"Schmerz und Leid sind nicht dasselbe"

Interview29. Jänner 2014, 14:19
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Philosoph Peter Kampits wünscht sich eine liberalere Sterbehilfe in Österreich, warnt aber auch vor der Ökonomisierung des Lebensendes

STANDARD: Etwa 60 Prozent der österreichischen Bevölkerung wünschen sich die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe. Was bedeutet menschenwürdiges Sterben?

Kampits: Natürlich wollen wir alle menschenwürdig sterben. Die meisten Menschen meinen damit: ohne Schmerzen, begleitet statt allein – und sehr schnell. Sie wünschen sich einen Schlaganfall mit tödlichem Ausgang oder einen Herzstillstand als Sterbensart. Das wäre für sie der würdigste Tod. Würde ist ein Passepartoutbegriff, also ein Rahmen – wer von uns ist schon gegen die Menschenwürde?

STANDARD: Sie sagen, dass Würde ohne persönliche Autonomie nicht denkbar ist – also auch nicht ohne die Freiheit, selbst über sein Lebensende zu bestimmen.

Kampits: Der Würdebegriff hat drei verschiedene Wurzeln und damit drei Auslegungen: Der christlich-metaphysische Zugang sagt, dass Würde intrinsisch ist, also per se zum Wesen des Menschen dazugehört. Diese Bedeutung fußt in der Genesis: Gott schuf alles, was kreucht und fleucht, dann schuf er den Menschen zu seinem Bild und Gleichnis. Die Ebenbildlichkeit zu Gott ist in diesem Verständnis die Grundlage der menschlichen Würde.

STANDARD: Im christlichen Verständnis ist Würde also bedingungslos: Weil du Mensch bist, hast du Würde.

Kampits: Ja, und daraus ergibt sich der absolute Lebensschutz, der von den Konservativen und den meisten Religionen ehern verteidigt wird. Der zweite Würdebegriff stammt aus der Aufklärung. Damit sind wir bei der Autonomie und Selbstbestimmung. Kant hat gesagt, dass die Würde in der Autonomie und Vernunftfähigkeit des Menschen begründet ist. In Bezug auf Menschen, die noch nicht oder nicht mehr vernunftfähig sind – etwa Kleinkinder oder Demente – wirft das natürlich Probleme auf.

STANDARD: Denen wird man die Würde ja nicht absprechen.

Kampits: Eben. Der dritte Würdebegriff ist ein eher pragmatischer – in dieser Vorstellung entsteht Würde erst in der gegenseitigen Anerkennung und im Respekt miteinander. Hier ist Würde also nicht etwas a priori Bestehendes.

STANDARD: Würde als soziale Praxis? Welche Forderung ergibt sich aus diesem Verständnis für das Lebensende?

Kampits: Der Anspruch, anständig betreut und eben nicht "entwürdigt" zu werden als alter oder kranker Mensch. Dieser Anspruch leitet sich zentral aus diesem dritten Würdebegriff ab.

STANDARD: Hier zeigt sich allerdings, wie subjektiv die Vorstellung von Würde ist – eine Behandlung, die für den einen unwürdig ist, ist für den anderen kein Problem.

Kampits: Ja. Vergleichen wir es mit dem Beispiel der Scham: Viele Menschen würden nie auf einen Nacktbadestrand gehen, weil sie sich angestarrt und entwürdigt fühlen. Andere lieben FKK.

STANDARD: Lässt sich zwischen dem christlich fundierten und dem aufgeklärten oder pragmatischen Würdebegriff überhaupt ein Konsens herstellen?

Kampits: Konsensfindung ist hier wahnsinnig schwierig. Aber es gibt zwei oder drei mittlere Positionen, von denen aus das gelingen könnte. Der dissidente Theologe Hans Küng hat gesagt: Es kann nicht sein, dass Gott den Menschen freie Entscheidungen über ihr Leben schenkt, ihnen aber beim Sterben das Selbstbestimmungsrecht aberkennt. Die zweite Position ist ein abgestufter Würdebegriff, den man auch beim Beginn des Lebens in Anschlag bringt. Da gibt es die Diskussion, ob der einige Tage alte Embryo ein Konglomerat von Zellen ist – oder ein Mensch. Hier gilt ein Würdebegriff, der sagt: Der Anspruch auf Leben ist da, aber nicht das Recht.

STANDARD: Sie sagen, dass das Lebensrecht, das man niemandem absprechen darf, keine Lebenspflicht werden darf.

Kampits: Die liberale Lösung in der Sterbehilfe ist aus meiner Sicht deshalb die beste, weil dabei niemand gezwungen wird – nicht der Patient und nicht der Arzt. Es ist die Wahlfreiheit. Eine religiös geprägte Weltanschauung kann in der Frage des Sterbens nicht über die Gesamtheit der Menschen entscheiden. Das geht nicht. Eine Liberalisierung wäre eine Freigabe hin zur eigenen Entscheidung.

STANDARD: Sehen Sie die Gefahr der Ökonomisierung des Lebensendes – ich denke sowohl an Lebensverlängerung durch Medizin als auch an Sterbehilfe, die manche bereits "Sterbeindustrie" nennen?

Kampits: Diese Gefahr besteht – in beide Richtungen. Etwa 80 Prozent der Kosten, die wir im Laufe unseres Lebens durch die Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen verursachen, fallen in den letzten beiden Lebensjahren an. Für mich als Ethiker wären ökonomische Rationierungen hier natürlich das Schlimmste. "Weil du arm bist, stirbt du früher" – diese Logik muss man verhindern. Zugleich geht es bei der medizinischen Lebensverlängerung um sehr viel Geld, vor allem um Profite für die Pharmaindustrie.

STANDARD: Einige Kritiker einer aktiven Sterbehilfe warnen vor einer "Euthanasie in der Schublade", der die Unterscheidung in "wertes" und "unwertes" Leben zugrunde liegt. Zu Recht?

Kampits: Dieser Befürchtung kann man die Erfahrungen aus Holland, Belgien und Luxemburg mit der Sterbehilfe entgegenhalten. Dort zeigt sich, dass man das gesetzlich in den Griff bekommen kann. Ein gut ausgebautes Hospizwesen und die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe sind übrigens kein Widerspruch – im Gegenteil. Auch das zeigt sich in diesen Ländern. Es muss jedenfalls klar sein, dass der Betroffene selber sterben will. Die Unterscheidung in wertes und unwertes Leben, wie sie die Nazis getroffen haben, das wäre jedenfalls das Schlimmste.

STANDARD: Der Wille zur Beendigung des eigenen Lebens setzt die Existenz eines freien Willens voraus. Sollte man das Recht auf begleitetes Sterben auch Menschen einräumen, die nicht "Herr im eigenen Haus" sind – etwa schwer Dementen oder Depressiven?

Kampits: Das ist ein schwieriges Problem. Die Hirnforschung bestreitet ja die Existenz eines wirklich freien Willens: Wenn wir glauben, frei zu handeln, habe unser Hirn die Entscheidung eigentlich längst getroffen. Natürlich gehören Autonomie, Selbstbestimmung und freier Wille zu unseren menschlichen Grundrechten. Autonomie ist in diesem Zusammenhang allerdings nicht Willkür. Die Autonomie, die wir sozial mühsam errungen haben, müssen wir mit einem Grenz- und Verantwortungsgefühl verbinden.

STANDARD: Sie stoßen sich daran, dass beim Thema Sterbehilfe vieles auf Schmerz reduziert wird. Warum?

Kampits: Schmerz und Leid sind nicht dasselbe. Schmerzen kann man in den Griff kriegen; die Einsamkeit, Verlassenheit und Angst des betroffenen Menschen aber vielleicht nicht beeinflussen. Umgekehrt will auch nicht jeder Händchen halten und eine Erklärung des Sinnes des Sterbens am Lebensende.

STANDARD: Reicht die derzeitige Patientenverfügung in Österreich nicht, um das Problem des selbstbestimmten begleiteten Sterbens am Lebensende zu lösen?

Kampits: Die Patientenverfügung umschifft in der jetzigen Form das Problem der aktiven Sterbehilfe. Natürlich ist die Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen schwierig: Ist Unterlassen nicht auch ein Tun? Wo ist der Unterschied, wenn ich die lebenserhaltenden Geräte abstelle oder wenn ich tatsächlich, etwa durch bestimmte Medikamente, zum Sterben beitrage? Die Patientenverfügung hat einige Tücken, weil der Patient nicht einfach sagen kann: Wenn ich Krebs habe, will ich nicht behandelt werden. Er muss mit einem Arzt detailgenau festlegen, welche Krankheiten in welchem Stadium für ihn als unerträglich gelten. Das schreckt viele Menschen ab.

STANDARD: Kritiker einer liberaleren Sterbehilfe sagen, dass die bestehende Möglichkeit der Patientenverfügung den natürlichen Tod anstrebe. Reicht Ihnen das nicht?

Kampits: Nein. Was heißt natürlich? Dann müsste jede Blinddarmoperation als Eingriff in die Natur gelten. (Lisa Mayr, DER STANDARD, 29.1.2014)


Peter Kampits, geboren 1942, leitet das Zentrum für Ethik in der Medizin an der Donau-Universität Krems. Der Universitätsprofessor war Vorstand des Instituts für Philosophie und Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien.

  • Ein gut ausgebautes Hospizwesen und die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe sind kein Widerspruch, sagt Philosoph Peter Kampits.
    foto: standard/corn

    Ein gut ausgebautes Hospizwesen und die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe sind kein Widerspruch, sagt Philosoph Peter Kampits.

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