Von der Förderung zur Sichtbarmachung

10. April 2013, 17:00
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Lange Zeit mussten sich Verantwortliche von Förderprogrammen Kritik gefallen lassen

Im Juni wird die hundertste FEMtech Expertin des Monats gewählt. Seit dem Start des Programmes zur Förderung von Frauen in Forschung und Technologie und zur Schaffung von Chacengleichheit in der industriellen und außeruniversitären Forschung im Jahr 2004 wurden zahlreiche Frauen in Forschung und Technik vor den Vorhang geholt, ihre Leistungen sichtbar gemacht. Das Kompetenzzentrum, das im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie arbeitet, hat deutlich zur Sichtbarmachung von Frauen in Naturwissenschaften und Technik beigetragen. Die Expertinnen-Datenbank ist auf mittlerweile 1483 Frauen angewachsen, die Recherche nach der passenden Expertin aus rund 100 Fachgebieten – etwa für Jurys, Vorträge oder als Kooperationspartnerin für Projekte - ist einfacher geworden, sagen Sabine Schellander und Katharina Sammer von der Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT), die inhaltlich für das FEMtech-Programm verantwortlich sind.

Datenbank-Analyse

Der Großteil der in der Datenbank eingetragenen FEMtech Fachfrauen (über 90 Prozent) hat einen Hochschulabschluss. Die Expertinnen kommen laut ÖGUT-Analyse aus 17 europäischen Ländern, wobei der Großteil (82 Prozent) Österreicherinnen sind, gefolgt von Deutschen (zehn Prozent). Die meisten Frauen sind im Unternehmenssektor (außeruniversitäre Forschung sowie Wirtschafts- bzw. Industrieunternehmen), an Universitäten und Fachhochschulen beschäftigt. Rund 200 Freiberuflerinnen stehen ebenfalls auf der Liste. Und die Positionen jener, die sich in die Datenbank aufnehmen lassen sind verantwortungsvolle: Mehr als die Hälfte der Expertinnen bekleiden eine leitende Funktion, rund ein Drittel sind Forscherinnen und Projektmitarbeiterinnen, der Rest teilt sich in Geschäftsführungs- und andere Funktionen ein. Somit werden zunächst jene, die denken, eine solche Datenbank sei ein Pool an Talenten ohne Job, eines Besseren belehrt.

Ganz deutlich wird das, wenn man einen Blick auf die einzelnen Kompetenzfelder wirft: 945 der Fachfrauen sind in den Naturwissenschaften "zu Hause", 865 sind Technikerinnen, 412 zählen sich zu Expertinnen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Aber auch Geschlechter- und Frauenforscherinnen, Land- und Forstwirtinnen, Veterinärmedizinerinnen, Humanmedizinerinnen sowie Expertinnen der Montanistik sind in der FEMtech Datenbank zu finden. Interessant sei, sagt Sammer, das haben die Interviews mit den Expertinnen ergeben, dass 80 Prozent der Frauen in Technik und Naturwissenschaften in ihrem näheren Umfeld - etwa in der Familie - Techniker um sich hatten.

Mittlerweile, eklären Schellander und Sammer, seien auch sehr viele jüngere Expertinnen mit an Bord. Der Blick in die Datenbank sei vor allem jungen Frauen empfohlen. Denn, so Schellander: "Speziell die jungen Frauen muss man erst darauf bringen, was es überhaupt für Möglichkeiten in Technik und Naturwissenschaften gibt, dass man dort gut verdienen kann, kreativ arbeiten kann - und sie auch zu ermutigen, das zu tun, was sie möchten." Dementsprechend soll sich auch die Datenbank etwas "verjüngen". Die Präsentation ist eine andere, so soll es etwa künftig nur noch Videointerviews mit den Expertinnen geben, um sie und ihren Job noch besser darstellen zu können, ergänzt Schellander.

Familienplanung problematisch

Denn die Jungen, so Sammer und Schellander unisono, seien eher inhaltlich orientiert und zwar in einer Weise, dass es ihnen "relativ egal" sei, ob in einem Team mehr Männer oder Frauen oder überhaupt Frauen mitarbeiten. Sammer: "Es geht da zunächst auch immer darum zu zeigen, dass man was kann – egal ob Mann oder Frau, wenngleich Frauen ihre Leistungen vielleicht doch etwas kritischer beäugen. Die unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen und die dadurch erweiterten Lösungsansätze stehen aber stets im Fokus."

Allerdings, ergänzt Sammer, hätten diese Expertinnen den unterschiedlichen Umgang von Mann und Frau im Laufe ihrer Karriere meist erst dann vor Augen, wenn es um die Familienplanung gehe. Und besonders in der Forschungswelt sei die Etablierung von flexiblen Arbeitszeitmodellen schwierig bis fast unmöglich, an das Weggehen von einer Präsenzkultur nahezu nicht zu denken – nicht zuletzt auch, so Sammer und Schellander, weil sie nach wie vor männerdominiert sei. Sammer: "Zwar ist das schon auch als generelles Problem und nicht als ein spezielles in Technik und Naturwissenschaft zu sehen. Es ist aber doch so, dass dort, wo es nach wie vor Männerdomänen gibt – und das ist in diesen Disziplinen häufig der Fall -, das Bewusstsein für die 'Herausforderung Familienplanung' weniger da ist. Oder das Bewusstsein ist da und die Umsetzung ist schleppend." An diesem Punkt gebe es eindeutig Nachholbedarf, so die beiden ÖGUT-Mitarbeiterinnen.

Nicht zuletzt sei durch das stete Wachstum der Datenbank auch die Vernetzung – auch mit anderen Initiativen – eine gute und aktive. Auf gewissen Ebenen – etwa bei der Empfehlung anderer Expertinnen und Expertisen – funktioniert das Netzwerk schon sehr gut, sagt Sammer. Die Förderung der Frauen untereinander sei ein Feld, dass man noch stärker ins Auge fassen möchte. Schellander: "Die Expertinnen sind sehr kritisch. Nicht nur, was ihre eigenen Leistungen betrifft, sondern auch was die Leistungen ihrer Kolleginnen angeht. Sie prüfen meiner Ansicht nach mehr, wer sich für eine Förderung oder Empfehlung qualifiziert." (Heidi Aichinger, derStandard.at, 10.4.2013)

  • 1483 Frauen aus rund 100 Fachgebieten befinden sich derzeit in der FEMtech-Datenbank.
    foto: reuters/latif

    1483 Frauen aus rund 100 Fachgebieten befinden sich derzeit in der FEMtech-Datenbank.

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