die Zivilisten zwangsrekrutieren und mit dem Tod bedrohen, sollte man dem Ruf nicht folgen. Taliban und Al-Kaida sind in diesem Zusammenhang nur zwei Beispiele jener Gruppen, die Gewalt und Terror in die FATAs bringen.

Flucht 

Zada, der 2012 nach einer Odyssee-artigen Flucht nach Vorarlberg gelangte und dort meine Eltern kennenlernte, war diesen beiden Gefahren gleichermaßen ausgeliefert. Er erzählte meiner Familie, dass eine Terroristengruppe namens Laskar-e-Islam in seinem Heimatort von Haus zu Haus ging, um Mitglieder zu rekrutieren. Diese Gruppe bringt sogenannte "Night letters" an den Häusern an, auf welchen sie auffordert, dass ein Mitglied der Familie der Gruppe beitreten muss.

Folgt man der Aufforderung nicht, wird man erschossen oder es wird einem die Kehle durchgeschnitten. Als man Zada rekrutieren will, ist er bereits verheiratet und hat zwei Kinder, die heute etwa vier und sechs Jahre alt sind. Er berichtete uns, wie er in seinem Heimatdorf vier ihm bekannte Personen tot auf der Erde liegen sah. Sie waren enthauptet worden, die abgetrennten Köpfe lagen neben den reglosen Körpern. Diese Geschehnisse erzählte Zada einem Reporter vor Ort, was ihn noch mehr ins Visier der Terroristen rückte. Neben dem Rekrutierungsversuch der Laskar-e-Islam wurde Zada gleichzeitig von den örtlichen Behörden verdächtigt, mit den Terroristen zu kooperieren. Ihm stand ein ähnliches Schicksal bevor wie jenen, die Amnesty International in seinem Bericht zu Dutzenden beschreibt: verdächtigt, verhaftet, gefoltert und getötet von staatlich autorisierten Vertretern.

Ungewissheit

Zada wollte dieses Schicksal nicht hinnehmen und entschloss sich, nachdem sein Haus zur Gänze von den Taliban zerstört wurde, zur Flucht. Seine Familie musste er im im Angesicht der bevorstehenden Strapazen und Ungewissheit zurücklassen. Ende 2009 kam er illegal und ohne Papiere mit Schleppern in den Iran. Er floh weiter zur türkischen Grenze, die er in einem zehnstündigen Fußmarsch überquerte. Von dort gelangte er wiederum mit der Hilfe von Schleppern nach Istanbul. In einem Schlauchboot überquerte er den Grenzfluss zu Griechenland.

Nach dieser mehrtägigen Flucht blieb er für etwa drei Jahre in Griechenland, wo er illegal als Zwiebelernter, dann als Orangenpflücker arbeitete. Zada verdiente im wunderbaren Europa rund zwei Euro pro Stunde. Als die Arbeit knapper wurde und das Geld nicht mehr zum Überleben ausreichte, entschloss sich Zada zur Weiterreise. Er kam in Kontakt zu einem weiteren Schlepper, der 3.000 Euro von ihm verlangte und Zada versprach, ihn nach Italien zu bringen. Er wurde allerdings in einem ihm unbekannten Dorf in Österreich ausgesetzt, und bei der Absicht, mit dem Zug nach Wien zu fahren, wurde er im April 2012 von der Polizei aufgegriffen und in das Auffanglager Traiskirchen gebracht. Von dort wurde er nach Vorarlberg verlagert, wo er schließlich auch meine Eltern kennenlernte.

Arbeitssuche

Asylwerber haben laut österreichischem Recht keinen Zugang zum Arbeitsmarkt, sie dürfen maximal gemeinnützige Arbeit annehmen. Zada versuchte möglichst viel seiner Zeit sinnvoll zu investieren und durfte einen Tag pro Woche beim Bauhof der Stadt Bregenz arbeiten. Seine Vorgesetzten beschrieben ihn als verlässlich, gewissenhaft und insgesamt als "super Burschen".

Leben in Bregenz

Neben dieser legalen Arbeit bemühte er sich, sich auch anderweitig zu beschäftigen, um sich von seiner Depression und den Albträumen abzulenken. Er wurde Mitglied des Volleyballclubs Wolfurt, besuchte Deutschkurse und verbrachte ein bis zwei Nachmittage pro Woche bei meiner Mutter, die ihn bei seinen Deutschhausaufgaben unterstützte. Kurz vor Weihnachten erstand er von seinem Ersparten einige Kleinigkeiten, um sein Zimmer im Flüchtlingsheim etwas wohnlicher zu machen. Bei einem Besuch durch meine Eltern präsentierte er stolz einen kleinen Spiegel und eine neue Vorhangstange. Unter anderem mit der materiellen und vor allem moralischen Unterstützung meiner Eltern und vieler ihrer Freunde versuchte Zada sich ein halbwegs normales Leben in Bregenz einzurichten.

Negativer Asylbescheid

Im November 2012 wurde Zadas Asylantrag im Sozialstaat Österreich rechtskräftig abgelehnt, maßgeblich mit dem Grund, dass man seine Angaben nicht glaubte und auch, weil er eine sogenannte "innerstaatliche Fluchtalternative" habe. Er könne ja in einer Millionenmetropole in Pakistan untertauchen, in der ihm die Taliban und die korrupten Behörden seiner Region nichts anhaben könnten. Dass Zada der Minderheit der Paschtunen angehört und aus einer politsch extrem instabilen FATA-Region stammt, wurde im Asylverfahren nicht berücksichtigt.

In einigen Entscheidungen des Asylgerichtshofs zu ähnlichen Fällen wird argumentiert, dass der Asylwerber ja sein "Dasein in einer großen Stadt in Pakistan auch als Müllsammler fristen könne". Im Anbetracht von Zadas Vergangenheit ist es mir unbegreiflich, wie von der obersten Instanz des österreichischen Staates ein solches Urteil gefällt werden kann. 1.823 Asylgesuche von pakistanischen Staatsangehörigen gingen im Jahr 2012 in Österreich ein, lediglich 14 davon wurden positiv entschieden. Von insgesamt 17.413 Asylanträgen im Jahr 2012 wurden 3.680 positiv entschieden. Im Angesicht der österreichischen Bevölkerungszahl von rund 8,4 Millionen entspricht das einem Anteil von 0,04 Prozent, eine geradezu lächerlich kleine Zahl.

Ab dem Zeitpunkt des Vorliegens der rechtskräftigen Abweisung des Asylantrags durch den Asylgerichtshof und der Abweisung der dagegen eingebrachten Beschwerde durch den Verfassungsgerichtshof war Zada illegal in Österreich und somit von Rechts wegen abzuschieben. Fraglich war, wie schnell das passieren würde, denn Zada besitzt keine Papiere. Somit war für ihn wieder eine Zeit der Ungewissheit angebrochen. Zada erwähnte mehrmals im Gespräch mit meinen Eltern, dass er sich lieber umbringe, als zurück nach Pakistan zu müssen, wo mit aller Wahrscheinlichkeit das Gefängnis mit all seinen Folgen auf ihn warten würde.

Wenn es um Abschiebungen geht, sind die österreichischen Behörden gründlich und vergleichsweise schnell. Sie bemühten sich, ein sogenanntes "Heimreisezertifikat" von den pakistanischen Behörden zu bekommen. Offensichtlich ist ihnen das gelungen. Am 7. Jänner 2014 frühmorgens wollte die Fremdenpolizei Zada abholen und in ein Anhaltelager bringen. Durch Zufall hatte Zada in dieser Nacht nicht in seinem Zimmer geschlafen und wurde dann vermutlich von Freunden gewarnt.

Erneute Flucht

Seither ist Zada verschwunden, wahrscheinlich in einem anderen europäischen Land untergetaucht, wo er es nun von Neuem in der Illegalität versuchen muss. Er wird – nach Griechisch und Deutsch – eine neue Sprache lernen müssen und irgendwie in diesem Sumpf überleben. Ohne Papiere, ohne Rechte, ohne Freunde, ohne Hoffnung. Die Vorhangstange hängt noch in seinem kleinen Zimmer. Der nächste Asylbewerber wird ihr vielleicht ein paar schattige Stunden verdanken, bis auch dieser mit einer statistisch recht hohen Wahrscheinlichkeit in sein Heimatland abgeschoben wird.

Ich wünsche Zada, dass er es irgendwie schafft, diesem System der Illegalität und Rechtlosigkeit zu entkommen, in das ihn unser Rechtsstaat zwingt. Ich hoffe für ihn, dass er nicht nach Pakistan verfrachtet wird, wo ihn Dinge erwarten, die wir behüteten Europäer uns nicht ansatzweise vorstellen können. Vor allem aber frage ich mich, in welchem Land, in welcher Gesellschaft wir leben, wo so etwas zugelassen wird. Wo Behörden und Bürokratie so blind sind und die Menschen hinter den Aktenzeichen nicht mehr erkennen. Ich frage mich, wo dieses Europa hinsteuert, das Menschen in ausweglosen und lebensbedrohlichen Situationen Hilfe verweigert mit Argumenten, die so leer sind wie die vage Zukunft der Hilfesuchenden. (Katharina Leissing, Leserkommentar, derStandard.at, 30.1.2014)

Katharina Leissing, geboren 1985, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Internationale Entwicklung und ist derzeit bei der European Association of Nuclear Medicine tätig.

Weitere Informationen und Zahlen zu Österreichs Asylpolitik und der Situation in Pakistan:

http://www.unhcr.at/unhcr/in-oesterreich/fluechtlingsland-oesterreich

http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_Asylwesen/statistik/files/2013/Asylstatistik_Jahr_2012.pdf

http://www.amnesty.nl/sites/default/files/public/p4026_end_impunity_in_tribal_areas.pdf

http://www.crisisgroup.org/en/regions/asia/south-asia/pakistan/247-drones-myths-and-reality-in-pakistan.aspx

http://www.statistik.at/

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