Die Industrie braucht motivierende Mütter

9. April 2013, 17:00
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Zahlreiche Initiativen und Projekte sollen jungen Frauen technische Berufe und MINT-Fächer schmackhaft machen

Katharina Wittmann wird in ein paar Jahren wohl genau das sein, wonach die heimische Industrie sucht und was Politik und Wirtschaft seit Jahren zu fördern versuchen: eine gut ausgebildete weibliche Fachkraft im naturwissenschaftlichen Bereich - und das, so sagt sie, liege weniger an ihrer Begabung oder ihrem Interesse, sondern vor allem an einem: dem "Input von außen". Denn, so erzählt die 23-jährige Studentin, sie selbst habe sich das lange nicht zugetraut - ohne ihre Mutter, die als technische Assistentin arbeitet, und ihre engagierte Physiklehrerin, hätte sie nach der Schule vermutlich einfach ein typisches Massenfach gewählt.

Heute hat Wittmann einen Bachelor in Theoretischer Physik und Betriebswirtschaftslehre, studiert nun beides im Master und hat einige Praktika in internationalen Unternehmen absolviert. Schon während ihrer Schulzeit an einem humanistischen Mädchengymnasium hat sie an Physikweltmeisterschaften und anderen Bewerben und Projekten teilgenommen und "so ziemlich alle MINT-Programme durchlaufen, die einem Österreich bietet".

Fachkräftemangel

MINT, das ist die gängige Abkürzung für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In der Rekrutierung von Absolventen in diesen Bereichen, so geht es aus Umfragen der Industriellenvereinigung (IV) hervor, hatten österreichische Unternehmen schon vor der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 Probleme - heute habe der Fachkräftemangel einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Acht von zehn Unternehmen geben an, große Schwierigkeiten zu haben, qualifiziertes Personal in den "Zukunftsbereichen" Technik, Produktion, Forschung und Entwicklung zu finden.

Eine Lösung für das Problem haben Industrie und Politik in einer vorurteilsbeladenen Kombination gefunden: Frauen und Technik. Zahlreiche Projekte sollen Mädchen schon ab dem Schulalter motivieren, MINT-Fächer zu studieren und technische Berufe zu ergreifen und damit dem Klischee entgegenzuwirken, dass die Naturwissenschaft eine Männerdomäne sei. Das Wissenschaftsministerium fördert beispielsweise sogenannte Kinderunis oder das Nachwuchsförderprogramm "Sparkling Science", wo Kinder gemeinsam mit Lehrern und Wissenschaftlern an Forschungsprojekten arbeiten.

Frauenanteil steigt

"Zwischen 2007 und 2011 hat ein Boom bei den Studienanfängern in den MINT-Fächern stattgefunden", heißt es aus dem Ministerium. Die Technischen Universitäten (TU) in Österreich verzeichnen mehr Studierende und auch der Frauenanteil sei über die vergangenen Jahre konstant angestiegen. An der TU Wien liegt er derzeit bei rund 27 Prozent, wobei viele Frauen Architektur studieren und immer noch sehr wenige Elektrotechnik. Für die kommenden Jahre sei der MINT-Bereich jedenfalls weiterhin ein "Schwerpunkt der Universitätsentwicklung". Im Sinne der Frauenförderung werde eine Personalentwicklung angestrebt, die weibliche Rolemodels forciert.

Dennoch: Das gesteigerte Interesse decke den Bedarf der Unternehmen noch keineswegs, klagt die Industriellenvereinigung. Im europäischen Vergleich rangiere die österreichische Frauenquote in naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen noch immer im unteren Drittel. Deshalb hat die IV nun gemeinsam mit dem Institut für Schulentwicklung der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt das Projekt "MINT 2020" gestartet - in der "Schule von morgen" soll durch fächerübergreifenden Projektunterricht und neue geschlechtergerechte Unterrichtsmethoden das Interesse an Technik geweckt werden, vor allem auch bei Mädchen.

"Forschung macht Schule"

Auch viele Unternehmen selbst bieten inzwischen Bewerbe und Projekte an, die jungen Menschen die betriebseigenen Technikberufe näher bringen sollen. So hat das Lagerlogistiksoftware-Unternehmen Knapp zum Beispiel kürzlich einen Programmierwettbewerb für Schüler und Studenten veranstaltet. Das Projekt "Forschung macht Schule" fördert "Innovationspraktika" in heimischen Unternehmen.

"Science Lectures", die Sommerakademie "Robots für Kids" an der FH Technikum Wien oder "Lange Nächte der Forschung" - es gibt unzählige weitere Projekte, die das Interesse von Kindern und Jugendlichen wecken sollen. Doch sie würden alle hauptsächlich dann greifen, wenn, wie bei Katharina Wittmann, Eltern oder engagierte Lehrer die jungen Frauen motivieren und fördern, sagt Susanne Gugrel, Geschäftsführerin des Vereins Sprungbrett, dessen größtes Projekt "FIT - Frauen in die Technik" ist. "Bei vielen Mädchen bleiben die Talente weiterhin unentdeckt."

Sozialisation spielt eine große Rolle

Gugrel hat im Rahmen des Informationsprojekts FIT schon selbst viele Schulen besucht und höre dort im Vorfeld oft, dass "sich unsere Mädchen für so etwas halt leider einfach nicht interessieren" würden. "Die Sozialisation spielt weiterhin eine große Rolle", sagt Gugrel. Sie bemängelt außerdem fehlende gendergerechte Sprache bei "Tagen der offenen Tür", auf denen Frauen oft schlicht nicht angesprochen würden.

Die Physikstudentin Katharina Wittmann kennt noch einen weiteren Grund, warum viele Frauen vor der Naturwissenschaft zurückschrecken: "Viele Mädls wollen wie ich nicht ausschließlich trockene Physik machen." Was fehlt, sei die Möglichkeit, MINT-Fächer einfach mit anderen Disziplinen kreativ kombinieren zu können. "Das würde Frauen ansprechen und in einer Arbeitswelt, wo man so flexibel sein muss wie heute, könnten am Ende auch die Unternehmen profitieren." (Katharina Mittelstaedt, derStandard.at, 9.4.2013)

  • Die MINT-Fächer sind noch eine Männerdomäne, auch wenn der Frauenanteil steigt.
    foto: apa/hochmuth

    Die MINT-Fächer sind noch eine Männerdomäne, auch wenn der Frauenanteil steigt.

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