"Deutsches Fleisch" auf ZDF neo verhöhnt kapitalistische Lebenswelten

29. Jänner 2014, 17:38
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Ein Experiment im risikofreien Raum des Öffentlich-Rechtlichen - So richtig zum Lachen ist der Comic nicht, eher ist er das sarkastische Stück über eine skrupellose Gesellschaft, in der die Loser sich um den Werteerhalt kümmern

Wien - So könnte es tatsächlich gewesen sein: Ein Sitzungssaal, am Tisch sitzen graubleiche Funktionäre mit finsteren Mienen. "Bisher hat sich das deutsche Fernsehen in vorauseilendem Gehorsam vor uns immer artig in den Staub geworfen", beanstandet der Vorsitzende. "Aber ein mickriger Nischensender hat einer Truppe kaputter Gestalten ein eigenes Format gegeben. Sehen Sie nur." Ein Film läuft an.

"Mickriger Nischensender"

Die Zuschauer - also wir - sehen: Zeichentrick mit einer Besetzung, die den Funktionären der "Freiwilligen Fremdkontrolle" höchst verdächtig erscheinen müssen: weltfremder Aristokratensohn, Ex-DDR-Pornostar, veganer Softie, ein verwachsener Bezirksamtsmitarbeiter und ein Einwanderer, der konsequent in jeden Fettnapf tappt. Dass die Sache durchgeht, verdankt Deutsches Fleisch dem Geist der "mickrigen" Nische: Dorthin, nämlich ins Nachtprogramm von ZDF neo wird die achtteilige Serie verbannt.

"Deutsches Fleisch" - Folge eins

Realitätsgetreu stellt sich auch der Schnösel an, der rasch bemerkt, dass es sich im Untergrund recht ungeniert agieren lässt. Es entwickelt sich eine frivol-verrückte Story: Ein junger Schnösel ("der Baron") erhält vom reichen Vater die Erlaubnis eine Fabrik zu bauen, in der seine erste eigene Erfindung produziert werden soll: die Krasynthe, die ziemlich sinnlose Mischung aus Krawatte und Synthesizer. Darum formiert sich besagter eigentümlicher Freundeskreis. Weil der böse Papa eine Waffenfabrik bauen lässt, die zu allem Übel sämtliche Angestellten rigoros ausbeuten soll, schmieden die fünf Freunde einen Plan, um den Fürsten der Finsternis zu stoppen.

Gemacht vom Werbetexter

Erfunden hat "Deutsches Fleisch" der Berliner Werbetexter Ilja Schmuschkowitsch gemeinsam mit Willy Kramer, zuletzt Moderator der Online-Late-Show Berlin Fucking City und Autor Andreas Knop. Die drei gewannen 2012 die ZDF-neo-Talenteschmiede TV Lab. Das Experiment stellt immerhin einen Versuch dar, im risikofreien Raum des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein Experiment zu starten. In Deutschland wird seit längerem immer wieder kritisiert, wie dreist Redakteure in die Arbeit der Filmer eingreifen und überhaupt alles glattbügeln, was in irgendeiner Weise Ecken und Kanten vermuten lässt.

So richtig zum Lachen ist der Comic nicht, eher ist er das sarkastische Stück über eine skrupellose Gesellschaft, in der die Loser sich um den Werteerhalt kümmern - und natürlich gnadenlos scheitern. Die Damen und Herren der "Freiwilligen Fremdkontrolle" sind jedenfalls zufrieden, ihren Kategorien wurde entsprochen: "Alle Randgruppen sind enthalten. Bildungsauftrag erfüllt!" (Doris Priesching, DER STANDARD, 30.1.2014)

  • "Aus Liebe zum Menschen" handelt das Deutsche Rote Kreuz. Genau das, was ein orientierungsloser Bezirksbürokrat braucht. Zynische Kommentare gibt's in "Deutsches Fleisch" in Masse. 
    foto: zdf, olaf encke/seo entertainment

    "Aus Liebe zum Menschen" handelt das Deutsche Rote Kreuz. Genau das, was ein orientierungsloser Bezirksbürokrat braucht. Zynische Kommentare gibt's in "Deutsches Fleisch" in Masse. 

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