Roberto Saviano: 400 Milliarden Dollar mit Nebenwirkungen

1. Februar 2014, 14:23
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Der italienische Autor ("Gomorrha") schreibt über den globalen Kokainhandel: eine Reportage mit einem überraschenden Lösungsvorschlag

An einem Aprilabend letzten Jahres mussten die Besucher lange warten, bis sie im Teatro Morlacchi in Perugia Einlass fanden. Sicherheitskräfte suchten jeden nach Waffen ab und den Saal nach Bomben. Mit entsprechender Verspätung betrat Roberto Saviano als Ehrengast des Journalismus-Festivals 2013 die Bühne.

Seit seinem Bestseller Gomorrha (2007) über das organisierte Verbrechen in Neapel und den darauffolgenden Morddrohungen lebt Saviano unter Polizeischutz, seine Aufenthaltsorte sind geheim. Nur bei besonderen Anlässen erscheint er kurz in der Öffentlichkeit. Nach Perugia kam er, um sein neues Buch vorzustellen: Zero Zero Zero. Wie Kokain die Welt beherrscht. Dieser Tage erscheint es auf Deutsch.

"Wenn man über Kokain schreibt", sagte Saviano, "dann schreibt man über die Welt schlechthin." Es öffne sich ein Spalt, der den Blick freigibt und zu Wahrheiten führt, die man nicht mehr ignorieren könne, auch wenn man selber keine Drogen konsumiere. "Wenn man merkt, dass etwa in völlig unterentwickelten Gegenden Italiens plötzlich Einkaufszentren und Geschäftsviertel entstehen, dann fragt man sich, woher das Geld kommt. Das ist keine Angelegenheit der Lokalchronik, das ist eine Frage internationaler Liquidität. Dann beginnt man, ein Puzzle zusammenzusetzen."

Und je mehr er selber die Puzzleteile verfolgte, umso mehr konzentrierte er sich auf die zugrunde liegende Substanz in Reinkultur: so wie das feinste italienische Mehl, "doppio zero", aber noch reiner, Kokain in bester Qualität: dreifach null.

Korruption auf höchster Ebene

Das Ergebnis ist eine Tour de force durch das weltweite Drogengeschäft, episch breit und zugleich detailliert bis in die feinen Verästelungen von Deals in Hinterhöfen. Soweit dies überhaupt in einem einzigen – wenn auch fast 500 Seiten langen – Buch möglich ist, hat Saviano alles zusammengetragen, was man über Kokain als Handelsware wissen sollte; seine Wirkungen, vor allem seine Nebenwirkungen, als lukrativster Teil eines Business, das jährlich mehr als 400 Milliarden Dollar Umsatz macht.

Er beginnt mit einer Momentaufnahme, einem Mitschnitt, den ihm die New Yorker Polizei zugänglich macht. Ein italoamerikanischer Mafia-Don hat seinen Partnern – Lateinamerikanern, Italienern, Albanern – die Regeln des Geschäfts erklärt, in dem sie sich zu behaupten hätten: dass es darauf ankomme, sich Respekt zu verschaffen, der Stärkere zu sein, ein Netz von Nützlichkeiten zu knüpfen – und dass man trotzdem auf niemanden zählen könne. Denn "die Organisation" stehe nur hinter dem Stärksten, und es gehe nur um den Profit, den man daraus ziehen könne, dass es überall Idioten gibt, die für Drogen bezahlen.

Es ist eine Lektion für den 34-jährigen Autor, "eine Kritik der praktischen mafiösen Vernunft". Wie diese Vernunft dann eben praktisch aussieht, wo sie soziale Gefüge zerstört, regionale Entwicklungen und die Wirtschaft ganzer Länder unterwandert, das schildert Saviano auf den restlichen Seiten.

Er beginnt, nicht überraschend, in Lateinamerika. Es geht zunächst noch um andere Drogen, die aufgrund der restriktiven Gesetze in die Illegalität verbannt sind: um Opium  und Marihuana. Wie nebenbei räumt Saviano mit dem gängigen Klischee auf, dass es sich um einen Krieg zwischen der US-Regierung und den narcotraficantes handle. Krieg schon, aber manchmal sehr anders als offiziell dargestellt. Dieselben Regierungsstellen, die riesige Mohnfelder mit Dieselöl vernichtet und damit die Bauern vor das Nichts gestellt hatten, riefen Jahre später zum erneuten Anbau auf. Die US-Armee brauchte Morphin für ihre Soldaten im Vietnam-Krieg, die mexikanischen Bauern sollten dafür das Rohmaterial Opium liefern.

Erst der Anbau von Coca jedoch führte zu den ausgeklügelten illegalen Vertriebskanälen, den Kartellen in Kolumbien und Mexiko, der Korruption auf höchster Ebene, um die es in Zero Zero Zero geht. Minutiös schildert Saviano, wie aus Bürgerwehren gegen die mit Drogen handelnden Guerilleros der FARC selber Drogenkriminelle wurden. Er beschreibt die Kämpfe um Territorien und Vertriebskanäle und die Eskalation von Gewalt und unvorstellbarer ritueller Brutalität vor allem in Mexiko. Er zeichnet den Zusammenschluss von lateinamerikanischen Drogenbaronen mit den italienischen nach, insbesondere mit der 'ndrangheta aus Kalabrien. Wie hier Transporte in Containerschiffen, Flugzeugen, Jachten, ozeantauglichen U-Booten, in Unterhosen, Hundemägen, medizinischen Geräten für Katastrophenhilfe organisiert werden, davon können Logistikmanager sich viele Scheiben abschneiden – und einige der besten arbeiten offenbar für "die Organisation".

Immer wenn der Leser glaubt, nun sei ein Plateau der Drogenkriminalität erreicht, eröffnet der Autor weitere Kapitel. Eines führt nach Osteuropa nach dem Mauerfall, zur russischen Mafija, ein anderes zu Gangstern auf dem Balkan, in Spanien, in Israel. Ein weiteres, "Eldorado Deutschland", gibt es nur in der übersetzten Ausgabe.

Reinwaschen, reinvestieren

Hier, am Beispiel des seiner Ansicht nach blinden und naiven Landes, exemplifiziert Saviano ein weiteres Mal seine These: Koks, die Droge, die in einem schnellen Leben noch schneller macht, das weiße Öl, der Schnee von heute korrumpiere das Gefüge der Gesellschaft. Kein Wunder sei das, wenn man mit einem Kilo, ordentlich gestreckt, bis zu 200.000 Euro verdienen kann. Reinwaschen, reinvestieren, Wirtschaftszweige kontrollieren – das seien die Folgen. Dass die Banken mit ihren Offshore-Kunststücken ebenfalls mitspielen, ist nur folgerichtig und wird an Beispielen vorgeführt. (Folgerichtig und zum Bild passend ist auch die Heuchelei der US-Banken, die, wie Frank Hermann vor Kurzem im Standard schilderte, den kleinen, legalen Marihuana-Läden in Colorado Konten und Kredite verweigern, weil sie ja "mit Drogen handeln" ...)

Als Leser ist man beeindruckt vom umfassenden Wissen des Autors. Neapel und vertrauenswürdige Informanten dort kennt er aus seinem früherem Leben. In Mailand hat er sich offenbar mit einem Aussteiger aus dem Drogenhandel verabredet, der ihm weitere Gesprächspartner nennen konnte. Die Snackbar Donald Duck in Curacao – "zwischen einem Sandwich und einem Caipirinha wird über Geschäfte geredet" – dürfte er ebenfalls besucht haben.

Dazu kommt die Liste derer, denen er für ihre Hilfe dankt. Sie ist fast vier Seiten lang.

Was er  nicht selbst erlebt haben kann, ist in anderen Büchern und investigativen Reportagen nachzulesen: die Geschichten über die guatemaltekischen Todesschwadronen Kaibiles, die mörderische Kokainkönigin von Miami Griselda Blanco, den global agierenden russischen Mobster Semjon Mogilewitsch und viele andere. Man würde trotzdem gerne wissen, wo genau Saviano sie alle herhat.

Er schreibt, dass ihn das Thema oft überforderte. Er sieht sich zum „Geschichtenerzähler am laufenden Band" verdammt und überlegt, was wäre, wenn er es anders gemacht hätte, "wenn ich mich für den geradlinigen Weg der Kunst entschieden hätte (...). Für ein Leben als Schriftsteller."

Fiktion oder Reportage

Das ist der Moment für einen Einschub. Denn zufälligerweise oder auch nicht (wenn man Saviano folgt, dann ist Italien ein allzu gutes Pflaster für das Thema) ist gerade ein Band mit Crime Stories dreier italienischer Autoren erschienen: Kokain. Saviano könnte überprüfen, ob literarische Behandlungen des Themas effektiver sind. Die Bilanz fällt gemischt aus.

Massimo Carlottos Campagnas Spur ist eine Story aus dem paduanischen Drogenmilieu, die hard-boiled sein möchte, aber verworren und unplausibel über den Schnee berichtet, der am Arbeitsstrich genauso rieselt wie im Milieu gelangweilter Bürger.

Ganz anders und besser nähert sich Gianrico Carofiglio mit Schneller als der Schutzengel dem Sujet; eine gemächliche Erzählung, fast eine Novelle, die eine Wendung ins Bedrohliche nimmt.

Es ist aber Giancarlo de Cataldo, der die Verflechtung privater Vorlieben und gefährlicher Geschäfte mit dem zähen Kampf zwischen organisierten Banden und der Drogenpolizei am überzeugendsten schildert. In seinem Kreislauf erinnert Schneereigen tatsächlich an Schnitzler – und an Saviano. Hier bekommt Fiktion Reportagecharakter, während die Non-Fiction des Reporters stellenweise fast wahnhaft unplausibel anmutet.

Saviano hat sich auf sein Thema so tief eingelassen, dass es ihn zu überwältigen droht. Er nennt Kokain seinen "weißen Wal", und wie Captain Ahab verfolgt er seine Nemesis „bis zur Besessenheit". "Über Kokain schreiben ist, wie selber welches zu nehmen", steht da in entwaffnender Offenheit, und: "Je tiefer ich in die Höllenkreise des weißen Pulvers hinabsteige, desto mehr merke ich, dass die Leute keine Ahnung haben."

Saviano hat mehr als eine Ahnung, und er will alles wissen. Doch dadurch hat sich sein Blick verengt. Er sieht, hört, spürt, schmeckt nur noch Kokain. Folglich liest sich sein Werk über Strecken wie eines jener vereinfachenden Sachbücher, die mit einem Sujet, einem Phänomen, einer Begebenheit alles erklären wollen.

Legalisierung als Lösung

Googelt man "...that changed the world", dann erhält man mehr als 54 Millionen Hits. Natürlich ist das Meiste Quatsch. Aber man kennt auch die ernster genommenen Argumente: dass ein Mensch die Weltgeschichte verändert hat; dass eine Pflanze oder eine Diät Gesundheit garantiert; dass eine Maschine die Gesellschaft verändert hat; dass die Bassgitarre den Rock'n'Roll geschaffen und das Update 7.2 sämtliche Computerprobleme abgeschafft hat. Allesamt sind es monokausale Argumente, die den Rest der Gesellschaft, der Geschichte, des Rock'n'Roll ignorieren.

Savianos Buch schrammt hart an der Grenze dieses Raisonnements. Je länger man Zero Zero Zero liest, desto mehr ist man geneigt zu glauben, dass er hier wirklich den Stein der Weisen, oder sagen wir: den Schnee allen Übels gefunden hat. Dann sollte man sich vergegenwärtigen, dass es auch andere Geldwäschereien, andere Subversion staatlicher Ordnung, andere Quellen verbotener Genüsse, andere Schmuggelprobleme gibt als Kokain.

Doch letztlich stellt er überzeugend dar, warum la coca nicht nur eine Droge ist, sondern ein globales Problem, das außer Kontrolle gerät – zumindest unter den heutigen Umständen.

Und hier, ganz am Ende des Buches, vollführt Roberto Saviano eine überraschende Wende. Nachdem er das Problem geschildert hat und  seine eigene Verstricktheit – "Ich bin ein Ungeheuer geworden" –, nachdem man also schon geglaubt hat, die Welt entkommt den Höllenkreisen nicht mehr, da macht er einen Vorschlag. Und der lautet ganz simpel: Legalisierung.

Keine einfache Lösung, "Eine schreckliche, entsetzliche, abscheuliche, beängstigende Antwort, mag sein." Aber nach Abwägen aller Umstände vielleicht die einzig vernünftige.

Man kann sie sich kaum vorstellen. Doch wer weiß, was nach noch ein paar Jahrzehnten Drogenkriege alles passieren kann? Wer hätte vor 20 Jahren Colorado für möglich gehalten? (Michael Freund, Album, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

Roberto Saviano, Zero Zero Zero. Wie Kokain die Welt beherrscht. € 25,60/480 Seiten. Hanser, München 2014.

Massimo Carlotto, Gianrico Carofiglio, Giancarlo de Cataldo, Kokain. Crime Stories. € 19,90/174 Seiten. Folio, Bozen 2013.

  • Egal wie groß der Aufwand auch sein mag, der Drogenhandel ist nicht zu stoppen: zwanzig Tonnen Kokain, von der US-Küstenwache auf dem Pazifik beschlagnahmt, bei der Entladung in Kalifornien.
    foto: corbis / u.s. coast guard

    Egal wie groß der Aufwand auch sein mag, der Drogenhandel ist nicht zu stoppen: zwanzig Tonnen Kokain, von der US-Küstenwache auf dem Pazifik beschlagnahmt, bei der Entladung in Kalifornien.

  • "Wenn man über Kokain schreibt, dann schreibt man über die Welt schlechthin": Roberto Saviano.
    foto: epa/matteo bazzi ansa

    "Wenn man über Kokain schreibt, dann schreibt man über die Welt schlechthin": Roberto Saviano.

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