Das Kopftuch als Zeichen der Solidarität

Interview30. Jänner 2014, 12:28
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Nora Jaffary trägt ein Kopftuch, obwohl sie keine Muslima ist - Warum, erklärt sie im daStandard.at-Interview

Nora Jaffary hat vielleicht einen arabisch klingenden Namen, ist jedoch weder arabisch noch muslimisch. Wenn man ihr an der Universität in Québecs Hauptstadt Montréal begegnet, könnte man aber annehmen, sie sei Muslima. Die kanadische Geschichtsprofessorin trägt ein Kopftuch. Allerdings nicht aus religiösen, sondern aus empathischen Gründen. Jaffary will ein Zeichen gegen Diskriminierung aufgrund der Religion setzen. Denn der regierende Parti Québécois will in der kanadischen Provinz das Tragen religiöser Symbole in öffentlichen Gebäuden per Gesetzesentwurf verbieten.

daStandard.at: Was hat Sie dazu bewogen, ein Kopftuch zu tragen?

Jaffary: Am Tag nachdem der Parti Québécois den 60. Gesetzesentwurf aufgestellt hatte, dem 7. November, habe ich beschlossen, dass es an der Zeit ist, meine Unzufriedenheit mit der Verfassung öffentlich kundzutun, indem ich in der Arbeit ein Kopftuch trage - obwohl ich keine Muslima bin. Falls dieser Entwurf zu einem Gesetz wird, würde das bedeuten, dass es mir wie allen anderen öffentlich Bediensteten verboten wäre, religiöse Symbole jeglicher Art zu tragen. Das ist eine Verletzung der Religionsfreiheit und der Meinungsfreiheit, wobei beide Rechte vom Bundesgesetz her geschützt sind.

Ich trage das Kopftuch auch aus Solidarität mit muslimischen Frauen, vor allem weil sie im Zusammenhang mit dem Gesetzesentwurf Ziel von Diskriminierung sind. Und mit der Hoffnung, andere zu motivieren, sich mit religiösen Symbolen zu zieren. Das wäre eine wirkungsvolle Strategie, um zu zeigen, dass die Implementierung eines solchen Gesetzes unmöglich ist.

daStandard.at: Wie würden Sie Ihre religiöse Überzeugung beschreiben?

Jaffary: Ich bin keine religiöse Person. Muslimische Frauen scheinen jene soziale Gruppe zu sein, die in jüngster Vergangenheit am anfälligsten für Ausschließungen sind. Ich wollte ein kleines Zeichen setzen, das nach außen hin zeigt, dass es auch Nichtmuslime gibt, die sich dafür entschieden haben, diese Frauen zu unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen.

Ich habe auch gerade deshalb dieses religiöse Symbol gewählt, weil ich dazu keinen spirituellen Bezug habe. Ich bin protestantisch erzogen worden, in einer liberalen Gemeinde, aber ich habe mich nicht an den christlichen Glauben gehalten. Ich definiere mich als Atheistin, und das schien es in gewisser Weise leichter zu machen, ein religiöses Symbol zu tragen, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe.

daStandard.at: Was wollen Sie denn genau durch das Tragen eines Kopftuchs aussagen?

Jaffary: Ich will zeigen, dass ich, obwohl selbst nicht religiös, gegen Mittel bin, die gegenüber dem Glauben anderer und somit auch den Glaubensanhängern respektlos sind. Ich gehe davon aus, dass das auch ein Aspekt des "säkularen Staates" ist: Er akzeptiert nicht nur eine Religion, sondern unterstützt die Toleranz gegenüber allen Religionen und deren Anhängern.

daStandard.at: Oder er verbietet alle religiöse Symbole, um die Trennung zwischen Staat und Religion zu betonen ...

Jaffary: Es muss unterschieden werden zwischen der Idee, einen säkularen Staat zu haben - womit ich einverstanden bin -, und dem Verbot gegenüber Einzelpersonen, ihre Religion zu leben - egal ob sie Beamte sind oder nicht. Man kann doch ein religiöses Symbol tragen, das jemanden als praktizierenden Gläubigen ausweist, und trotzdem dessen berufliche Aufgaben und Pflichten neutral beurteilen. Das ist es, was ich getan habe: Ich könnte mit einem Kollegen auf dem Gang den Gesetzesentwurf diskutieren, aber sobald es Zeit ist, unsere Aufgaben zu erledigen, tun wir das, mich eingeschlossen, ohne Bezug darauf zu nehmen, was in meinem Kopf abgeht; es ist einfach irrelevant.

daStandard.at: Gibt es auch andere Wege, diesen Standpunkt zu vertreten und Solidarität zu zeigen?

Jaffary: Natürlich. Zum Beispiel, Staatsbeamte anzuschreiben oder die Nationalversammlung selbst. Ich habe all das getan, aber als Mutter zweier Kinder und Berufstätige mit vielen Verpflichtungen finde ich meine Form des Protests einfacher – sie beansprucht nicht viel Zeit. Ich gehe einfach meiner Arbeit nach, während ich ein Kopftuch trage.

daStandard.at: Welche Folgen hätte eine Verabschiedung und Umsetzung des Gesetzesentwurfs?

Jaffary: Viele Betroffene würden Quebec verlassen müssen. Es wird traumatisch für viele betroffene Menschen sein, wenn sie ihre Arbeit aufgeben müssen, weil sie ihre Religion nicht aufgeben wollen. Ich glaube aber, dass viele Orte die Umsetzung ablehnen werden. Mittlerweile haben fünf Universitäten in Quebec erklärt, dass sie die Vorschrift nicht umsetzen würden. Eines unserer größten Krankenhäuser, das Jewish General, hat eine ähnliche Erklärung abgegeben. Einige Städte haben ebenfalls ihren Unmut geäußert. All das wird einen langwierigen, emotionalen und möglicherweise teuren Konflikt erzeugen.

daStandard.at: Wie reagierte Ihr Umfeld auf das Kopftuch?

Jaffary: Fast alle haben mich unterstützt. Ich erhielt viele positive Briefe von Studenten, Kollegen, Mitarbeitern der Universität und auch von Menschen aus verschiedenen Teilen Kanadas. Aber auch von weiter weg, beispielsweise aus England und Bosnien. Ich bekam nur wenige negative Reaktionen.

daStandard.at: Werden auch Ihnen dumme Fragen gestellt, die muslimischen Frauen gestellt werden? Ob Sie damit schlafen oder duschen etwa und ob es nicht gefährlich sei, weil es sich verheddern könnte.

Jaffary: Nein, zum Glück nicht. Ich trage es nur an der Universität, deshalb kommen solche Situationen kaum vor.

daStandard.at: Kennen Sie persönlich Muslime?

Jaffary: Meine Schwägerin ist Muslima – und natürlich ihre Familie, und mein Neffe. In Montréal hatte ich eine Handvoll muslimische Freunde, bevor das alles begann, jetzt habe ich ein paar mehr.

daStandard.at: Wieso gibt es so viele Vorurteile gegenüber muslimischen Frauen? Was lässt manche denken, sie wären unterdrückt, ungebildet und arme Opfer?

Jaffary: Das sind Beispiele von islamischem Fundamentalismus, die mit extremem Sexismus assoziiert werden. Das aktuellste und bekannteste Beispiel ist Malala Yousafzai und wie sie von den Taliban behandelt wurde. Soweit ich weiß, beinhalten alle Formen von religiösem Fundamentalismus auch Sexismus gegenüber Frauen. Der Islam stellt hier keine Ausnahme dar. Ich glaube, an Orten mit mehrheitlich nichtmuslimischer Bevölkerung ist es schwer, zwischen Fundamentalismus und Islam zu unterscheiden. Menschen in Nordamerika haben gelernt, diesen Unterschied im Christentum und im Judentum zu erkennen, aber noch nicht im Islam. (Nermin Ismail, daStandard.at, 30.1.2014)

Nora Jaffary ist Geschichtsprofessorin an der Universität Concordia in Montréal.

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Der Gesetzesentwurf ist unter cbc.ca nachzulesen.

  • Trägt seit November aus Protest gegen einen Gesetzesentwurf Kopftuch: Nora Jaffary.
    foto: concordia university

    Trägt seit November aus Protest gegen einen Gesetzesentwurf Kopftuch: Nora Jaffary.

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