Vier Jahre Haft für 16-Jährige wegen Tötung der "besten Freundin"

29. Jänner 2014, 19:08
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Laienrichter entschieden gegen Mordurteil - Mildernd waren ungünstige Erziehungsverhältnisse und "verminderte Steuerungsfähigkeit" infolge Drogenmissbrauchs

Wien - Ein 16-jähriges Mädchen, das am 29. Mai 2013 in Wien-Favoriten eine Freundin mit einem wuchtigen Messerstich getötet hat, ist am Mittwochabend im Straflandesgericht wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge und nicht wegen Mordes schuldig erkannt worden. Bei einem Strafrahmen von bis zu fünf Jahren verhängte das Schwurgericht vier Jahre unbedingte Haft.

Die Mordanklage wurde von den acht Laienrichtern mit dem knappest möglichen Ergebnis - nämlich mit 4:4 Stimmen - verworfen. Die Geschworenen gingen mit 7:1 Stimmen davon aus, dass es der Angeklagten zwar gezielt darauf ankam, Melissa M. schwer zu verletzen. Tötungsvorsatz habe sie beim Zustechen aber keinen gehabt. Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig. Während die 16-Jährige das Urteil nach Beratung mit Verteidiger Lennart Binder annahm, legte Staatsanwältin Isabelle Papp unverzüglich Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung ein.

Verminderte Steuerungsfähigkeit

Bei der Strafbemessung wertete das Gericht die bisherige Unbescholtenheit, die ungünstigen Erziehungsverhältnisse der 16-Jährigen - sie war ohne Mutter aufgewachsen - sowie die von Gerichtspsychiaterin Gabriele Wörgötter bescheinigte "verminderte Steuerungsfähigkeit" der Angeklagten infolge eines vorangegangenen, offenbar schon länger praktizierten Drogenmissbrauchs als mildernd.

Erschwerend war demgegenüber "die besonders brutale Vorgangsweise", wie der vorsitzende Richter Norbert Gerstberger betonte. Die Angeklagte habe außerdem "keine wirkliche Reue" gezeigt.

Die Angehörigen der ums Leben gekommenen Melissa M. bekamen nur einen Teil ihrer geltend gemachten Ansprüche zugesprochen: Neben den Begräbniskosten von 4.390 Euro erhielten Vater, Mutter und Schwester jeweils ein Trauerschmerzensgeld von 5.000 Euro zugestanden. Mit den darüber hinausgehenden Beträgen - die Eltern hatten je 20.000 Euro, die Schwester 15.000 Euro verlangt - wurden sie auf den Zivilrechtsweg verwiesen.

"Rasend eifersüchtig und gekränkt"

Die zum Tatzeitpunkt noch 15 Jahre alte Schulabbrecherin hatte ihre laut Eigenaussage "beste Freundin" getötet, indem sie der 16-Jährigen in der Wohnung eines Bekannten in Wien-Favoriten mit einem Messer einen wuchtigen Stich in den Rücken versetzte. Wie Staatsanwältin Isabelle Papp den Geschworenen darlegte, war dem ein Streit vorausgegangen, weil die Freundin eine Beziehung mit dem Ex-Freund der Angeklagten angefangen hatte: "Sie war rasend eifersüchtig und gekränkt."

Der Stich fiel derart heftig aus, dass die 16 Zentimeter lange Klinge 13 Zentimeter tief in den Körper der Freundin eindrang und deren Herz beschädigte. Das Mädchen hatte keine Überlebenschance. Die Täterin hatte über zwei Wochen zuvor - konkret am 16. Mai - auf Facebook gepostet: "Beste Freundin hängt mit Ex herum. [...] Leben oder Tod??? Auf was tippt ihr?" Als ein Facebook-Freund darauf mit "Tooot?" reagierte, erwiderte sie diesem: "Jackpot! Der Gewinner kriegt sie von mir tot geschenkt. Na Spaß."

Kein Geständnis im Sinn der Anklage

Die Staatsanwältin interpretierte dies als Ankündigung des Verbrechens. Die Angeklagte selbst, die von zwei Justizwachebeamtinnen und einer Psychologin der Justizanstalt (JA) Schwarzau zur Verhandlung begleitet wurde und sich mit einem Schal vermummt hatte, um den Kameras und Fotoapparaten ihr Gesicht nicht preisgeben zu müssen, gab vor, sich nicht an das Posting erinnern zu können. Auf die Frage des Richters, ob sie sich grundsätzlich schuldig bekenne, antwortete die 16-Jährige: "Ich war es."

Wie ihr Verteidiger Lennart Binder deutlich machte, kam dies allerdings keinem Geständnis im Sinn der Anklage gleich. "Sie war vollgepumpt mit Drogen und nicht in der Lage, das Unrecht ihrer Tat einzusehen", sagte der Anwalt. Ein chemisches Gutachten habe bestätigt, dass seine Mandantin am Vorabend die synthetische Droge Mephedron (MMC) konsumiert hatte. Sie sei zum Tatzeitpunkt zurechnungsunfähig gewesen. Das vorgebliche Motiv Eifersucht nannte Binder "völlig verfehlt. Dieses Herumalbern über Beziehungen dürfte unter Jugendlichen normal sein". Es habe "keinen Sinn, diese Geschichte so zu emotionalisieren."

Nur wenige Minuten, nachdem sie ihre Freundin niedergestochen und vergebens versucht hatte, diese mittels Mund-zu-Mund-Beatmen zu reanimieren, hatte die Angeklagte sich wieder auf Facebook eingeloggt. Um 7.57 Uhr - die Tat soll sich laut Anklage um circa 7.45 Uhr zugetragen haben - postete sie folgende Nachricht: "Es tut mir leid. Jetzt komme ich in den Häf'n. Jetzt habe ich meine beste Freundin abgestochen." 

Mit Handschellen auf Facebook

Auch an ihr Facebook-Posting nach der Bluttat ("Jetzt habe ich meine beste Freundin abgestochen") könne sie sich nicht erinnern, sagte die 16-Jährige in ihrer Einvernahme. Der 36 Jahre alte Mann, bei dem diese und das Opfer die vorangegangene Nacht verbracht hatten, schilderte im Anschluss, erstere sei noch auf seinem Computer auf Facebook eingeloggt gewesen, als die Polizei bereits am Tatort war.

Sie habe noch mit Handschellen versucht, "weiter auf Facebook zu schreiben", sagte der Zeuge, den die Angeklagte angerufen und um einen Schlafplatz gebeten hatte, weil ihre Freundin zu Hause rausgeschmissen worden war. Die Polizei habe das aber verhindert. Das Mädchen wollte dann gleich von den Beamten wissen, wie lange sie im Gefängnis bleiben müsse.

Der 36-Jährige hatte gegen 7.00 Uhr seine Wohnung verlassen, um sich von seinem Hausarzt krankschreiben zu lassen. Die ganze Nacht hindurch hatte er mit der Angeklagten geredet, während sich deren Freundin längst schlafen gelegt hatte. Das Mädchen habe sich über diese beschwert, weil diese mit ihrem Ex zusammen gekommen sei. Wie der Zeuge zu Protokoll gab, habe die 16-Jährige in diesem Zusammenhang "Ich würde sie am Liebsten umbringen" gesagt: "Ich habe das nicht ernst genommen. Sie waren ja die besten Freundinnen."

"Warum hab' ich das gemacht?"

Die Angeklagte sei sichtlich unter Drogen gestanden, als er sie in seine Wohnung ließ. Sie sei auch "ängstlich" gewesen. Als er nach dem Arztbesuch zurückkehrte, sei die Freundin der Angeklagten in einer Blutlache im Vorzimmer gelegen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Die 16-Jährige habe "Melissa, Melissa, wach auf!" geschrien. Er habe sie angebrüllt, was sie getan habe und ob sie "deppert" sei, erzählte der Mann. Darauf habe die Schulabbrecherin "Warum hab' ich das gemacht?" gesagt.

Die Bluttat wurde mit einem Messer vollbracht, das der Wohnungsinhaber zum Fischfiletieren zu verwenden pflegte. Diese sei "ganz sicher" in einer Lade aus der Küche gelegen und müsse von der 16-Jährigen aus dieser entnommen worden sein, versicherte der Zeuge.

"Sie hat mich erniedrigt. Sie hat mich verletzt", sagte die 16-Jährige über die von ihr zu Tode gebrachte Melissa M. Sie sei von ihrer besten Freundin gehänselt worden, als diese mit ihrem Ex-Freund zusammenkam. "Hahaha, er hat dich verlassen. Ich bin schöner", soll das ein paar Monate ältere Mädchen gefeixt haben.

"Zu gern gehabt, um sie loszulassen"

Auf die Frage, weshalb sie dann den Kontakt nicht abgebrochen habe, entgegnete die Angeklagte: "Sie war meine beste Freundin. Ich habe sie geliebt. Ich habe sie zu gern gehabt, um sie loszulassen."

Die beiden hatten einander schon in der Volksschule kennengelernt. Die zwei Mädchen wuchsen in schwierigen Verhältnissen auf und gaben einander halt, wie Staatsanwältin Isabelle Papp in ihrem Eingangsplädoyer dargelegt hatte: "Sie haben Kummer, Sorgen, das tägliche Leid miteinander geteilt." Beide hätten sich "in einem schwierigen Alter, mitten in der Pubertät" befunden, gab die Anklägerin zu bedenken.

Die Angeklagte war ihrer Darstellung zufolge mit 13 mit Drogen in Kontakt gekommen: "Am Anfang war's Gras. Dann ist MMC dazu gekommen." Im Jänner 2013 habe sie nach einem Trip "einen Filmriss gehabt" und sich danach im AKH in Behandlung begeben. Die verordneten Medikamente habe sie aber "eher schlampig" genommen: "Die Drogen waren interessanter."

Notoperation kam zu spät

Am Abend vor der inkriminierten Tat habe sie MMC gesnieft. Wie schon öfters zuvor habe sie "paranoide Schübe, Wahnvorstellungen" bekommen: "Ich habe immer Männer gesehen, die mich verfolgen." In der Früh, als Melissa vor ihr stand und - angeblich - "Du weißt, dass ich schöner und besser bin" sagte, habe sie "wirklich Angst bekommen", versicherte die Angeklagte. Um nach einer kurzen Pause schluchzend "Und dann habe ich hingestochen" hinzuzufügen, worauf die im Publikum anwesende Mutter Melissas in Tränen ausbrach.

"Ich hab' mich so gehasst in dem Moment. Ich wollte, dass sie wieder lebt", setzte die Angeklagte fort, was weitere Besucherinnen der Verhandlung - darunter auch Melissas Schwester - zum Weinen brachte. Sie habe erfolglos Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht, erinnerte sich die Angeklagte: "Ich weiß nur noch, wie sie die Augen verdreht hat. Sie hat vibriert."

Erst der Wohnungsbesitzer hatte nach seiner Rückkehr vom Arzt mit der Rettung telefoniert. Trotz einer Notoperation im nächstgelegenen Spital kam für Melissa M. jede Hilfe zu spät. 

MEC statt MMC

Wie der chemische Sachverständige Günther Gmeiner in seinem Gutachten darlegte, dürfte die als Mörderin angeklagte 16-Jährige zum Tatzeitpunkt zwischen 1,2 und 2 Promille Alkohol im Blut gehabt haben. Außerdem hatte sie nicht - wie von ihr vermutet - MMC (Mephedron), sondern das wirkungsähnliche, aber wissenschaftlich noch weit weniger erforschte MEC (Methylethcathinon) konsumiert.

Während Gmeiner bei einer Erstanalyse diese sogenannte neue psychoaktive Substanz in einem Umfang von 2,6 Nanogramm pro Milliliter nachweisen konnte, ergaben von der Verteidigung beantragte zusätzliche Tests in einem Labor in Freiburg, dass die 16-Jährige zwischen 35 und 67 Nanogramm pro Milliliter und eine damit wesentlich höhere Menge im Blut hatte. Er könne "eine Beeinträchtigung und Wirkung dieser Substanz nicht ausschließen", sagte Gmeiner.

Konkreteres war ihm nicht zu entlocken. Es gebe in Bezug auf MEC noch "keine wissenschaftlichen Erfahrungen über die Wirkung" und auch "keine pharmagenetischen Daten", sondern nur "User-Berichte". Allenfalls ließen sich "Analogschlüsse" hinsichtlich der Wirkung von Ecstasy herleiten, meinte Gmeiner.

Mit den Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen Gabriele Wörgötter und des Gerichtsmediziners Christian Reiter ist am Mittwoch im Wiener Straflandesgericht das Beweisverfahren im Mordprozess gegen das 16-jährige Mädchen abgeschlossen worden. Mit der Urteilsverkündung war nicht vor 18.00 Uhr zu rechnen. Der Angeklagten droht bei einem Schuldspruch eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.

Geminderten Steuerungsfähigkeit

Wörgötter bescheinigte der Schulabbrecherin Zurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt und stufte die von dieser behaupteten paranoiden Wahnvorstellungen als "nicht nachvollziehbar" ein. Der Drogenmissbrauch habe eine "sensitive Überempfindlichkeit" und eine "aggressive Triebenthemmung" bewirkt, sagte die Gutachterin. In der Persönlichkeit des Mädchens sei "sehr viel Wut, Aggression und Neid aufgestaut". Die Einnahme der Designerdroge MEC habe zu einer "geminderten Steuerungsfähigkeit" geführt.

Die intellektuelle Begabung der 16-Jährigen verortete die Sachverständige "eher am unteren Rand". Sie bescheinigte ihr eine "erhebliche Selbstwertproblematik" und - in der gesamten Zusammenschau - eine kombinierte Persönlichkeitsstörung, die allerdings keinen Schuldausschließungsgrund darstelle. Die Angeklagte sei nur zu einer "vordergründigen, sehr wenig emotionellen Auseinandersetzung mit der Tat" bereit.

Die mittelgradige Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt - laut Wörgötter vermutlich 1,46 Promille - hätte auch in Verbindung mit der Suchtgifteinnahme keine volle Berauschung im Sinn des Paragraf 287 Strafgesetzbuch (StGB) bewirkt, betonte Wörgötter: In einem "Rauschdämmerzustand" hätte der Teenager an der tödlich verletzten Freundin nämlich keine Mund-zu-Mund-Beatmung vornehmen und kein Posting auf ihrer Facebook-Pinnwand hinterlassen können.

Wie im Anschluss der Gerichtsmediziner erläuterte, wäre Melissa M. auch gestorben, wenn die Tat vor einem Krankenhaus begangen worden und damit unmittelbar ärztliche Hilfe gegeben gewesen wäre. Die Täterin hatte dem lediglich 42 Kilogramm schweren Opfer mit einem Filetmesser von hinten die Rumpfwand durchstochen. Die Klinge beschädigte Lunge, Milz, Magen und Herzbeutel. "Mit einem zwei Zentimeter großen Loch in der linken Herzkammer, da blutet man in wenigen Minuten aus", stellte Reiter fest.

Vier Monate vor der Bluttat hatte sich die Angeklagte im Rahmen einer "Akutvorstellung" auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) begeben. Eine Ärztin bescheinigte ihr "paranoid-psychotische Symptome", die sie - wie die Medizinerin nun als Zeugin in der Hauptverhandlung erklärte - als krankheitsbedingt oder drogenindiziert betrachtete. Statt der Jugendlichen nur ein Medikament zu verschreiben und einen "Behandlungsfahrplan" zu erstellen, den die 16-Jährige in weiterer Folge nach fünf Terminen sausen ließ, hätte die Ärztin die Patientin gern stationär aufgenommen. Das scheiterte allerdings am Platzmangel. Obwohl der Bettenplan des Krankenanstaltenverbunds (KAV) für Wien 180 Plätze für psychiatrisch behandlungsdürftige Kinder und Jugendliche vorsieht, muss man in der Millionenstadt mit 60 Plätzen das Auslangen finden. Die Wartelisten betragen laut der zeugenschaftlich vernommenen Psychiaterin mitunter mehrere Monate. (APA, 29.1.2014)

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