Argentinien: "Fed spielt untergeordnete Rolle"

Interview28. Jänner 2014, 18:32
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Die US-Notenbank ist nicht schuld am Absturz des Peso in Argentinien, sagt der Ökonom Andrés Musacchio. Regierung und Notenbank wollten die Abwertung

STANDARD: Der argentinische Peso hat seit Jahresbeginn 17 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. Ende vergangener Woche nahm der Währungsverfall dramatische Züge an. Was war der Grund?

Musacchio: Es gibt eine Reihe von Ursachen. Die wichtigste ist, dass der Peso im Laufe der vergangenen Jahre stark aufgewertet hat. Die Inflation in Argentinien ist enorm, weit jenseits der 20 Prozent. Das alles hat förmlich nach einer Korrektur gerufen. Hinzu kommt, dass die Agrarproduzenten einen Kampf gegen die Regierung austragen. Landwirtschaftliche Betriebe zahlen hohe Exportsteuern. Sie protestieren dagegen seit Monaten, indem sie ihre Ausfuhren gedrosselt haben. Dadurch kommen weniger Dollar ins Land, was zu einer Verknappung und einem Anstieg des Dollarpreises führte. Hinzu kamen spekulative Attacken gegen Argentinien. Es ist nicht so, wie die Regierung sagt, dass der Währungsverfall Schuld von Spekulanten war. Aber eine Rolle gespielt hat das sicher.

STANDARD: Viele Ökonomen gaben der US-Notenbank die Schuld: Weil sie ihre expansive Geldpolitik zurückfährt, ziehen Investoren ihr Geld ab, so der Tenor.

Musacchio: Wenn, spielt das nur eine untergeordnete Rolle. Man darf nicht vergessen, dass die Notenbank in Buenos Aires selbst eine Abwertung des Peso angestrebt hat. Argentinien sollte damit für ausländische Investoren interessanter werden und die Agrarindustrie sollte unter Druck gesetzt werden, um ihre Blockade zu beenden. Verliert der Peso an Wert, macht es für Unternehmen noch mehr Sinn, zu exportieren. Außerdem sollte mit der Peso-Schwächung der Peso-Schwarzmarkt getroffen werden. Allerdings wollte die Notenbank eine Abwertung in kleinen Schritten. Ein, zwei Cent am Tag. Der Prozess ist dann aus genannten Gründen außer Kontrolle geraten.

STANDARD: Sie erwähnen den Peso-Schwarzmarkt, der eine wichtige Rolle in Argentinien zu spielen scheint. Was ist das genau?

Musacchio: Argentinien hatte sehr lange einen freien Devisenmarkt. Die Notenbank hat korrigierend eingegriffen, um den Wert des Peso stabil zu halten, aber Unternehmen und Bürger konnten frei Peso kaufen und verkaufen. Nach Ausbruch der Finanzkrise setzte 2010 eine Kapitalflucht ein: Ausländische und argentinische Konzerne zogen Gelder aus dem Land ab. Daraufhin entschied sich die Regierung von Cristina de Kirchner für ein halbherziges System: Dollarkäufe wurden genehmigungspflichtig und sie wurden mit einer Sondersteuer belegt. Völlig eingeschränkt wurde der Devisenhandel aber nicht. Die Folge war, dass sich ein Peso-Schwarzmarkt entwickelte. Dieser ist nicht sehr groß, schwarz gehandelt werden zwei bis drei Millionen Dollar.

STANDARD: Wenn der Schwarzmarkt so klein ist, wieso will die Regierung dann dagegen vorgehen?

Musacchio: Der Schwarzmarkt-Peso hat einen viel geringeren Wert: Offiziell kostete ein Dollar vor wenigen Wochen sechs Peso, am Schwarzmarkt waren es zwölf oder 13. Diese Differenz hat eine Unsicherheit über den Wert des Peso ausgelöst. Medienberichte erweckten den Eindruck, dass der Schwarzmarkt den wahren Wert der Währung widergespiegelt. Deshalb rechneten viele Argentinier mit einem Währungsverfall. Unternehmen haben ihre Preise nach diesen Erwartungen gerichtet, was die Inflation befeuerte. Die Notenbank wollte mit der Abwertung des Peso und einer Freigabe der Dollarkäufe den Schwarzmarkt zurückdrängen: Für Dollarbesitzer sollte es wieder interessanter werden, die offiziellen Kanäle zu nutzen.

STANDARD: Ist der Pesoverfall spürbar? Haben sich die Preise für Importwaren verteuert?

Musacchio: Am Wochenende haben mehrere Unternehmen angekündigt, ihre Preise an den Dollarkurs zu binden. Die Regierung hat sich von ihnen eine Zusage geholt, dass dies vorerst nicht passiert. Wenn der Peso nicht weiter fällt, werden die Auswirkungen der Sache begrenzt bleiben. Alles hängt davon ab, ob die Notenbank den aktuellen Kurs verteidigen kann. (András Szigetvari, DER STANDARD, 29.1.2014)

Andrés Musacchio ist Ökonom am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität von Buenos Aires. DER STANDARD erreichte ihn telefonisch in Buenos Aires.

  • Andrés Musacchio.
    foto: privat

    Andrés Musacchio.

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