Türkei entkommt Abwärtsspirale nicht

29. Jänner 2014, 18:08
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Die Notenbank hat die Leitzinsen mehr als verdoppelt. Doch der Paukenschlag zeigt nicht die erwartete Wirkung

Istanbul/Wien – Erst ging die Lira hinauf und dann der Benzinpreis: Am Tag nach den massiven Leitzinserhöhungen – den größten in 25 Jahren, wie Marktbeobachter in Istanbul anmerkten – stiegen auch wieder die Preise an den türkischen Zapfsäulen. Der Liter Benzin kostet seit Mittwoch nun über fünf Lira, Diesel hat sich um zwölf Kuruş (etwa vier Euro-Cent) auf 4,79 Lira verteuert – derzeit 1,60 Euro.

Kurzfristig verpuffte erst einmal der Effekt im Land, den die türkische Zentralbank mit der Leitzinserhöhung auslöste. In der Nacht vom Dienstag hatte die Notenbank den Leitzins von 4,5 auf zehn Prozent hochgeschraubt. Zum Ende des Börsentages in Istanbul war die Lira aber dort, wo sie vor der Ankündigung der Zentralbanksitzung am Montag stand: über der Drei-Lira-Marke für einen Euro und knapp unter den 2,30 für einen Dollar. Seit einem Jahr hat die türkische Lira über 22 Prozent gegen Euro und Dollar abgewertet.

Die Türkei ist nicht alleine mit dem massiven Druck auf die Währung. Auch andere Schwellenländer mit hohen Außenhandelsbilanzdefiziten sind unter Druck, etwa Indien, Südafrika oder Brasilien. Auch bei Österreichs Nachbarländern hat sich der jüngste Abverkauf fortgesetzt. Der ungarische Forint ist am Mittwoch auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen. Die Zentralbank Südafrikas hat sich am Mittwoch gegen die Währungsturbulenzen gestemmt. Sie hat den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf 5,5 Prozent angehoben. Die Begründung: Der hohe Druck auf die Landeswährung Rand. Eine drastische Abwertung verteuert allerdings die Preise von importierten Gütern. Die Folge ist importierte Inflation.

Wachstum vs. Inflation

Die höheren Zinsen in Ländern wie Südafrika und der Türkei dürften aber die Konjunktur eintrüben. "Die türkische Wirtschaft hat lange über ihre Verhältnisse gelebt. Ein Rückgang des Wachstums war unausweichlich" , erwartet Neil Shearing, Schwellenländer-Ökonom von Capital Economics. Das hohe Verschuldungswachstum der Unternehmen sei nicht nachhaltig. Auch der Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche, Michael Landesmann, erwartet im Standard-Gespräch, dass der jüngste positive Trend beim türkischen Wirtschaftswachstum "abgewürgt"  werden könnte. "Steigende Kreditzinsen werden wohl auf das Wachstum drücken" , etwa weil Unternehmen schwieriger an Finanzierungen kommen.

Ausgelöst wurden die jüngsten Turbulenzen in den Schwellenländern von der US-Notenbank Fed. Sie hat bereits ihre milliardenschweren Anleihenkaufprogramme im Dezember leicht gedrosselt. In den vergangenen Jahren hatten gerade Schwellenländer von einer Flut des billigen Geldes in der entwickelten Welt profitiert, weil Investoren angesichts niedriger Zinsen in den USA oder Europa Investments anderswo gesucht haben. "Die strukturellen Probleme einiger Schwellenländer wurden durch die günstigen Finanzierungsbedingungen verdeckt" , sagt Malte Rieth, Makroökonom am DIW Berlin. In der Türkei komme dazu die politische Unsicherheit.

Denn die Regierungspartei AKP hatte bis zuletzt gegen eine Zinserhöhung mobil gemacht. Regierungschef Tayyip Erdogan hatte sich am Dienstag mit neuerlichen Angriffen auf den größten Unternehmerverband des Landes zu einem zweitägigen Arbeitsbesuch im Iran verabschiedet. Tüsiad verrate die Interessen des Landes, erklärte der Premier; Tüsiad-Chef Muharrem Yilmaz hatte vergangene Woche gewarnt, ausländisches Kapital würde nicht in die Türkei kommen, so lange der Rechtsstaat nicht respektiert und Unternehmen mit Steuerstrafen verfolgt würden; damit machte er Erdogan wütend. Er sei gegen eine Leitzinserhöhung, aber die Zentralbank sei in ihren Entscheidungen unabhängig, sagte Erdogan bei einer Pressekonferenz vor seinem Abflug nach Teheran. Innerhalb von Erdogans Partei gibt es auch drastischere Stimmen. Nach der Verdoppelung der Zinsen beklagte etwa der Parlamentarier Samil Tayyar einen "Zins-Putsch" .

Finanzminister Mehmet Şimşek trat Inflationsängsten entgegen und erklärte im Nachrichtensender NTV, das Wachstum der türkischen Wirtschaft wäre gefährdeter gewesen, wenn die Zentralbank nun nicht eingesprungen wäre. Der schnelle Aufschwung der Lira sei ein Zeichen für die wieder gewonnene Glaubwürdigkeit, erklärte der Finanzminister. Doch das war am Mittwochmorgen, bevor das Pendel bei der Währung in die andere Richtung schwang. (Markus Bernath, Lukas Sustala, DER STANDARD, 30.1.2014)

 

  • Die türkische Zentralbank hat die Währung Lira nur kurz stützen können – trotz einer Verdoppelung derLeitzinsen.
    foto: ap/emrah gurel

    Die türkische Zentralbank hat die Währung Lira nur kurz stützen können – trotz einer Verdoppelung der
    Leitzinsen.

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