Die Übermorgenmacher: "Schreckgespenster" der Arbeitswelt

29. Jänner 2014, 12:42
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Die Arbeitswelt sei in Transformation, da kämen Ängste hoch, sagt der Chef des Fraunhofer-Instituts, Wilhelm Bauer

 "Wenn man von übermorgen spricht", sagt Wilhelm Bauer, Chef des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, "dann stellt sich immer die Frage: Wie kommt man dorthin, und wie lange dauert das?" Zurzeit stehe man in der Arbeitswelt mitten in einem Transformationsprozess, angetrieben durch die Möglichkeiten der neuen Technologien und die Veränderungen, die sie für die Arbeits- und Lebenswelten und -weisen bringen. Bis zu vier Generationen arbeiten in vielen Unternehmen - genug Stoff also für Missverständnisse, Konflikte und Balanceakte zwischen den unterschiedlichen Bedürfnislagen der Kollegen und Mitarbeiter.

Deshalb noch einmal etwas zur "Work-Life-Balance" - weil der Begriff schon fast als Synonym für das gegenseitige Missverstehen der Generationen und Hierarchieebenen am Arbeitsmarkt gesehen werden kann. Ein Beispiel: In Bezug auf die Generation Y interpretieren viele (potenzielle) Arbeitgeber Work-Life-Balance mehr im Sinne eines erhöhten Freizeitinteresses ihrer Mitarbeiter oder Kandidaten - mehr leben, weniger arbeiten, gleich viel Geld. Was die Jungen wiederum damit verbinden, ist: Wer viel arbeitet, braucht entsprechenden Ausgleich - Freizeit oder freie Einteilung von Zeit. Überhaupt haben die Jungen, die nun auf den Arbeitsmarkt kommen, anders gelagerte Prioritäten und Haltungen als vorangegangene Generationen. Eigentlich selbstverständlich - und dennoch sind nicht wenige Arbeitgeber zum Teil überrascht, zum Teil sogar überfordert, wenn sie es den Jungen im "War for Talents" durchwegs recht machen wollen, nur damit sie an Bord kommen.

"Die Jungen setzen mehr auf Werte"

Bauer nennt zwei wesentliche Merkmale, die Vertreter der GenY definieren: "Das Prinzip ,now' hängt mit der digitalen Sozialisierung zusammen. Man möchte die Dinge sofort wissen, man möchte Dinge in Echtzeit verstehen und ist dann auch entsprechend ungeduldig. Und das Prinzip ,wow' steht dafür, dass diese Menschen nicht primär den klassischen Zielen im Arbeitsleben - wie 'auf der Karriereleiter hoch hinaufzuklettern' oder viel Geld zu verdienen - nacheifern. Die Jungen setzen mehr auf Werte, auf das Erlebnis und was eine Tätigkeit abseits ihrer monetären Wirkung bringt."

Kurzum: Es handelt sich um eine Generation, die digital sozialisiert ist, mobil oder flexibel leben und arbeiten möchte. Und das in einem Umfeld, das mehr zu bieten hat als Schreibtisch und Sessel. Bauer: "Arbeitnehmern, nicht nur den Berufseinsteigern, werden zusätzliche Annehmlichkeiten wichtig - das gesunde Essen in der Kantine, das Abonnement im Sportklub oder Mobile Devices aller Art. Arbeitgeber müssen zudem in qualitätsvolle Büros und Arbeitsplätze investieren."

On-Off-Anwesenheiten

Das Fraunhofer-Institut ist 2012 in neu gestaltete Räume gezogen. "Wir sind alle immer wieder auf der Suche nach gut ausgebildeten jungen Menschen. Bei uns in Stuttgart gibt es viele attraktive Arbeitgeber. Wir haben unser Arbeitsumfeld sehr sorgfältig geplant - nicht nur weil wir uns wissenschaftlich damit beschäftigen, sondern weil wir nicht wollen, dass die besten Kandidaten zu Daimler oder anderen renommierten Unternehmen im Umfeld gehen", so Bauer zu diesem Beitrag. Die Kollegen honorieren das moderne Arbeitsumfeld sehr, sagt er.

Auch viele aktuelle Studien, die Bauer zitiert, weisen die attraktive Arbeitsumgebung als Platz eins in Sachen Arbeitgeberattraktivität aus - von Architektur des Gebäudes über Büromöbel bis hin zu den Angeboten in der Kantine; selbstredend sei auch die technische Ausstattung sehr wichtig. "Allein mit der Gehaltserhöhung ist nichts mehr zu gewinnen", so Bauer weiter.

Die Differenzierung der Lebensmodelle greife zudem um sich, so der Institutschef - mit den Auswirkungen auf die Arbeitsweisen müssen Unternehmen umgehen lernen. Bauer: "Die Menschen sind selbstbewusst, weil sie wissen, wie wertvoll sie sind, gerade hochqualifizierte. Und die setzen auch ihre Vorstellungen von ihrem Leben bei ihrer Arbeit durch, weil sie sonst den Arbeitgeber wechseln." Nicht zuletzt deshalb sei auch die Thematisierung des Homeoffice relevant, sagt Bauer. Allerdings müsse das nach dem Prinzip "Wer möchte, der kann" vonstatten gehen. Studien belegen, dass durch die Selbstbestimmtheit in der Zeit- und Ortseinteilung die Arbeitszufriedenheit deutlich steigt.

Interaktion erwünscht

Der Forscher zitiert weitere Studien, die besagen, dass das Gros nicht nur im Homeoffice arbeiten möchte, sondern nur ein bis zwei Tage - so funktionieren alternierende Arbeitsformen auch gut, sagt er. An den anderen Tagen müsse Interaktion passieren, das sei aus Gründen der Absprache der Arbeitsprozesse auch notwendig. Verordnen könne man weder das eine noch das andere. Unternehmen - vor allem jene, die sich dem Angebot des Homeoffice wieder verschließen - könnten aber mehr und mehr auf die Flexibilität ihrer Mitarbeiter angewiesen sein.

Die, so Bauer, zunehmende Konvergenz der internationalen Arbeitskulturen (angetrieben durch die weltweit gleichen Arbeitsmittel Internet und Computer) könnte es ja durchaus auch einmal mit sich bringen, dass in der Nacht eine Telefonkonferenz abgehalten werden muss. Und wer macht die, wenn alle streng dazu angehalten sind, "nine to five" zu arbeiten? Es sei ein Geben und Nehmen, so Bauer lakonisch.

Dass diese Modelle nicht immer friktionsfrei funktionieren, sei klar, sagt Bauer. Sie verlangen von den Mitarbeitern einerseits mehr Kompetenzen in Selbstorganisation und von den Managern andererseits zusätzliche Führungsqualitäten - "als Bindeglied zwischen den Ansprüchen des Unternehmens und den Ansprüchen der Mitarbeiter. "Sie müssen viel mehr kommunizieren, viel mehr Coach sein und nicht wie früher nur fachlich führen", sagt Bauer. Diese ständige Verfügbarkeit müsse gut gemanagt sein.

Alles wird gut

Bauer: "Ich persönlich hoffe, dass alle Dinge, die uns umgeben, einen Ausschalter haben. Ich denke, wir werden zukünftig zwei Identitäten haben, unsere reale physische und eine virtuelle digitale Identität. Der wird man sich à la longue nicht entziehen können und sehr wahrscheinlich nicht entziehen wollen. Dann ist das gar nicht mehr so schlimm. Ich bin fortschrittsoptimistisch: Die Welt wird nicht von irgendjemandem gemacht. Wir sind alle Teil dieses Werdens, und wenn wir alle mitwirken, dann wird es so, wie wir es wollen. Denn nur wenn wir die Dinge benutzen oder für uns gut nutzen können, sind sie erfolgreich. " (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 25./26.1.2014)

Das Fraunhofer-Institut führt aktuell Befragungen zu "Arbeitswelten 4.0" durch. Genaue Beschreibungen der Inhalte und die Teilnahme: www.office21.de

  • Freie Zeit- und Arbeitsplatzeinteilung, damit werden künftig alle Firmen umgehen müssen.
    foto: privat

    Freie Zeit- und Arbeitsplatzeinteilung, damit werden künftig alle Firmen umgehen müssen.

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