Was lief bei den Akademikerball-Protesten schief?

Leserkommentar29. Jänner 2014, 18:56
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Der schwarze Block konnte nicht unter Kontrolle gebracht werden

Das alljährliche Spektakel, der Protest zum Burschenschafter-Ball ist dieses Jahr besonders rabiat verlaufen. Im Vorfeld wurden Polizeimaßnahmen angekündigt, deren Exekution eine Million Euro verschlingen sollten und von Sachschäden in ähnlicher Höhe begleitet werden würden. Nicht weniger als über die Fläche von Eisenstadt wurde ein im Winter merkwürdig anmutendes Vermummungsverbot verhängt und an die 2000 Polizisten wurden benötigt, um eine Sperrzone zu sichern, die selbst die Sicherheitsvorkehrungen bei US-Präsidentenbesuchen in den Schatten stellte.

Trotz all des Aufwands und den exorbitanten Kosten dieser Maßnahmen verlief das Spektakel "Gegen den WKR-Ball in der Hofburg 2014" wesentlich brutaler als in den vergangenen Jahren, in denen Demonstrationen auf dem Heldenplatz stattfinden durften und Kundgebungen von Zeitzeugen unmittelbar vor der Hofburg gestattet waren.

Wie war das möglich?

Entgegen der üblichen polizeilichen Vorstellung, dass alle Besucher der selben Veranstaltung gesinungsgleich sind, gleich gewaltbereit und als "Teilnehmer" sozusagen beliebig austauschbar sind, sieht die Realität aus der Perspekitve der Demonstrierenden anders aus. Dazu ist nicht einmal das Studium der ägyptischen Demonstrationen vonnöten, bei denen sich zu Beginn viele unterschiedliche Gruppierungen auf der selben Veranstaltung versammelt haben, einige Monate später gegeneinander demonstrierten und mittlerweile auf dem selben Ort gegen einen Missstand protestieren, obwohl ihre konkreten Forderungen und Gesinnungen unterschiedlicher nicht sein könnten. Es reicht vollkommen aus, die Geschehnisse und Gerichtsverhandlungen anlässlich der bisherigen Demonstrationen gegen die Burschenschafterbälle in der Hofburg genauer zu betrachten.

In diesen Verhandlungen war immer von einem unverwechselbaren Auftreten des schwarzen Blockes die Rede, das auch dieses Mal auf diversen Videos zu sehen ist: Umringt von Transparenten, die vor das Gesicht gezogen werden, Schulter an Schulter und eindeutig abgespalten von den übrigen Demonstrierenden, die meist einen halben oder ganzen Meter Abstand zueinander halten, gehen sie an vorderster Stelle des Demonstrationszuges. Diese Gruppe lässt sich von der Polizei nicht einschüchtern oder zurückdrängen und würde aufgrund dessen, vernünftigerweise wesentlich mehr und besondere polizeiliche Aufmerksamkeit benötigen, als der Rest der Demonstrierenden.

Keine Verstärkung gegen Schwarzen Block

Dennoch war auch in diesem Jahr keine polizeiliche Verstärkung an jenen Stellen der Demonstrationen zu vernehmen, an denen der schwarze Block auftrat, keine besondere Einheit, die mit den Handlungen des schwarzen Blockes fertig werden konnte, wurde hinzugezogen.

Auch wenn sich das in den letzten Jahren nicht anders abspielte, so konnten Vandalierende damals nicht so einfach untertauchen, zumal auf den Straßen kaum Menschen waren, weil sie sich friedlich am Heldenplatz versammeln durften. Dieses Jahr wurde dem schwarzen Block allerdings so viel geboten, wie schon lange nicht mehr: Die weitläufigen Plätze Graben/Stephansplatz/Am Hof waren voller demonstrierender Menschen und das eine Million Euro teure, aus ganz Österreich aufgestockte Polizeiaufgebot, musste sich überwiegend um die Sicherung einer viel zu großen Sperrzone kümmern. Das Ergebnis war eine große Auswahl ungesicherter Vandalismusziele umgeben von genügend Gelegenheiten um unterzutauchen – vernünftige und planvolle Präventation von Sachbeschädigung, die typische Straftat linker Gruppierungen, sieht anders aus.

Schönreden seitens der Polizei

Es bleibt zu hoffen, dass das relativierende Schönreden des klaren Misserfolges des Polizeieinsatzes von Seiten der Polizei, sowie es unter anderem "im Zentrum" zu beobachten war, nur ihrer Gesichtswahrung dient und nicht ihrer tatsächlichen Beurteilung dieses Polizeieinsatzes entspricht. (Leserkommentar, Johannes Bartosch, derStandard.at, 29.1.2014)

Johannes Bartosch (27) ist gerade dabei das Masterstudium Philosophie abzuschließen und schreibt seine Masterarbeit im Gebiet der Technikphilosophie.

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