Salzburgs Zentrum braucht nicht noch mehr Autos

Leserkommentar29. Jänner 2014, 18:46
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Eine Salzburgerin über ein fragwürdiges Bauprojekt in ihrer Stadt

Während man in Wien um Verkehrsberuhigung, Begegnungsräume und mehr Lebensqualität für die Bewohner ringt, plant Salzburg den Megastau durch die Verdoppelung von Parkplätzen - mitten in der historischen Altstadt.

Wem mag dieser Unsinn eingefallen sein? Wieder einmal soll das Etikett: "Dient dem Wirtschaftswachstum!" über alle Vernunft und Verantwortung dominieren. Es wird kurzerhand über die Zerstörung eines der schönsten und erholsamsten Stadtteile geklebt. Es ignoriert den Verlust von Lebensqualität, die Gefährdung der Gesundheit von Menschen und Tieren und setzt die Grünlanddeklaration außer Kraft.

Die "Salzburger  Parkgaragengesellschaft", je zur Hälfte im Eigentum von Stadt und Land Salzburg, forciert einen gigantischen Ausbau der Mönchsberggaragen,  um sich neue Einnahmequellen zu erschließen.

Der Plan

Vorgesehen ist Folgendes: Mitten durch das ausgewiesene Landschafts- und Naturschutzgebiet "Krauthügel" am Fuße der Festung Hohensalzburg soll eine  asphaltierte Strasse gebaut werden, um über viele Monate lang per LKW, von morgens bis abends, im drei Minuten Takt, tonnenweise Bauschutt und Geröll aus dem Berg zu transportieren. Außerdem ist mitten im Wohngebiet, auf den Wiesen des beliebten Naherholungsgebietes, eine Deponie geplant, die eine enorme Schmutz-, Feinstaub– und Lärmbelastung mit sich bringt. Ein großes Seniorenheim und der Pfarrkindergarten grenzen an das Grundstück.

Den späteren Rückbau zum Naturzustand, wie er von der Garagen-gesellschaft blauäugig versprochen wird,  halten Ökologen und Landschaftsplaner nach einem so katastrophalen Eingriff für völlig unmöglich.

Was geht in Politikern und Kaufleuten vor,  die schon jetzt mit Kosten von 38.000 Euro pro Parkplatz rechnen und dennoch eine solche Zerstörung befürworten?

Was geht in einer Festspielpräsidentin vor, die mit dem "Jedermann" Jahr aus, Jahr ein die Verwerflichkeit der Geldgier von allen Türmen schmettern lässt; sich für ihren hehren Kulturbetrieb jedoch bereits hunderte solcher Abstellplätze zusagen ließ? Pfeift sie  in Wahrheit auf unser "Weltkulturerbe"?

Schon jetzt erstickt Salzburg im Autoverkehr. Und natürlich laden zusätzliche Parkplätze in der Innenstadt ein, weiterhin mitten ins Zentrum zu fahren. Während uns italienische Städte mit  ähnlichem Touristenaufkommen als Beispiel für ein reibungsloses Park-and-ride-System dienen könnten und anstatt die hier unverschämt hohen Preise für öffentliche Verkehrsmittel zu senken,  macht eine vage Hoffnung auf noch mehr Geschäft durch die trügerischer Bequemlichkeit offenbar blind für den Wert von Schönheit und Atmosphäre.

Falsches Signal

Mit dem falschen Signal dieser Verkehrspolitik haben sich in Salzburg die ÖVP und SPÖ, der Bürgermeister, die Festspiele, einige Kaufleute und auch die Erzabtei St. Peter, als größter Grund- und Immobilien-Eigentümer der Stadt, einverstanden erklärt. Natürlich hat man auch dem Stift vorsorglich 80 Parkplätze versprochen.

Im Widerspruch dazu rühmen sich Universität und Erzabtei  - auf großen öffentlichen Schildern und  in merkwürdig schizophrener Weise  - eines "wertvollen Beitrags zur Erhaltung der Schöpfung". Denn angeblich wohnen auf dem Areal, das nun preisgegeben werden soll, sogar seltene und bisher unbekannte" "Einzeller-Arten".

Selbstverständlich wurde es schon vor Jahrzehnten unter Naturschutz, Landschaftsschutz, Altstadtschutz und Denkmalschutz gestellt. Aber ernst nehmen diese Verordnung nur noch empörte SalzburgerInnen, die sich in mehreren Stadtteilen nun zu einer Bürgerinitiative formieren. (Leserkommentar, Waltraud Prothmann-Seyersbach, 29.1.2014)

Waltraud Prothmann-Seyersbach lebt und arbeitet als Kommunikationspädagogin und freie Journalistin in ihrer Geburtsstadt Salzburg. Sie selbst wohnt im historischen "Krautwächterhäuschen" auf dem Krauthügel in Nonntal und ist direkt von der Situation betroffen.

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