"Behandlungen können abgelehnt werden"

Interview30. Jänner 2014, 09:01
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Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission, über das Recht auf Selbstbestimmung beim Tod und die Frage, ob der Staat über das Lebensende mitentscheiden darf

STANDARD: In der Schweiz wurde ein manisch-depressiver Mann vom Verein Exit in den Tod begleitet, er hat sich das gerichtlich erstritten. Wie denken Sie darüber?

Druml: Ich lehne eine Kommerzialisierung von Sterbehilfe ab. Das ist eine sehr traurige Erscheinung für unsere Gesellschaft. Ich sehe nicht ein, dass Ärzte zum Exekutor werden. Ich verstehe aber auch nicht, dass Leute, die ihr Leben selbst beenden können, andere in diese Situation hineinziehen. Für viele bringt eine wirksame Schmerztherapie die nötige Erleichterung. Dann entfällt auch der Todeswunsch. Jedoch sind die Extremfälle zu bedenken, die aufgrund einer Erkrankung nicht mehr in der Lage sind, ein ihnen unerträgliches Leid zu beenden.

STANDARD: Lässt sich vom Recht auf Leben im Umkehrschluss eine Pflicht zum Leben ableiten?

Druml: Wir haben in Österreich eine sehr ausgeprägte Autonomie des Patienten. Jeder muss seiner Heilbehandlung zustimmen, und wir haben die Instrumente der Patientenverfügung und der Vorsorgevollmacht. Schon daraus sieht man, dass es keine Pflicht zum Leben geben kann. Behandlungen können abgelehnt werden.

STANDARD: Sollte das Recht auf Selbstbestimmung im Leben nicht auch im Falle des Todes gelten?

Druml: Natürlich. In dem Moment, da der Wille des Patienten respektiert wird, fallen schon viele Probleme weg. Ich halte es generell für wichtig, dass jeder mit seinen Angehörigen spricht, wie er sich sein Lebensende vorstellt und welche Behandlungen er ablehnt. Auch die Krankenhäuser müssen abfragen, ob es eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht gibt. Auf der anderen Seite ist in Österreich - anders als in Deutschland - der assistierte Suizid strafbar. Das schränkt die Selbstbestimmung körperlich eingeschränkter Menschen natürlich ein.

STANDARD: Was definieren Sie persönlich als Sterbehilfe?

Druml: Der Begriff "Sterbehilfe" ist eine deutschsprachige Besonderheit. Jeder versteht darunter etwas anderes, das ist das Problem. Die Bioethikkommission hat 2011 empfohlen, die Begriffe medizinischer Entscheidungen am Lebensende zu ändern, darunter der Vorschlag, den unglücklichen Begriff "passive Sterbehilfe" durch "Sterben zulassen" zu ersetzen. Begriffe und Worte gestalten Denken und Handeln.

STANDARD: Darf der Staat entscheiden, ob die letzten Tage eines Menschen, vollgepumpt mit Schmerzmitteln, lebenswerter sind als ein selbstgewähltes Lebensende bei Bewusstsein?

Druml: Ich als Juristin kann das nur theoretisch beantworten. Es gibt sicher Menschen, die es vorziehen, bei klarem Bewusstsein, aber dafür mit Schmerzen zu sterben. Die Entscheidung zu einer Lebensbeendigung sollte nicht von Ärzten exekutiert werden. Es ist nicht ihre Aufgabe.

STANDARD: Wie kann eine plurale Gesellschaft in dieser Frage überhaupt einen Konsens finden?

Druml: Die NS-Vergangenheit steht zwischen uns und dem Diskurs. Bessere Aufklärung über Palliativ- und Hospizmedizin und öffentliche Veranstaltungen sind notwendig, auch wenn es schmerzhaft für die Bevölkerung ist, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen.

STANDARD: Ist denn Sterbehilfe in der Verfassung richtig aufgehoben?

Druml: Wir haben die Beihilfe zum Suizid und Tötung auf Verlangen sowieso im Strafgesetzbuch geregelt. Das ist meiner Meinung nach ausreichend. Die Menschenwürde ist ohnehin Grundgedanke unserer Gesetzgebung. Eine Erhebung des Verbotes der Sterbehilfe in Verfassungsrang berührt möglicherweise viele andere Bereiche der Gesetzgebung in Österreich, etwa die Palliativmedizin, die Abtreibung oder das Patientenverfügungsgesetz.

STANDARD: Wie ist Ihre persönliche Meinung zur Sterbehilfe?

Druml: Ich glaube nicht, dass eine Legalisierung wie in Holland oder Belgien der richtige Weg ist.

STANDARD: Einzelfälle, die eine Sterbehilfe gerichtlich durchsetzen wollen, werden gerne von allen Seiten instrumentalisiert.

Druml: Ja, leider. Ob das jetzt bei der Reproduktionsmedizin oder im Bereich Lebensende ist - da prallen immer Weltanschauungen aufeinander. Es gibt immer wieder Fälle, bei denen die normale Rechtssituation nicht ausreicht, weil der Wille nicht eindeutig dokumentiert ist. Meist geht es um Meinungsverschiedenheiten zwischen den Angehörigen.

STANDARD: Was ist, wenn eine Person bei Bewusstsein für sich selbst spricht und sich den Tod wünscht?

Druml: Wer imstande ist, sein Leben selbst zu beenden, tut das im Rahmen seines Selbstbestimmungsrechts. Die Frage ist: Entsteht dieser Wunsch aus einer behandelbaren Depression, oder ist es vielmehr das, was man "freiverantwortlichen Suizid" nennt? Das ist zu diskutieren.

STANDARD: In Ländern mit aktiver Sterbehilfe wächst die Zahl älterer Menschen, die gesund, aber lebensmüde sind und um Suizidbegleitung ansuchen. Auch in Österreich steigt mit dem Lebensalter das Selbstmordrisiko. Schrillen da nicht alle Alarmglocken?

Druml: Die Lösung mit dem Schierlingsbecher ist eine Bankrotterklärung der Gesellschaft. Da ist doch die Gesellschaft gefordert, diesen Menschen ein Auffangnetz zu schaffen. Wenn ich anfange Ältere, nur weil sie einsam sind, umzubringen, ist jeder Damm gebrochen. Der Umgang mit der alternden Bevölkerung und neuen Familienstrukturen ist eine Frage von höchster gesellschaftspolitischer Relevanz. Das kann auf keinen Fall durch eine Sterbehilfediskussion beantwortet werden. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 30.1.2014)


Christiane Druml (58), Juristin und Vizerektorin der Med-Uni Wien, ist Vorsitzende der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt und Mitglied des International Bioethics Committee der Unesco.

  • Sterbebegleitung und Schmerztherapie reichen manchen Patienten nicht aus, wenn das Stadium ihrer Erkrankung fortgeschritten ist. Assistierter Suizid steht in Österreich jedoch unter Strafe. 
    fotos: reuters

    Sterbebegleitung und Schmerztherapie reichen manchen Patienten nicht aus, wenn das Stadium ihrer Erkrankung fortgeschritten ist. Assistierter Suizid steht in Österreich jedoch unter Strafe. 

  • Es könne keine Pflicht zum Leben geben, sagt Christiane Druml.
    foto: apa

    Es könne keine Pflicht zum Leben geben, sagt Christiane Druml.

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