Neuer Minister sucht mehr Nähe zu Wien

Kopf des Tages29. Jänner 2014, 18:05
14 Postings

Als Außenminister war Lubomír Zaorálek bereits seit Monaten im Gespräch, wirklich sicher schien seine Ernennung bis zuletzt nicht. Immerhin hatte Tschechiens Präsident Milos Zeman, der vom Wunschkabinett des neuen Regierungschefs Bohuslav Sobotka nur wenig begeistert ist, die Ablehnung einzelner Minister nie ausgeschlossen - und auf der imaginären Liste von Zemans Abschusskandidaten stand der Name Zaorálek weit oben.

Hintergrund dieser Spekulationen waren jedoch nicht außenpolitische Differenzen zwischen beiden Politikern, sondern vielmehr ihr persönliches Verhältnis. Als Zeman im Jahr 2003 Präsidentschaftskandidat der Sozialdemokraten (CSSD) war, verweigerten ihm Politiker aus den eigenen Reihen die Unterstützung - darunter angeblich auch Zaorálek. Zehn Jahre später wurde Zeman doch noch Präsident, seither ist Rachsucht zumindest in den Kommentarspalten tschechischer Zeitungen ein beliebtes Motiv.

Der 57-jährige Zaorálek löst nun Interimsaußenminister Jan Kohout ab, den Nachfolger von Karl Schwarzenberg. Geboren wurde er in der mährisch-schlesischen Stahlmetropole Ostrava, an der Universität Brünn studierte er Philosophie und politische Ökonomie. Vor 1989 war er kurz Mitglied der kleinen, von den Kommunisten geduldeten Sozialistischen Partei CSS, 1989 wurde er Mitbegründer des Bürgerforums, des tonangebenden Gremiums der Samtenen Revolution. 1994 trat Zaorálek der CSSD bei, 2009 wurde er stellvertretender Parteichef. Auch auf eine lange Karriere als Parlamentarier kann er zurückblicken, unter anderem vier Jahre lang als Chef des Abgeordnetenhauses.

Als Außenminister möchte sich der geschiedene Vater von drei Kindern um die Beziehungen zu anderen mitteleuropäischen Staaten bemühen, insbesondere um die zu den Nachbarländern. Vor allem im Verhältnis zu Österreich sei die tschechische Diplomatie zuletzt einiges schuldig geblieben: Das Verhältnis zu Wien sei "seit längerem von Zurückhaltung geprägt und entspricht bei weitem nicht der Nähe und der Verbundenheit beider Länder", schrieb er erst jüngst in einem Zeitungskommentar.

Auch in der Außenwirtschaft und in der Europapolitik möchte Zaorálek neue Akzente setzen. Gegenüber der EU habe Tschechien bisher die prinzipielle Loyalität vermissen lassen. "Heute hält man uns für Wirrköpfe, die nicht so richtig wissen, was sie eigentlich wollen." (Gerald Schubert, DER STANDARD, 30.1.2014)

  • Neuer Chefdiplomat in Prag: Lubomír Zaorálek.
    foto: reuters/petr josek

    Neuer Chefdiplomat in Prag: Lubomír Zaorálek.

Share if you care.