Ein Opernkraftakt mit Imbissbude

29. Jänner 2014, 17:16
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Sergej Prokofjews selten gespielter "Feuriger Engel" hinterlässt an der Komischen Oper in Berlin einen starken Eindruck

Berlin - Vor 19 Jahren hatte Christine Mielitz an der Wiener Volksoper Anja Silja auf ihrer Seite, um sich mit Erfolg für Sergej Prokofjews Oper Der feurige Engel ins Zeug zu legen. Im Repertoire heimisch geworden ist der schon Ende der 1920er-Jahre fertig komponierte, aber erst 1955, zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten, in Venedig uraufgeführte Opernkraftakt gleichwohl nicht. In Berlin hat sich jetzt die Komische Oper des Werkes angenommen und es sogar in Originalsprache herausgebracht.

Was an diesem Ostberliner Haus immer noch bemerkenswert ist, weil man hier lange eisern an dem Dogma Walter Felsensteins festhielt, doch bitteschön alles auf Deutsch zu singen. Was im Falle der Cosí fan tutte, die Alvis Hermanis kürzlich naturalistisch auf die Bühne brachte, heuer recht befremdlich wirkte. Aber dem aktuellen Inhaber des Intendantensessels eines Felsenstein wird so etwas im gerne nörgelnden Berlin nachgesehen.

"Opernhaus des Jahres"

Für seinen kraftvollen Intendantenstart mit dem dritten Opernhaus der deutschen Hauptstadt wurde Barrie Kosky 2013 mit dem Titel "Opernhaus des Jahres" belohnt. Der Australier, der gern seine jüdischen Wurzeln betont, liebt die große Show - und versteht es fabelhaft, den Blick bis zur großen Vorkriegstradition des Hauses zu weiten. Das zeigte er etwa mit seiner Inszenierung von Paul Abrahams Ball im Savoy. Er punktete aber auch mit einer kraftvollen West Side Story oder mit einer Zauberflöte, die er flippig cineastisch aufmotzte.

Auf den ersten Blick will Prokofjews düsteres Stück nicht so recht zur großen Revuegeste passen, die Kosky zum Markenzeichen seines Hauses gemacht hat. Es passt aber doch. Als musikalische und szenische Herausforderung, hübsch verpackt in eine anspruchsvolle Prokofjew-Woche.

Die von einer Engelserscheinung in ihrer Kindheit besessene Renata ist so eine operntypische Melange aus Heiliger, Hure, Hexe und Hysterikerin. Sie richtet ihren Begleiter Ruprecht und auch die Nonnen, zu denen sie flieht, beinahe zugrunde und geht am Ende selbst in Flammen auf.

Der australische Regisseur Benedict Andrews zeigt im beklemmenden Ambiente der mit variablen Trennwänden von Johannes Schütz vollgestellten Drehbühne, wie sich der individuelle Fall eines unerfüllten Begehrens zum kollektiven Wahn steigert. Was Prokofjew in seinem Libretto (nach Waleri J. Brjussow) in der deutschen Reformationszeit angesiedelt hat, verlegt Andrews in eine unbestimmte Gegenwartstristesse.

So ist Ruprecht hier der zufällige Nachbar in einem Hotelzimmer, der Renata helfen will und ihr verfällt. Auf ihrer merkwürdigen Suche nach dem Engel begegnen beide Faust und Mephisto an einem Imbissstand. Am Ende hält Renata den Inquisitor für den irdischen Wiedergänger ihres Engels, küsst ihn, übergießt sich dann aber mit Benzin. Hinter den Stellwänden, die wie eine Mauer alles abschirmen, sieht man eine gewaltige Flamme auffahren - wohin auch immer. Dazu liefert Henrik Nánási aus dem Graben die musikalische Dauererregung, in der vor allem Svetlana Sozdateleva (Renata) und Evez Abdulla (Ruprecht) glänzend bestehen. (Joachim Lange, DER STANDARD, 30.1.2014)

  • Renata (Svetlana Sozdateleva) gibt im Kreise der Kinder die zeittypische Mischung aus Heiliger, Hexe und Hure.
    foto: iko freese / drama-berlin.de

    Renata (Svetlana Sozdateleva) gibt im Kreise der Kinder die zeittypische Mischung aus Heiliger, Hexe und Hure.

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