Analyst: "Europa hat die Krise hinter sich"

29. Jänner 2014, 12:20
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Die Zinsen Spaniens sind auf dem niedrigsten Stand seit langem, die PIIGS-Länder sind an der Börse gefragt. Unsicherheiten bleiben

An Europas Finanzmärkten findet aktuell eine Party statt. Seit Jahresbeginn sind die zehnjährigen Zinsen für Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien im Schnitt um 0,3 Prozentpunkte gefallen, seit dem Jahresbeginn 2013 sogar um mehr als zwei Prozentpunkte. Die Fieberkurve zeigt damit eine Besserung des Patienten an, die ehemaligen Krisenländer haben das Vertrauen der Investoren zurückerobert.

Tatsächlich können sich ehemalige Wackelkandidaten plötzlich günstig und ohne Probleme finanzieren. Die zehnjährigen Zinsen für Spanien sind am Mittwoch auf den niedrigsten Stand seit 2006 gefallen, die Regierung konnte zudem vergangene Woche eine zehn Milliarden Euro große Anleihe platzieren. Das Orderbuch von willigen Investoren, die dem noch vor einem Jahr wankenden Staat Geld borgen wollten, war so gut gefüllt wie fast noch nie bei einer europäischen Anleihenauktion.

"Die Märkte sagen uns, dass Europa die Krise hinter sich hat", sagt Timothy Hayes, Chefstratege bei Ned Davis Research, einem unabhängigen US-Analyseunternehmen. Die stark gefallenen Zinsen und die zuletzt stark gestiegenen Aktienkurse in Ländern wie Spanien könnten sich kaum anders interpretieren lassen.

Die Erholung kommt aber nicht von ungefähr. Zum einen fördert die Europäische Zentralbank die Finanzmärkte mit ihrem Versprechen, im Krisenfall Staatsanleihen aufzukaufen (das OMT-Programm der Outright Monetary Transactions). Doch mehr noch haben Investoren und Ökonomen ihre Sicht auf Südeuropa revidiert: "Die Wirtschaftsdaten sprechen eine klare Sprache: Der Start ins Jahr 2014 war gut", sagt etwa Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank.

Der Euroraum nimmt Fahrt auf. Wer es nicht glaubt, kann sich die jüngsten Einkaufsmanagerindizes ansehen. Sie zeigen, dass die Stimmung zumindest in den Unternehmen besser wird, die Auftragslage wird deutlich stärker gesehen. Diese Indizes sind ein Frühwarnsignal für die Konjunktur, für Löhne und Beschäftigung, und sie zeigen, dass sich die Lage in Europa stabilisiert.

Einbruch der Importe

Die Euphorie ist zum Teil mit ökonomischen Daten zu rechtfertigen. Die PIIGS-Länder Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien haben ihre außenwirtschaftliche Schieflage beseitigt, die Leistungsbilanzdefizite drehten 2013 allesamt ins Plus. Das suggeriert, dass die Länder nicht mehr "über ihre Verhältnisse leben". "Auf den ersten Blick ist die Verbesserung der Leistungsbilanz schon eindrucksvoll", sagt auch Valentin Hofstätter, Leiter der Abteilung Bond Market & Currency Research der Raiffeisen Bank International (RBI). "Doch es ist normal, dass sich die Außenhandelsbilanzen verbessern, wenn Länder in die Rezession schlittern." Ein erheblicher Teil der niedrigeren Außenhandelsdefizite rührt daher, dass die anhaltende Rezession, niedrigere Löhne und ein Versiegen der Kredite dazu geführt haben, dass die PIIGS-Länder ihre Importe massiv gedrosselt haben.

Doch nach wie vor steigen in den Peripherieländern die Staatsschulden, selbst wenn die laufenden Defizite zurückgehen. Rückschläge könne es daher bei den Anleihen der Krisenländer weiter geben. "Der größte Unsicherheitsfaktor ist die Entscheidung des deutschen Verfassungsgerichts zum OMT im April", warnt Hofstätter. Denn das Versprechen der EZB, unbegrenzt Anleihen zu kaufen, sei ein wesentlicher Grund für die gute Stimmung an den Finanzmärkten.

Unsicherheiten bleiben

Selbst in den schlimmsten Bereichen des spanischen Immobilienbooms wurden zuletzt erste positive Nachrichten vermeldet. Die Problembank Bankia, die mit einer Summe von 18 Milliarden Euro gerettet werden musste, kann sich über einen Zustrom an Kunden freuen. Der Anteil der faulen Kredite hat sich zuletzt stabilisiert. Daher schreibt der "Economist" bereits von einer Erholung bei der "Bank im Zentrum von Spaniens Bankenkrise".

Doch der Fluss guter Nachrichten könnte 2014 ins Stocken geraten. Einerseits erwarten viele Analysten, dass die Zinsen an den sicheren Staatsanleihenmärkten wie 2013 weiter steigen. Das könnte auch die südeuropäischen Märkte unter Druck bringen. Dazu kommt der umfangreiche Bankencheck der EZB, der neue Milliardenhilfen für marode Institute an der Peripherie notwendig machen könnte. Das politische Risiko bleibt zudem hoch, wenn Regierungen angesichts laufender Sparprogramme und weiter lahmen Wachstums unter Druck kommen. Dass die Zinsen in Südeuropa bereits so weit gefallen sind, bedeutet auch, dass die Anleger immer weniger Risikopuffer bei den Staatsanleihen haben – trotz anhaltender Risiken. (Lukas Sustala, derStandard.at, 29.1.2014)

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