Schwule? Gibt es nicht in Sotschi

27. Jänner 2014, 18:51
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Bürgermeister Anatoli Pachomow sorgt für Aufregung: Homosexualität sei im Kaukasus "unüblich", sagt er.

Zehn Tage sind es noch bis Olympia. Der Kurort Sotschi hat sich herausgeputzt für dieses Fest und wartet auf seine Besucher. Immerhin rund 40 Milliarden Euro lässt sich Russland die Spiele kosten. Doch sind wirklich alle Gäste gern gesehen? 

"Natürlich", sagt Bürgermeister Anatoli Pachomow. Willkommen in Sotschi! Malerisch verschneite Berge, strahlenden Sonnenschein, eine Meeresbrise und kaukasische Gastfreundlichkeit verspricht er, denn sie passen ins Bild der olympischen Hauptstadt. 

Homosexuelle nicht. Darum gibt es sie auch nicht in Sotschi – meint jedenfalls Pachomow. Er mache niemandem Vorschriften, wie er leben solle. Wer schwul sei, sei eben schwul, sagte der Politiker der Partei "Einiges Russland"  in einem Interview mit der BBC. "Aber hier im Kaukasus, wo wir leben, ist das nicht üblich. Hier gibt es sie nicht" , fügte er hinzu. Ganz sicher war sich Pachomow auf Nachfrage allerdings nicht mehr.

Es spricht auch wenig dafür: Laut der russischen Statistikbehörde RosStat lebten zu Jahres­beginn 368.000 Menschen in Sotschi. Schon aus statistischen Gründen ist es daher sehr unwahrscheinlich, dass die Großstadt völlig schwulen- oder lesbenfrei ist, wie Pachomow meint. Ein weiteres Indiz gegen die These sind die Gay-Clubs der Stadt, so wie der Club Majak, der laut dem Journal Afisha seit 2005 in Sotschi besteht. Wenn es keine Homosexuellen in der Stadt gibt, "warum gehen die Clubs dann nicht pleite?", fragt der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ironisch. 

Öffentlich Reklame machen dürfen die Clubs natürlich nicht, weder vor noch während der Olympischen Spiele. Das im Jahr 2013 erlassene Gesetz, dass die "Propaganda untraditioneller sexueller Beziehungen"  unter Minderjährigen verbietet, hat Russlands ohnehin meist im Versteckten lebende Homosexuellenszene noch weiter an den Rand gedrängt.

"Ohne Diskriminierung" 

Bei Olympia versucht sich der Kreml daher nun im Spagat: Einerseits will sich Russland als weltoffenes Land präsentieren, andererseits sind die Sicherheitskräfte angewiesen, Protestaktionen von Homosexuellen zu verhindern, die den Schein stören könnten. Präsident Wladimir Putin hat bereits vor einer Woche erklärt, dass die "Spiele in völliger Übereinkunft mit der Olympischen Charta stattfinden werden – ohne irgendwelche Diskriminierung".   (André Ballin aus Moskau /DER STANDARD, 28.1.2014)

  • Die olympische Flamme brennt schon zu Testzwecken.
    foto: ap/philipp

    Die olympische Flamme brennt schon zu Testzwecken.

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