Meereslebewesen sind der Versauerung nicht gänzlich hilflos ausgeliefert

2. Februar 2014, 18:10
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Sinkender pH-Wert in den Ozeanen kann zur Gefahr werden - offen bleibt die Frage, wie gut evolutionäre Anpassung das abfedern kann

Kiel - Die derzeitige Tendenz zur Versauerung der Ozeane - also zu einem Absinken des pH-Werts durch die Aufnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre - hat Auswirkungen auf die Meeresfauna und -flora. Insbesondere für Korallen und Kalkschalen bildende Meereslebewesen kann dies zur Bedrohung werden, wie in den vergangenen Jahren immer wieder berichtet wurde.

Das stimmt zwar im Grunde auch, doch ist das Gesamtbild komplexer. Darauf laufen die Untersuchungen eines internationalen Forschungsteams hinaus, von denen das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel berichtet. In ihrer im Fachmagazin "Trends in Ecology and Evolution" veröffentlichten Studie betonen die Wissenschafter die Rolle der evolutionären Anpassung an neue Umstände - auch wenn das Zukunftsprognosen letztlich noch schwieriger macht.

Anpassungsleistungen

Zwei Prozesse helfen Organismen beim Überleben. Zunächst kommt die Akklimatisierung: Veränderungen in Physiologie, Morphologie oder Verhalten, die nicht in den genetischen Code eingehen. Längerfristig läuft die eigentliche Anpassung ab, wenn sich Mutationen durchsetzen, die die Chance der Nachkommen erhöhen, neue Lebensumstände zu verkraften. 

Um Auftreten und Effekt solcher Anpassungen festzustellen, setzen Wissenschafter mittlerweile in sogenannten Evolutionsexperimenten Organismen über mehrere Generationen hinweg Bedingungen aus, die für die Zukunft erwartet werden. Solche Experimente lassen sich natürlich nur mit Arten durchführen, die sich relativ schnell vermehren, beispielsweise mit einzelligem Phytoplankton. Eines der auffälligsten Ergebnisse aus derartigen Laborversuchen war bislang, dass kalkbildende Algen, deren Wachstum und Karbonat-Produktion zunächst unter Ozeanversauerung leidet, ihre Funktionen durch evolutionäre Anpassungen teilweise wieder herstellen können.

"Die Ozeanversauerung wird Meeresökosysteme definitiv verändern. Um die Entwicklung besser einschätzen zu können, müssen wir verstehen, wie sich Populationen im Laufe der Zeit an den Wandel anpassen. Denn wenn sich Organismen anpassen, könnten ihre Reaktionen auf Ozeanversauerung in Zukunft anders ausfallen als wir es heute beobachten", sagt der Kieler Evolutionsbiologe Thorsten Reusch. Prognosen, wie sich die ozeanischen Ökosysteme bei voranschreitender Versauerung entwickeln werden, sind damit schwieriger geworden. Allerdings wären sie erst recht nicht möglich, wenn man den Faktor Evolution ausklammert. (red, derStandard.at, 2. 2. 2014)

 

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