Opern- und Theaterkritiker Karl Löbl gestorben

  • Karl Löbl, hier im Bild mit Zubin Mehta.

    Karl Löbl, hier im Bild mit Zubin Mehta.

  • Er machte Fernseh-Kulturgeschichte mit ORF-Sendungen wie "Nach der Premiere" und "Café Central".
    foto: orf/andreas friess

    Er machte Fernseh-Kulturgeschichte mit ORF-Sendungen wie "Nach der Premiere" und "Café Central".

Löbl war 18 Jahre lang Kulturchef im ORF. Seine Urteile waren stets kompromisslos, seine Kritiken unbestechlich, seine Sendungen Kult. Montagnacht erlag er seiner schweren Krebserkrankung

Wien - Die Mail, die Karl Löbl im Frühsommer 2013 an Freunde und eine Handvoll ehemaliger Kolleginnen und Kollegen schickte, war so kompromisslos ehrlich und der Wahrheit verpflichtet wie sein gesamtes journalistisches Schaffen. Man möge seine "anhaltende Zurückgezogenheit" verstehen, aber für Treffen und Tratschen sei er kaum mehr tauglich: "Nach zwei Krebsoperationen und trotz mehrmaliger Chemotherapien wollen die Karzinom-Herde von mir nicht lassen, haben sich jetzt der Leber und Lunge bemächtigt."

Alle medizinischen (Hilfs-)Maßnahmen würden eingestellt, er wolle sein bisher so schönes Leben auf natürliche Art enden lassen. Doch zunächst schrieb er noch rasch sein neues Buch: "Nach den Premieren" (Verlag Seifert). Die Einblicke in sein Leben in und mit der Wiener Staatsoper stellte er im November 2013 vor.

Langjähriger Feuilletonchef

26 Jahre lang war Löbl Feuilletonchef diverser Zeitungen, dazwischen (von 1975 bis 1979) auch Chefredakteur des "Kurier", ehe er 1980 als Fernseh-Kultur-Hauptabteilungsleiter zur Legende wurde. Sendungen wie "Lieben Sie Klassik" und "Klassiktreffpunkt" im Radio oder "Nach der Premiere" im Fernsehen waren Kult, seine messerscharfen, blitzschnellen Analysen sind bis heute unübertroffen. Seine intellektuelle Brillanz konnte mitunter durchaus einschüchternd sein.

Viele Jahre war er, der Lehrmeister von und für Generationen von Journalisten, mein Chef in der ORF-Kulturabteilung und bis zuletzt mein vielleicht wichtigster Ratgeber, vor allem was journalistische Sorgfalt, Empathie gegenüber der Sache, Begeisterungsfähigkeit anging, aber auch Streitkultur, Widerspenstigkeit, harte Diskussionen. War man überraschenderweise seiner Meinung, blickte er spöttisch und wartete auf Widerspruch. Bequem wollte er es nie.

Wie unbequem er es sich selbst - und, ja, wohl auch anderen - machte, wie forsch und unerschrocken er sich seinen Ruf als unbestechliche Kritikerinstanz erwarb, beschreibt Löbl in seiner im Frühjahr 2013 erschienen Autobiografie Der Balkonlöwe. 60 Jahre mit den Prominenten aus Oper, Theater und Fernsehen (Verlag Seifert).

Arbeit als beste Medizin

Arbeit sei die beste Medizin, sagte er, und schob den Tod immer ein bisschen weiter hinaus. Wenn man ihn traf, wollte er über alles reden, nur nicht über seine Gesundheit. Etwa dass er, geboren 1930 als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, als Hitlerjunge paradierte - und mit dieser Camouflage der Familie vermutlich unwissentlich das Leben rettete. Oder über seine große Liebe zu seiner Frau, der um sechs Jahre älteren Journalistin Hermi Löbl, mit der er 56 Jahre verheiratet war, mit der er zwei Kinder hatte. Und die er, bereits selbst schwer erkrankt, pflegte bis zu ihrem Tod.

Oder dass sich 1956 der damalige Staatsoperndirektor Karl Böhm nach seiner Rückkehr von einem Amerika-Gastspiel dazu hinreißen ließ, einem kaum 25-jährigen journalistischen Grünschnabel namens Löbl zu verraten, dass er seine internationale Karriere nicht der Staatsoper zu opfern gedenke. Das Ergebnis ist bekannt, Böhm wurde umgehend ab-, durch Herbert von Karajan ersetzt und Löbls Ruf als unbestechlicher, auch frecher Kritikerpapst zementiert.

Nur ein Jahr später bezeichnete der junge Opernfan eine Sängerin als "Kredenz auf Radln", was ihm eine Verurteilung wegen Verunglimpfung eintrug und was er später - allerdings ziemlich halbherzig und unter heftigem Augenzwinkern - bedauerte. Als Karl Löbl 1998 vom ORF in Pension geschickt wurde, hatte er jedenfalls keinen Pensionsschock. Er schrieb freiberufliche Opern- und Musikkritiken, übernahm die Moderation der Staatsopernmatineen Vor der Premiere.

Buchpläne

Er habe, sagte er einmal bei einem unserer letzten Treffen im November, eigentlich wenig bedauert in seinem Leben - ja, vielleicht dass sein Traum, Staatsoperndirektor zu werden, unerfüllt blieb. Wehmut deswegen? Nein, wehmütig sei er nicht: "Ich habe immer das gemacht, was mir große Freude bereitet hat."

Im Mai wollte er sein drittes Buch präsentieren, diesmal schrieb er über Mensch und Mythos Herbert von Karajan. Wie beim "Balkonlöwen" und "Nach den Premieren" sollten nur wenige Monate zwischen Idee und fertigem Buch liegen. Doch diesmal war die Krankheit schneller. "Ein Journalistenleben lang galt ich als besonders hartnäckig. Diese Eigenschaft haben in den letzten Jahren offenbar auch meine Krankheiten übernommen." (Andrea Schurian, DER STANDARD, 29.1.2014)

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noch zwei Kritiken, die mir noch lange in Erinnerung bleiben werden:

1)In einem Akt "West Side Story" steckt mehr Musik als Andrew Lloyd Webber in seinem ganzen Leben komponiert hat.
2)nach einer Repertoirevorstellung von "Ariadne auf Naxos" an der Wiener Staatsoper: William Cochran als Bacchus sang eher wie der Gott des Bieres......

Präziser kann man es nicht formulieren!

Am Ende der Folge "Pop" von der Sendung ohne Namen gab es quasi ein Best Of von Karl Löbl: https://www.youtube.com/watch?v=O... o&t=22m47s

Vielen Danke für die unzähligen

treffsicheren und schonungslosen Kritiken. Ein ganz ganz Großer seiner Zunft ist nicht mehr!
RIP

karl löbl + stermann & grissemann

die aufzeichung dieses events (wo ich gott sei dank den mischnitt habe) ist an schlagfertigkeit und unterhaltung nicht zu überbieten... so hab ich karl löbl kennengelernt... sympathisch und sehr witzig...

http://www.ots.at/presseaus... schiefgang

REQUESCAT IN PACE, sehr verehrter und lieber freund, karli löbl!

eine liebe erinnerung kommt in meine gedanken:

es war in der ORF kantine, als ich mit seiner frau ,die hermi, bei einem kaffee plauderte, kam der karli dazu.

ich bewunderte schon immer seine gnadenlose ehrlichkeit und sein geniales wissen.

so sah ich ihn an, und er sagte laechelnd zu mir, wobei er seiner frau hermi zuzwinkerte:

"ja maedel,du musst dich schon entscheiden, welches von meinen beiden augen du folgen sollst.
mein rechtes ist bestaendiger. auf mein linkes kann man sich nicht verlassen". dann lachte er so herzlich, dass ich ihn amliebsten sofort umarmen mochte.

mögest du mit deiner geliebten frau in frieden ruhen, lieber freund!!

die kyok

Ein Kritiker, dessen Urteil man blind vertrauen konnte.-

Was er empfahl war sehenswert, was er verurteilte Schrott. Dabei schrieb er einen Stil, den auch der Laie verstand. Nicht einverstanden war ich mit 'der Kredenz auf Radln' (Gertrude Grob-Prandl), welche ich einmal als betörend schön singende Brünnhilden-Einspringerin für A. Varnay im 'Siegfried' erlebte. Da muß sie allerdings auch weniger schauspielern, als bei der 'Isolde'.- So, wie er sich allerdings in seinen Memoiren darstellt (ziemlich egozentrisch) habe ich ihn persönlich nie erlebt. Da war er umgänglich, leutselig und jeder Diskussion zugeneigt.

Noch heute weine ich dem Klassiktreffpunkt unter Löbl nach

Seit seinem Abgang ist der Klassiktreffpunkt nur noch ein Gemischtwaren-Bauchladen - flach, öd und uninterressant. So wie die ORF-Kultur insgesamt zur Beliebigkeit verkommen ist, samt ihrer Galionsfigur Barbara Rett, die in Klosterschülerinnenmanier kritiklos auf die Knie fällt, sobald ein großer Name auftaucht. Egal wie gut oder banal eine Aufführung ist, ihre Kommentare sind eine Anhäufung von Superlativen.

Ewig schade.

Man könnte fast meinen, Sie beschreiben damit auch Helga Rabl-Stadler.

nun, die muß ihre eigen Ware gut verkaufen, soweit darf man ihr das nicht übelnehmen.

BR jedoch hätte eine etwas außenstehendere Position. Dafür muß ich heute noch grinsen, wie sie einmal von Paulus Manker (eben für genau die von Woodpecker beschriebene Eigenart) niedergemacht wurde.

Ich weiß nicht mehr das Stück, ist ewig her, doch die Szene wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Im Hintergrund die Bühne, die Darsteller verbeugen sich, unten buht das Publikum, im Vordergrund Löbl: "Ich habe noch nie einen größeren Schmarrn gesehen!"

Wenn es einen gab, der dem bekanntermaßen und zu Recht unbarmherzigen Wiener Publikum ein Sprachrohr verlieh, dann war das Karl Löbl. Danke!

Ich mochte ihn auch sehr gern. In meiner Kindheit schon beeindruckte er mich mit seinem differenzierten Blick....;)

http://www.youtube.com/watch?v=RBX1dGbv4FU

In tiefer Trauer

verneige ich mich und hoffe, dass nun in den Hallen des Himmels, Karl Löbls unerreichbare Rezensionen für neues Leben sorgen. Auf ein neues, lieber Karl!

Unvergessen sein Kommentar in die Kamera: "Ich schiel nicht nur, ich sitz auch schief!"

genau das war dass was mir spontan eingefallen ist.

Ein wirklich lieber und g´scheiter Mensch ist tot.

Ich freu` mich auf ein Wiedersehn.

Karl Löbl hat durch seine damalige Medienpräsenz und Tätigkeit dazu beigetragen, dass ich Theater und Oper lieben gelernt habe. Danke.

Ich kann mich noch gut erinnern, als Karl Löbl 1997 nach der Uraufführung von Kurt Schwertsiks Oper "Die Welt der Mongolen" im Landesthater Linz die Premiere fürs TV von der Loge aus kommentierte....ich war damals als Statist in der Oper dabei und seine Anwesenheit gab dem Ganzen etwas besonderes und aufregendes ("ein bekannter Mann vom Fernsehen sieht mich auf der Bühne").

von wegen Linz und UA:

den "Fadinger" wird er leider nimmer sehen.

Ab dem Zeitpunkt, da er in Pension ging,

wünschte ich im alles Gute! Der Löbl-Geschmack hat leider viel zu lange Oe1 dominiert.

Karl Löbl hat meine Liebe zur Musik mitgeprägt, mit "Lieben Sie Klassik" bin ich aufgewachsen, seine pointierten Kommentare werden mir fehlen. Wenn ich in eine Vorstellung nicht gehen konnte, dann las ich immer den Löbl, auf seinen Bericht war Verlass!
Japantournee der Staatsoper und Don Carlos in Wien, im Orchestergraben herrschte ein reges Kommen und Gehen (sogar als Ghiaurov seine grosse Szene hatte), das kommentierte er dann so: "....das Orchester befand sich teils in Japan und teils in der Kantine......!"

o ja, herrlich! unverkennbar der karl löbl!

Lehrmeister

für junge Kollegen und Publikum - die werden leider immer weniger. Heute regiert das Mittelmaß, man hat immer seltener das Bedürfnis, zuzuhören...

RIP

gfeanzt und höchst sachkundig.

die brille, das schielen und die direktheit

das war kult! einer der lichtblicke im orf! danke für die vielen meist sehr treffenden "nach der premiere" kommentare!

"ich schiele nicht,ich sitze schief!" alleine wegen solch einer meldung, ein muß seine kritiken zu sehen und hören!
Danke!

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