Homosexualität war selten so präsent bei Olympia

29. Jänner 2014, 11:09
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Trotz Verdrängungsversuchen der russischen Politik: Selten bekannten sich so viele SportlerInnen im Vorfeld offen zu ihrer Homosexualität

Sotschi - Trotz internationaler Kritik kämpft die russische Obrigkeit weiter gegen Schwule und Lesben. Gleichzeitig war das Thema bei Olympia wohl nie so präsent wie nun bei den ersten Winterspielen in Russland.

Eineinhalb Wochen vor dem Großereignis in Sotschi sorgte nun auch der Bürgermeister der Stadt, Anatoli Pachomow, am Montag im BBC-Fernsehen mit einer kühnen Festlegung für Aufregung: In seiner Stadt gebe es keine Homosexuellen, sagte der Politiker. Dann räumte er aber ein: "Ich bin mir nicht sicher, aber ich kenne sie verdammt noch mal nicht."

So wie Pachomow dürfte es vielen homophoben russischen Politikern mit der Zielgruppe ihrer Vorurteile gehen. Schwul- oder lesbisch sein gilt in Russland, dessen Präsident Wladimir Putin sich in Urlaubsvideos gerne mal mit nacktem Oberkörper zu Pferde zeigt oder im Ranger-Outfit die Tundra durchstreift, mindestens als Schwäche - oder noch schlimmer: Ein von Putin im Juni vergangenen Jahres gebilligtes Gesetz zum Verbot von "Homosexuellen-Propaganda" setzt Homosexualität mit Pädophilie gleich.

Kaum zwei Wochen ist es her, da forderte Putin homosexuelle Gäste der Olympischen Spiele auf: "Bitte lassen Sie Kinder in Ruhe." Wenige Sätze zuvor hatte er sich um Entspannung bemüht: Nichts werde verboten und niemand werde verhaftet. "Sie können sich ruhig und entspannt fühlen", sagte Putin. Ähnlich äußerte sich nun auch Pachomow im BBC-Magazin "Panorama". Homosexuelle seien herzlich willkommen in Sotschi - wenn sie die Gesetze achteten.

Gesetz öffnet Homophobie Tür und Tor

Homosexuellen-AktivistInnen kritisieren, das "Propaganda"-Gesetz sei so schwammig formuliert, dass es sich gegen jede Homosexuellen-Veranstaltung anwenden lasse. Außerdem öffnete das Gesetz gewalttätiger Homophobie in Russland, wo Homosexualität noch bis 1993 unter Strafe stand und bis 1999 als Geisteskrankheit galt, Tür und Tor. Berichte über Misshandlungen häuften sich, grausame Internetvideos tauchten auf, die oft von Rechtsextremen ins Netz gestellt wurden.

Allen russischen Einschüchterungsversuchen zum Trotz: Das Thema beherrscht die Debatte vor den Olympischen Winterspielen, selten bekannten sich so viele SportlerInnen im Vorfeld offen zu ihrer Homosexualität. Aus Protest gegen Diskriminierung und die Beschneidung der Meinungsfreiheit in Russland riefen einzelne SportlerInnen, KünstlerInnen und PolitikerInnen zum Boykott der Spiele auf.

Zuletzt prangerten Mitte des Monats 27 NobelpreisträgerInnen in einem Brief an Putin die Diskriminierung von Homosexuellen an. Der Protest gegen die neuen Gesetze möge zu einer Besinnung Russlands auf die "humanitären, politischen und alles umfassenden demokratischen Prinzipien des 21. Jahrhunderts" führen, äußerten die UnterzeichnerInnen in der britischen Zeitung "Independent" ihre Hoffnung.

Obama schickt Tennis-Ikone Billie Jean King

Bereits im vergangenen Jahr hatten 15 Topathleten aus den USA und Europa das Internationale Olympische Komitee (IOC) und seinen neuen Präsidenten Thomas Bach ebenfalls in einem offenen Brief aufgefordert, Farbe zu bekennen. Die russischen Homosexuellen-Gesetze "verletzen die Olympische Charta".

Das IOC warnte AthletInnen bei Androhung von Disqualifikation vor offenen politischen Äußerungen während der Spiele. US-Präsident Barack Obama schickt dagegen demonstrativ eine Delegation mit der offen lesbischen Tennis-Ikone Billie Jean King nach Sotschi.

Und die BBC traf bei ihrem Besuch in Sotschi nicht nur Bürgermeister Pachomow, sondern auch Gäste in einer Schwulenbar. In einer stillen Nebenstraße - ohne Namensschild. (APA, 29.1.2014)

  • Souvenirs für die Winterspiele in Sotschi. An die Präsenz der Diskussionen über Menschenrechte werden sie allerdings nicht erinnern. 
    foto: reuters / alexander demianchuk

    Souvenirs für die Winterspiele in Sotschi. An die Präsenz der Diskussionen über Menschenrechte werden sie allerdings nicht erinnern. 

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