Alle Jahre wieder: Die "neuen Juden" in der Hofburg

Leserkommentar28. Jänner 2014, 14:10
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Der "Akademikerball" ist ein gleichbleibendes Schauspiel mit bekanntem Ablauf – und keiner soll sagen, es sei von den Verantwortlichen nicht so gewollt

Schon der offizielle Titel "Akademikerball" ist irreführend bis verleumderisch, da man als Akademiker in Österreich nicht notwendig eine rechtsnationale Gesinnung teilen muss. (Obwohl das unter Umständen persönliche Vorteile bringt.) Bleiben wir also bei den Tatsachen: Es ist eine Ballnacht von schlagenden Burschenschaftsverbindungen, deren erklärter Häuptling H. C. über keinerlei akademische Bildung verfügt, aber stattdessen die Räumlichkeiten der Wiener Hofburg beansprucht.

Dies natürlich nur mit dem einzigen Motiv zu provozieren, da von einem finanziellen Gewinn für die Veranstalter dieses Balles keine Rede sein kann. Bis jetzt ist diese Rechnung auch noch jedes Jahr aufgegangen. Aufrechte DemokratInnen fühlen sich selbstverständlich provoziert, wenn ein Klüngel von Personen, welche mehr oder weniger unverhohlen der Neonazi-Szene nahestehen, unter dem Schutze der öffentlichen Hand eine märchenhaft berauschte Ballnacht an der besten Adresse Wiens feiern dürfen.

Demokratie muss verteidigt werden

Man kann es niemandem verdenken, der gegen eine Veranstaltung solch zweifelhaften Charakters auf die Straße protestieren geht. Wann endlich wird man in Österreich begreifen, dass die Demokratie kein Gottesgeschenk darstellt, sondern jeden Tag aufs Neue verteidigt werden möchte? Ehre wem Ehre gebührt.

Unser ganzer Respekt müßte jenen MitbürgerInnen gelten, welche bereit waren, für ihre aufrechte demokratische Haltung polizeiliche Prügel und Verwaltungsstrafen einzustecken. Denn sie haben der Republik einen besseren Dienst erwiesen als diejenigen, welche angesichts der Provokation gleichgültig zu Hause geblieben sind, und denen die umgestürzten Mistkübel mehr Sorgen bereiten als die Aushöhlung unseres demokratischen Staates.

Kein Demokrat kann dazu verpflichtet werden, dem Aufmarsch rechtsradikaler Elemente zu applaudieren, selbst wenn diese 70.000 Euro an Saalmiete hinblättern. Eher noch müßte in derlei Fällen die Verfassungsklausel des zivilen Widerstandsrechts in Kraft treten. – Das haben wir doch schon in der Schule gelernt: "Wehret den Anfängen!<"

Kniefall vor Ewig-Gestrigen

Weit weniger aufrechte Demokraten scheinen sich in den Reihen der offiziellen Politik zu finden, wo ein kostspieliger Einsatz der Exekutive in Kauf genommen wird, der vermutlich in keiner Relation zur Saalmiete steht, nur damit den "neuen Juden" beim Absingen des Horst Wessel-Liedes kein Leid geschähe. Eine solche Handhabung des Problems, das sogleich zur Farce wird, kann für die Republik kein Gewinn sein, deren internationales Ansehen noch geschädigt wird durch einen alljährlichen Kniefall vor den Ewig-Gestrigen.

Wie ist es möglich, dass dieselben politischen Gestalten, welche das ganze Jahr über lautstark gegen Rechtsparteien und den Nationalsozialismus polemisieren, und sich an Gedenktagen gegen Gewalt und Rassismus ins Zeug legen, just am Tage jenes berüchtigten Balles ihre Stimme verloren zu haben scheinen, anstatt die Kellernazis zum Feiern in den Keller zu verweisen? Wo bleibt da die Glaubwürdigkeit der offiziellen antifaschistischen Polemik?

Die Chronik der angekündigten Krawalle bleibt indessen jedes Jahr dieselbe. Aber eine Regierung, welche die zu erwartenden Ausschreitungen zum willkommenen Anlaß nimmt, auch noch ein taktisches Manöver zur stillschweigenden Einschränkung der Pressefreiheit zu statuieren, profitiert ja faktisch von den Provokationen der Rechtsparteien, und untergräbt damit ihre eigene Glaubwürdigkeit. Zu den drei berühmten Affen aus Japan, die sich abwechselnd Augen, Ohren und Mund bedecken, müßte man in Wien noch einen vierten dazu erfinden, der sich an den Kopf greift. (Roman Müller-Balac, Leserkommentar, derStandard.at, 28.1.2014)

Roman Müller-Balac ist freier Schriftsteller in Wien.

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