Tagebuch eines Gothic-Mädchens

29. Jänner 2014, 18:26
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Die US-Fotografin Francesca Woodman ist - wie viele früh und tragisch aus der Welt Gegangene - posthum als Kultfigur inszeniert worden. Trotz erstaunlicher Qualität des frühreifen Werks bieten die metaphorisch reichen Bilder zu viel Interpretationsbreite

Wien - Aus einem Glaskasten mit Tierpräparaten ragt ein Haarschopf. Zusammengekauert neben Fasan, Fuchs und Waschbär: ein Frauenkörper. Ein anderes Schwarzweißfoto zeigt eine Frau vor einer sich entblätternden, sich auflösenden Wand: Sie präsentiert - mittels Requisits - ihr Rückgrat, zeigt Verletztlichkeit und stellt so eine Analogie zur Wand her, die im Verfall ebenfalls ihre Grätenkonstruktion offenbart.

Das weibliche Ich, geradezu obsessiv als nackter Körper in Szene gesetzt, ist Hauptthema in den Fotografien Francesca Woodmans. 80 ihrer Arbeiten aus der Sammlung Verbund zeigt man nun in der Wiener Firmenzentrale am Hof. Woodman inszeniert sich mit Muschel und umspielt von Tapetenresten als Boticelli-Venus, als stilisierte Leda und der Schwan frei nach Michelangelo (weiße Silhouettenschwünge vor tiefdunklem Schwarz) oder mit Spiegel in der Pose von Caravaggios Narziss.

Aber nicht nur in der klassischen Kunstgeschichte, auch in der Moderne - insbesondere im Surrealismus - findet die in einer Künstlerfamilie Aufgewachsene Vorbilder für Re-Inszenierungen von Genderaspekten: Sie greift auf Hans Bellmers Unica Bound (1958), einem zum Rollbraten gebundenen Unterleib, oder Claude Cahuns Selbsporträt in einem Schrank (1932) zurück. Ästhetisch blitzen - etwa in Eel - Man Rays ornamentale Objektinszenierungen von Frauen durch.

Alle erwähnten Fotogafien sind gleichermaßen frühe wie späte Werke von Francesca Woodman, denn ihr Oeuvre beschränkt sich auf sehr wenige Jahre: Mit 13 Jahren begann sie zu fotografieren, 1981 sprang sie, 22 Jahre jung, von einem New Yorker Hochhaus. Ein tragischer Umstand, der stets zur Legendenbildung beiträgt und womöglich auch - durch das im Umfang begrenzte Werk - preisliche Auswirkungen zeitigt: 2013 erhielt der Vintage-Print (signiertes Unikat) eines Selbstporträts (1979),  auf dem Tücher die Künstlerin fast vollständig verbergen, den Zuschlag bei rund 103.000 Euro netto.

Trotz dreier Einzelausstellungen zu Lebzeiten wurde Woodman erst posthum bekannt: 1986 entstand eine Retrospektive, die die Kunsttheoretikerinnen Rosalind E. Krauss und Abigail Solomon-Godeau mitorganisiert haben. Letztere erzählt in der Publikation zur aktuellen Ausstellung, wie Woodmans Eltern damals zahlreiche Archivboxen (darunter auch Kontaktbögen) übergaben. Es stellt sich die problematische Frage nach der Autorisierung der Aufnahmen durch die Künstlerin. Gabriele Schor, Verbund-Sammlungsleiterin, verweist darauf, dass man (Woodmans Eltern als Nachlassverwalter) niemals Prints von Negativen machen würde, von denen die Künstlerin nicht selbst Abzüge angefertigt hätte. Abzüge machen wird also mit einer Autorisierung gleichgesetzt.

Trotzdem beschleicht einen manchmal das Gefühl, unerlaubt in einem Tagebuch zu blättern. Und auch nicht alle Aufnamen Woodmans sind stark. Vielmehr beeinflusste ihr Selbstmord auch die Lesart vieler "Gothic" -Fotos, in denen Woodman hinter Requisiten und in der Kulisse zu verschwinden scheint, wo sie nur nur noch verschwommen und verschattet zu sehen ist: Sie kriecht hinter Kaminverkleidungen, sie deckt sich mit angespülten Meerespflanzen zu, schmiegt sich in Mulden im Sand, verbirgt sich unter Plastikfolien, hinter Fensterläden oder Textilien, wird zur Tapete, zum Ornament. Der morbide Charme der dargestellten Räume - Zimmer mit abgefetzten Tapeten, blätterndem Putz, zerschlagenen Kacheln und splitterndem Dielenholz -  beflügelt diese Lesart der "physischen Auslöschung" und eines vorgezogenen Abgangs, noch zusätzlich.

In Wien möchte man das nun gegenteilig lesen: etwa als trotzige Geste gegen die Auslöschungsversuche von Frauen. Zumindest bleibe immer noch eine Spur im Bild zurück, erklärt die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen. Ein Werk, das in seiner Kürze einfach arg viel Interpretationsbreite zulässt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Langfassung, 30.1.2014)

Bis 21. Mai

  • Francesca Woodman zeigt Frau und Wand als sich auflösende Ornamente.
    foto: courtesy george and betty woodman, new york / sammlung verbund, wien

    Francesca Woodman zeigt Frau und Wand als sich auflösende Ornamente.

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