Rusalka erscheint im Anthropozän

30. Jänner 2014, 12:21
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Antonín Dvořáks Oper "Rusalka" an der Wiener Staatsoper

Es kann kein Zufall sein, dass just an dem Tag, an dem der Winter endlich Einzug in eine erwartungsvolle Stadt hält, die Premiere von "Rusalka" in der Staatsoper stattfindet. Wenn die Witterung verrückt spielt, fragt sich der Erdenbürger des 21. Jahrhunderts, ob er sie nicht in den Wahnsinn getrieben hat. Natur ist nur mehr eine Krankenakte, Wassermänner und Meerjungfrauen stehen unter Artenschutz, eine Ruine am Grunde eines Stausees, die Bäume sind Stümpfe, deren kahle Spitzen aus dem Wasser ragen. Vom Himmel auf die Erde stürzen sich die Krähen tot. Das Märchen von einst ist ein Albtraum, die stolze Seele ein klitzekleines Vogelherz. "Du mein Märchen bleibt bei mir."

Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

"Rusalka" ist ein visionäres Werk, dem die Entfremdung von Mensch und Natur im Zeitalter des Anthropozäns eingeschrieben ist. Von Anfang an ist vorgegeben, dass eine Annäherung, gar eine Liebe zwischen beiden Seiten nicht möglich sein wird, derart stark dröhnen die Warnungen des Wassermanns und der Hexe Ježibaba, so voller düsterer Vorahnung ist die Musik. Weit zurück liegt die Epoche, da Märchen von Nixen und Elementargeistern, halb kindlich, halb mythisch, das Prinzip einer göttlichen Natur heraufbeschworen. Die romantische Vision einer Verschmelzung mit der Natur als pantheistische Erlösung hat sich als fataler Irrtum herausgestellt. Der Mensch hat eine Seele, und das bedeutet aus Sicht der Elementargeister Frevel, die Erlangung einer solchen Seele erweist sich als fatales Verlustgeschäft. "Ihr gehört in die Hölle, ihr Menschen" (sagt Ježibaba).

Der Mensch — dumpf der Prinz, böse die Fürstin, lächerlich der Heger — ist eine Monokultur umgeben von vielen Naturen. Eine Verständigung ist nicht möglich, menschgeworden kann Rusalka nur schweigen (eine der genialsten Ideen des Musiktheaters), das Gespräch zwischen dem Prinzen und ihr erschöpft sich in der monologischen Frage, wieso kein Gespräch zustande kommen kann. Rusalka ist ihres Wesens beraubt; alles weitere folgt ohne Aussicht auf Gnade. Denn es kann keinen Frieden geben zwischen dem modernen Menschen und der geschundenen Natur, weswegen letztere sich blutig rächt, während sie zugleich mit den Stimmen der drei hinreißenden Elfen ihre eigene Idylle heraufbeschwört. Geht dieser Albtraum zu Ende, wenn die Natur sich den Menschen quasi kannibalistisch einverleibt?

Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

"Rusalka" ist ein düsterer Triumph, besonders bei so einer Darbietung, mit solchen Stimmen (die zerbrechlich-schöne Rusalka von Krassimira Stoyanova, der wendige Wassermann von Günther Groissböck), in so einer anregungsreichen Inszenierung. Diese Oper gehört in jedes Repertoire.

Höhepunkt: Die Musik von Dvořák unter dem Dirigat von Jirí Belohlávek. Schöpfung und Seelenlandschaften ertönen in unvertrauter Klarheit.

Coda: Danach nackt durch den Schnee laufen, dem flockigen wehenden Haar des Wassermanns folgend, Rusalkas unerfüllbare Sehnsucht unerbittlich im Ohr. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 30.1.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
"Rusalka" von Antonín DvořákStaatsoper Wien, 26. Januar 2014. Premiere
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    "Rusalka" von Antonín Dvořák
    Staatsoper Wien,
    26. Januar 2014. Premiere

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