NS-Euthanasie: Die Furcht vor Missbrauch und Barbarei

30. Jänner 2014, 13:49
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Der Massenmord der NS-Euthanasie überschattet die Sterbehilfedebatte in Österreich

Wer in Österreich über Sterbehilfe diskutiert und einen Anflug von Geschichtsbewusstsein hat, kommt nicht umhin, über die Euthanasieprogramme der Nazis nachzudenken. Insgesamt wurden während der NS-Zeit in Österreich etwa 30.000 Menschen durch sie getötet, allein während der "T4-Aktion" mehr als 18.000 in der Gaskammer von Schloss Hartheim.

Neben Hartheim wurden am Spiegelgrund auf dem Anstaltsgelände Steinhof in Wien sowie in Krankenanstalten in Graz und Klagenfurt Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, psychisch und chronisch Kranke, "verhaltensauffällige" Kinder oder senile Menschen umgebracht. Im Rahmen der nach der Adresse der Berliner "Kanzlei des Führers" (Tiergartenstraße 4) benannten T4-Aktion wurden Menschen anhand ihrer "Brauchbarkeit" und Arbeitsfähigkeit ausgewählt und durch ärztliche Gutachten quasi zum Tode verurteilt.

Die Aktion wurde 1941 zwar - durch Widerstand von Bevölkerung und Kirche - offiziell abgebrochen, aber das Morden ging weiter. In der Bevölkerung gab es "keine große Zustimmung für diesen Massenmord", betont der Historiker und langjährige Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer.

Durch Historie auf Abstand

Neugebauer ist sicher: "Es ist ein Ergebnis dieser Zeit, dass bei uns politisch Verantwortliche klar auf Abstand zur Sterbehilfe gehen". Auch er sei nach Jahren der Beschäftigung mit dem Thema ein "vehementer Gegner".

Ob es Zufall ist, dass die Diskussion über aktive wie passive Sterbehilfe in wirtschaftlich angespannten Zeiten aufflammt? "Da besteht sicher ein Zusammenhang", so Neugebauer im Gespräch mit dem Standard, "man kann sicher viel einsparen, wenn man einen komatösen Patienten nicht jahrelang pflegt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es da in manchen Ländern einen Trend in der Medizin gibt".

Trotzdem stoße Sterbehilfe auch international bei der Mehrheit der Ärzte auf große Kritik, denn: "Aus Sicht des Arztes und seines hippokratischen Eides ist Euthanasie hochproblematisch."

Menschen werden nach Produktionswert beurteilt

Ein überzeugter Gegner von Sterbehilfe ist auch der Politologe Thomas Schmidinger. Er argumentiere "aus einer linken Position", stellt er klar. Eine wirklich freiwillige Entscheidung eines Patienten für Sterbehilfe hält Schmidinger in unserer Gesellschaft für unmöglich, denn: "Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Menschen nach dem Mehrwert, den sie produzieren, beurteilt werden".

Obwohl bekennender Atheist, sei ihm die "Argumentation der Katholiken näher als jene von Liberalen und wirtschaftlich orientierten Parteien wie den Neos", sagt Schmidinger.

Die Geschichte eines Transsexuellen, der sich in Belgien töten ließ, schockiert ihn: "Wir müssen uns fragen: Wie ist eine Gesellschaft verfasst, wenn solche Menschen lieber sterben?" Patienten, denen der Leidensdruck zu groß wird, die ihr Leben aber nicht selbst beenden können, sind für Schmidinger "eine Katastrophe, aber Einzelfälle. Mir ist lieber, es kann einer nicht sterben, als wir würden Missbrauch und Barbarei wieder Tür und Tor öffnen."

Solang die Schmerztherapie und die Palliativmedizin nicht beide voll ausgereizt seien und "hier nicht jeder gleich viel wert ist, brauchen wir über das andere nicht zu reden", sagt Schmidinger. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 30.1.2014)

  • Auch tausende Kinder wurden in Österreich durch NS-Euthanasie getötet, allein am Spiegelgrund knapp 800.
    foto: ap / lilli strauss

    Auch tausende Kinder wurden in Österreich durch NS-Euthanasie getötet, allein am Spiegelgrund knapp 800.

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